Various Artists

Wem gehört die Popgeschichte?

( English translation by Google Translation by Google )

Buch-Review

Reviewdatum: 19.07.2010
Jahr: 2010
Stil: Popgeschichte
Verlag: Bosworth Music

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Redakteur(e):

Epi Schmidt


Various Artists
Wem gehört die Popgeschichte?, Bosworth Music, 2010
von: Gerd Gebhardt & Jürgen Stark
ISBN: 978-3-86543-289-6
Umfang: 386 Seiten
Preis: 19,95 € zzgl. Versandkosten

Wem gehört sie denn nun, die Popgeschichte? Das kann auch nach Lektüre dieses Buches nicht eindeutig beantwortet werden, aber man wird hier auf eine Reise durch ein Jahrhundert populärer Musik mitgenommen, die einem zahlreiche Antworten liefert.
Gerd Gebhardt war u.a. Präsident von Warner Central und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Phonoverbände. Jürgen Stark arbeitete - nach seinen musikalischen Anfängen in einer Punkband - für zahlreiche Musikzeitschriften ebenso wie für die "Welt". Wir haben es also mit zwei absoluten Insidern zu tun, was es mit sich bringt, dass auch mal zu sehr am Detail "herumgeknabbert" wird. Das aber nur äußerst selten. Ansonsten ist das Buch gestopft voll mit interessanten Geschichten und Informationen, Interviewauszügen und Ratschlägen. So gibt es zu jedem Kapitel eingangs eine kleine Liste mit Musikempfehlungen zum jeweiligen Thema. Die beiden Autoren klinken sich mittels eingefügter grauer Boxen immer wieder mal dazwischen, um eigene Erfahrungen oder Sichtweisen zu präsentieren. Gerade Letztere können durchaus auch sehr subjektiv sein.
Als besonders interessant empfinde ich den Abschnitt über die Zeit um den Zweiten Weltkrieg herum. Was gerade davor für "kulturelle Verbrechen" begangen wurden, lässt einen nachträglich noch den Kopf schütteln (natürlich gab es weitaus Schlimmeres zu jener Zeit!). Wie da "Ressourcen" außer Landes gejagt wurden, was da an Kulturgut vernichtet wurde, konnte ja gar nicht mehr gutgemacht werden. Natürlich wenig verwunderlich, dass die Nazis noch eine ganze Zeitlang, Auftritte für populäre Künstler möglich machten, solange sie das Volk noch nicht komplett unter Kontrolle hatten. Die Notizen und Erinnerungen daran sind wirklich lesenswert.
Zweifelsohne aufschlussreich, wie die Firma Hugo Boss damals in Produktion von Uniformen und die "Beschäftigung" von Zwangsarbeitern involviert war.

Sicher, heutzutage hat man das Internet und kann alles finden was man will, aber wäre ich ohne dieses Buch auf den 1920 in Dessau geborenen Bluespianisten Günter Boas gestoßen? Und auf seinen Container, den er 2006 aus Amerika kommen lies? Vollgestopft mit ca. 7.000 Schallplatten, dazu Bücher, Noten, Trommelfelle usw. Man kriegt so richtig Lust, das Eisenacher "Jazzarchiv" zu besuchen und sich in all diesen Utensilien und Exponaten zu vertiefen.
Ein paar kurze Zeilen verweisen auch ganz, ganz weit zurück, wie das im Mittelalter mit der Musik war, aber naturgemäß geht es ab den 50ern erst so richtig los.
Spaßig, wie mancher Popstar erst im Schallplattenladen entdeckte, dass er jetzt Ted Herold oder James Last hieß. Weniger, wie jenseits der Grenze - im Osten - die Rockmusik unterdrückt wurde. Aber nicht nur dort war man in den 60ern und auch 70ern schnell mit dem Wort "Gammler" zur Hand. Heutzutage hat das ja fast schon nostalgischen Charakter.
Von den Ursprüngen des Kabaretts, mit der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" (abgeleitet von der Wach- und Schließgesellschaft) über Sprachartisten wie Heinz Erhardt zu Bands wie Insterburg & Co., von den Pionieren wie Fritz Rau, zu den "Detektiven" wie Udo Lindenberg und viel zu früh verstorbenen Lichtgestalten, wie Rio Reiser und Tamara Danz.
Hier wird eine Reise unternommen, die praktisch nichts in unserer Popgeschichte auslässt und das ist sie dann doch noch, die Antwort: UNS gehört die Popgeschichte, wir gestalten sie mit. Ob still oder laut, gestaltend oder genießend. Hier erfahren wir, wo unsere wichtigsten Stationen waren - u.a. wird großes Augenmerk auf den Punk in den 70ern gelegt, ebenso wie auf die Entwicklung (der Musik) in der DDR - und was uns auf den Weg gebracht hat. "Wem gehört die Popgeschichte?" birgt reichlich "Material", um für Gesprächs- wie Diskussions- und Denkstoff zu sorgen. Und regt auch zum Nachdenken an. An manches mag man sich vielleicht gar nicht mehr so genau erinnern. Oder wusste es gar nicht. Oder wollte es nie wissen.
Vorsicht vor diesem Buch: Es könnte mehr Fragen beantworten, als wir zu stellen gewillt sind!

Epi Schmidt, 18.07.2010

 

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