Living Colour

Collideoscope

( English translation by Google Translation by Google )

CD-Review

Reviewdatum: 17.09.2003
Jahr: 2003

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Redakteur(e):

Ralf Stierlen


Living Colour
Collideoscope, Sanctuary Records, 2003
Corey Glover Vocals
Vernon Reid Guitar
Doug Wimbish Bass
Will Calhoun Drums
Produziert von: Living Colour Länge: 60 Min 37 Sek Medium: CD
1. Song without sin9. Holy roller
2. A ? of when10. Great expectations
3. Operation mind control11. Choices mash up/Happy shopper
4. Flying12. Pocket of tears
5. In your name13. Sacred ground
6. Back in black14. Tomorrow never knows
7. Nightmare city15. Nova
8. Lost halo

Es war im Jahre 1988 als vier junge schwarze Musiker die Musikwelt mit einer Band namens LIVING COLOUR und dem Album "Vivid" in den Grundfesten erschütterte. Die Herren Glover, Reid, Calhoun und Skillings bewiesen eindrucksvoll: Es war doch möglich, "schwarze" Musik aus der Tradition des Soul, Blues, Gospel, Funk und Reggae zu machen u n d dabei amtlich zu rocken.
Die Verschmelzung dieser bis dahin scheinbar unvereinbaren Gegensätze war die Geburtsstunde des Crossover (jedenfalls für eine breitere Öffentlichkeit) und zog tausende von Epigonen nach sich, die aber in den allerseltensten Fällen die Qualität des Originals erreichten.
Bei LIVING COLOUR kam zu der rockigen Vielfalt von lässigen bis knackigen Grooves, souligen Vocals und heftigen Gitarren noch dazu, dass die Band auch mit ihren Texten etwas zu sagen hatte: Open letter (to a landlord), Desperate people oder Which way to America zeugen von einem kritischen, wachen Blick auf den Alltag im Land der nur für die allerwenigsten unbegrenzten Möglichkeiten.

Nach dem viel gefeierten zweiten Album "Time's up" legten Living Colour die allenfalls für Sammler interessante EP "Biscuit" und das deutlich schwächere "Stain" nach - und im Anschluss die Hände in den Schoss - was Living Colour anbelangt. Calhoun widmete sich zusammen mit Bassist Wimbish, der 1991 Muzz Skillings ersetzt hatte, seinen eher funkigen Nebenprojekten HEADFAKE und JUNGLE FUNK, Reid tauchte hier und da noch bei DEFUNKT auf, experimentierte ein wenig vor sich hin oder verfaßte Soundtracks und um Corey Glover war es ziemlich still geworden. Aber man hatte die Band nicht vergessen, von Mick Jagger bis hin zu Claude Nobs (Veranstalter des Montreux Jazz Festival) wurde immer wieder eine Reunion angeregt. Teilweise spielte auch HEADFAKE mit Reid und Glover als Überraschungsgäste und nunmehr ist es soweit: Living Colour sind zurück und haben mit "Collideoscope" auch gleich ein sattes, über sechzigminütiges Album vorgelegt.

Dabei fällt eine intensive Auseinandersetzung mit 9/11, also dem Traumaereignis der USA auf, wobei diese erwartungsgemäß etwas differenzierter und kritischer ausfällt als bei "patriotischeren" Musikern wie z.B. Neil Young. Song without sin setzt dies in trocken-kantigen Rock um, während es bei A ? of when darum geht, das seit dem die Menschen permanent in unterdrückter Angst gehalten werden, was musikalisch durch verstörende Gitarrenpatterns transportiert wird.
Operation mind control prangert die Menschen an, die alles mitmachen und mit sich machen lassen, und die totale Überwachung geradezu bereitwillig-fröhlich akzeptieren; akustisch kommt dies im extremen Garagensound daher.
Die bittere Ballade Flying erzählt eine tragische Liebesgeschichte im World Trade Center am 11.September 2001 als Metapher für die Vergänglichkeit des ebenso plötzlich aufgezogenen Glücks. Ein süßlicher Keyboardteppich bricht plötzlich ab ("I'm jumping out of the window to get to my parking lot - I'm writing this song on my way down") - Vernon Reid läßt hier auch seine Jazzerfahrung (u.a. mit Ronald Shannon Jackson) in sein Spiel einfließen, ohne frickelig zu werden.

In your name ist ein Industrial-Experiment im Stile von NINE INCH NAILS oder PITCHSHIFTER und wirkt ein bißchen unentschlossen. Aber dann kommt sicherlich ein Höhepunkt für viele (und ein sicherer Höhepunkt im Liverepertoire auf der anstehenden Tour): Back in black, ein für Living Colour geradezu programmatischer Song. Bei der grandiosen Version des AC/DC-Klassikers singt Glover mindestens eine Oktave höher als sonst und Reid spielt ein Solo, bei dem sich Leute mit Schulranzen auf dem Rücken die Finger verknoten würden (ja, schlagt mich, ist aber wahr - Angus hat sicher andere Qualitäten). Dann gibt es bei Nightmare city ein wenig Dub-Reggae, der jedoch von schweren Gitarren gebrochen wird - schließlich geht es ja nicht um Sommer, Sonne, Kokosnuß sondern den täglichen Großstadthorror.
Lost halo ist ein schön schleppender Rocker im "Vivid"-Stil. Im anschließenden Holy roller geht es um Phobien und den Ruf nach Erlösung (woher auch immer), musikalisch umgesetzt in einen bluesgetränkten Stomper, mit Sahnehäubchen von Mr. Reid.
Staubtrockener Groove-Rock dann in Great expectations und Konsum(enten)kritik in Choices mash up/Happy shopper in treibend rockiger Form.

Ein verhaltener, aber stetiger Groove durchzieht Pocket of tears, wobei schwere, tiefergelegte Gitarren die popige Melodie konterkarieren. Sacred ground prangert den all zu sorglosen Umgang mit der Umwelt an und bedient sich dazu lässiger Grooves und massiver Gitarrenwände. Das anschließende BEATLES-Cover Tomorrow never knows wird zum kleinen Prog-Rock Stück, wobei Wimbish für einen erdigen Sound und Bodenhaftung sorgt und geht in den instrumentalen, hypnotisch-groovenden Schlußpunkt Nova über.

Hurra, sie sind zurück. Der Black-Rock-Shouter schlechthin. Corey Glover, einer der besten Gitarristen auf diesem Planeten, Vernon Reid (natürlich nicht in der Liste vom Rolling Stone Magazin mit den "besten 100 Gitarristen") sowie das Groove-Dream-Team Calhoun und Wimbish.
Ein Album, das nicht nur musikalisch etwas zu sagen hat und als großartiges Versprechen für zu erwartende grandiose Liveperformances dient.

Ralf Stierlen, 17.09.2003

 

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