Wolfgang Niedecken

Zosamme alt

( English translation by Google Translation by Google )

CD-Review

Reviewdatum: 01.10.2013
Jahr: 2013
Stil: Folk
Spiellänge: 61:11

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Redakteur(e):

Epi Schmidt


Wolfgang Niedecken
Zosamme Alt, Universal Music, 2013
 
Wolfgan Niedecken Gesang, Akustikgitarre
Julian Dawson Akustikgitarre, Mundharmonika, Back-Up Gesang
Steuart Smith E-Gitarre, Bass, Piano, Wurlitzer, Cittar
Larry Campbell Dobro, Pedal Steel, Violine, Mandoline
Jim Freyerr Posaune
Zev Katz Bass
John Sebastian Mundharmonika
Steve Elson Saxofon
Produziert von: Julian Dawson    
01. Zosamme alt 08. Ich wünsch mir, du wöhrs he
02. Rääts un links vum Bahndamm 09. Jedanke am Treibsand
03. Griefbar nah 10. Nie zu spät
04. Nöher zo mir 11. Für Maria
05. Paar Daach fröher 12. Magdalena (weil Maria hatt ich schon)
06. Do jeht ming Frau 13. Waat ens jraad
07. Lena 14. Alles, wat ich zo jähn wöhr

Es ist schon eine leicht diffizile Angelegenheit, das neue Soloalbum von BAP-Mastermind Wolfgang Niedecken. Angegrauter Bart, den Blick eher zurück gerichtet und ein Albumtitel, der sich nicht gerade nach "Rock'n'Roll" anhört. Tatsächlich kann man sich mit "Zosamme alt" auch ganz schnelle vertun und bei nur oberflächlichem Hören dat Dingens - um den kölschen Dialekt kurz zu würdigen - als sentimentales und weichgespültes Alterswerk abtun.
Dabei ist es vielleicht gerade der Abstand, den man braucht, damit man sich das Album langsam an sich heranlassen kann. Dabei kann es sogar helfen, mal aus dem Nachbarzimmer zu lauschen, denn dadurch fällt einem vielleicht sogar eher auf, welch verdammt guter Sound die Instrumente und die Stimme haben. Die Idee für Album und Aufnahmeort stammt von Niedeckens langjährigem Freund und Musikkollegen Julian Dawson und so wurde diese Scheibe in den legendären Dreamland Studios in Woodstock aufgenommen und in den wohl noch berühmteren Electric Lady-Studio in New York abgemischt.

Akustisch sollte es zugehen und so wurden ein paar neue Songs mit älteren BAP-Nummern auf diesem Album untergebracht. "Schließlich woor dä Herbst jekomme, plötzlich stund e vüür dä Düür ...", eröffnet Niedecken dieses Album und nicht Wenige, werden einen Hinweis auf den überstandenen Schlaganfall 2011 vermuten. Weil Wolfgang Niedecken schon immer einer war, der sich Gedanken macht und dem seine Texte wichtig waren und sind, hört man da natürlich genauer hin und erkennt deswegen zum Teil erst bei einem der nächsten Durchläufe, den schon angesprochenen tollen Sound dieser Scheibe. Allein die Akustikgitarren klingen so herrlich natürlich und wie Larry Campbells - genau, der langjährige Dylan-Mitstreiter! - Pedal Steel durch den Titelsong schwebt und geistert, ist schlicht ein Genuss.
Mit Rääts un links vum Bahndamm folgt die erste "BAP-Nummer" (Album "Da Capo"), die hier subtiler dargeboten wird, ein bisschen an Jupp erinnert und spätestens mit Julian Dawsons herrlicher Mundharmonika und dem wundervollen Wurlitzer-Piano von Steuart Smith die Roots Rock-Adelung bekommt. Die Reife in Wolfgangs Gesang lässt die Sätze "Ich wöhr noch jähn bei dir. Die Naach jing nur bess vier" noch eindringlicher rüberkommen. Mit Griefbar noh sind wir beim Album "X für 'e U" und wo ich beim ersten Hören noch eher weg- als hingehört habe, entwickelt sich bei genauerer Betrachtung auch dieser Song und es macht zunehmend Spaß, wie die Instrumente - vornehmlich Mandoline, Violine, Akustikgitarre und etwas Piano - sich umkreisen und eine ganz eigene Magie erschaffen.
Ja, es sind die nicht so oft gehörten Songs, die hier zu neuem Leben erwachen. Näher zo mir mit seinem leichten Swamp-Charakter ist ein weiteres Beispiel dafür. Erneut ist es Campbells Pedal Steel, die hier das Dach aufmacht. Die Dobro, die er im folgenden Paar Daach fröher beisteuert, ist gleichfalls nicht von schlechten Eltern, wobei hier die Stimme weit im Vordergrund steht und auch wenn das vordergründig recht melancholisch klingt, würde ich die Nummer als Anspieltipp nennen. Einfach, weil da so viel Gefühl und Klasse drinsteckt, dass man sich da nicht von lösen kann.

Es bleibt natürlich weitgehend ruhig, aber Lena hat einen unterschwelligen Delta-Blues-Groove, der irgendwie bedrohlich wirkt und im Refrain fast aggressiv klingt. Die Krönung hier ist Steve Elson, der den Blues "in sein verbeultes Nebelhorn pustet" (frei nach Udo Lindenberg), bzw. in sein Saxofon.
Tja, irgendwie könnte manche BAP-Scheibe plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. "Comics & Pin-Ups" etwa, wenn man hört, wie Ich wünsch mir, du wöhrs he hier zwischen New Orleans und den Blue Hills of Kentucky pendelt. Und Nie zo spät - vom gleichen Album - wird zum lockeren Country-Veranda-Schunkler, zu dem man wahlweise ein kleines Tänzchen wagt oder munter mitwippt.
Das "Sonx"-Album von BAP war recht melancholisch und hatte es zum Teil schwer bei den Fans, aber Für Maria macht hier eine ebenso gute Figur wie die etwas jüngere Magdalena. Liegt bei beiden an der bereits angesprochenen, ja, wie nennt man es, Lebensweisheit? Reife? Jedenfalls, an der verdammt genial klingenden Stimme von Niedecken. Das hat mit dem Klang dieser Produktion ebenso zu tun, wie mit seiner äußerst angenehmen Art zu singen und zu sprechen. Da kommt so ein anrührendes Liebeslied, wie Waat ens jraad noch besser und bekommt durch Steve Elsons Saxofon die passende "Blue Note".
Bei Aufnahmen an diesem historischen Ort und bei der Biografie von Wolfgang Niedecken darf ein Dylan-Cover nicht fehlen, und so beschließt All I Really Wanted To Do, welches hier Alles, wat ich zo jähn wöhr heißt, dieses Album. Nach dem Intro erwartet man fast, "his Bobness" würde mit dem Gesang einsetzen, aber auch ohne ihn pendelt diese Version munter zwischen Country und Folk und setzt dem Hörer noch einmal ein verzücktes Grinsen auf. Dem Song prophezeie ich, auch bei der nächstjährigen "BAP zieht den Stecker Tour" ein Highlight zu werden.
Wenige Alben erwecken in mir so das Verlangen danach, meine Akustikgitarre aus dem Koffer zu holen, wenn sie auch mit dem Sound hier nicht mithalten wird können. Spaß machen wird es, hier mit zu jammen, ebenso wie es Spaß macht, diesem Album zu lauschen, wenn man erst mal den Zugang gefunden hat. Denn es kann durchaus interessant sein, "zosamme alt" zu werden.

Epi Schmidt, 27.09.2013

 

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