Beyond The Bridge

Musik ist die flüchtigste und vergänglichste aller Künste

( English translation by Google Translation by Google )

Interview

Reviewdatum: 27.01.2012
Stil: Progressive Metal

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Redakteur(e):

Marc Langels


Beyond The Bridge
Musik ist die flüchtigste und vergänglichste aller Künste, Interview

Sie sind aus meiner Sicht eine faustdicke Überraschung: das deutsche Progressive Metal-Projekt BEYOND THE BRIDGE. Mit ihrem Debüt-Album "The Old Man And The Spirit" haben die sieben Musiker einen sensationellen Einstand abgeliefert und werden dafür vollkommen zu Recht durch die Bank weg gelobt. Das Konzept-Album bietet neben exzellenter Musik aber auch ein interessantes textliches Konzept. Ein guter Grund für Hooked-On-Music sich mal ein paar weiterführende Informationen direkt von der Band zu besorgen. Die Antworten gab uns Christopher Tarnow (auf dem Foto der Zweite von links), seines Zeichens Keyboarder, Co-Komponist und Band-Gründer.

btb

Wie entstand die Idee zu “The Old Man And The Spirit“?

Peter Degenfeld-Schonburg (unser Gitarrist) rief mich vor etwa 6 Jahren aus heiterem Himmel an und sprach ebenso begeistert wie aufgeregt von seiner Idee, ein Konzeptalbum produzieren zu wollen. Ich muss gestehen, dass ich zunächst etwas skeptisch war - unsere Band hatte sich mittlerweile in alle Himmelsrichtungen verteilt, und genau wie die anderen Bandmitglieder hatte auch ich den Kopf voll mit anderen Dingen. Nach den ersten Telefonaten besuchte er mich dann in Detmold und wir machten uns ans Werk. Am Ende unserer ersten Songwriting-Session war ich schließlich völlig vom Projekt überzeugt. Auch die Story, die Peter zu größten Teilen vorbereitet hatte, ergab für mich nun langsam Sinn. Das ist wahrscheinlich ein Prozess, den viele Hörer des Albums werden durchmachen müssen...

Was war zuerst da, Ideen für die Musik oder aber die Idee zum Text? Und wie hat die Geschichte die Musik beeinflusst beziehungsweise umgekehrt wie hat der Fluss der Musik eventuell die Story verändert?

Tatsächlich wussten wir schon vor der ersten Note, wie die Geschichte des Albums in Grundzügen aussehen sollte. Dennoch haben wir natürlich Feinheiten der Story noch im Nachhinein festgelegt; das hatte aber eher den Grund, dass uns im Laufe des Songwriting-Prozesses Widersprüche oder Unklarheiten aufgefallen sind, die wir ausräumen mussten. Die Musik haben wir dann konsequent am Plot entlang entwickelt, was aber keineswegs eine Begrenzung oder Einengung des kreativen Prozesses war, wie man vielleicht auf den ersten Blick vermuten mag. Im Gegenteil, dieses Skelett gab uns einen roten Faden, an dem wir leichter entlangschreiben konnten. Den gesungenen Text haben wir aber meistens den Gesangsmelodien untergeordnet; eine passende textliche Hookline zu einer eingängigen Melodie zu finden, ist erstens leichter und zweitens entspricht diese Reihenfolge auch der Wahrnehmung des Hörers (wer sucht sich seinen Lieblingssong schon anhand des Textes aus?). Trotzdem haben wir abschließend viel Wert auf den Gehalt und die Qualität der Texte gelegt, denn schließlich sollte das Projekt am Ende ein künstlerisch wertvolles "Gesamtpaket" sein.

Wie hat sich die Story über die Jahre entwickelt? Wie viel von der Original-Idee steckt noch heute in “The Old Man And The Spirit“?

Nun ja, aufgrund der Herangehensweise haben sich im Laufe der Zeit lediglich Details verändert. Die Geschichte des "Spirit" etwa, wie sie im Gedicht des dritten Songs, "Triumph of Irreality" angedeutet wird, kam erst wesentlich später, als zusätzliche interessante Wendung der Geschichte, hinzu. Es ließen sich noch weitere ähnliche Beispiele finden, aber ich will den Leser natürlich nicht unnötig langweilen.

Gab es einen bestimmten Anlass, der dich auf die Idee zu “The Old Man And The Spirit“ gebracht hat? Oder gibt es eine besondere Faszination für solch philosophische Themen?

Peter hatte die Idee zu dem Album während seiner Zivildienst-Zeit; er stand zu dieser Zeit vor der Entscheidung, ob er Musik oder Physik studieren wolle. Dieser Konflikt findet sich letztendlich auf dem Album wieder: das Studium der Physik als Mittel zum Erkenntnisgewinn auf der einen, die Beschäftigung mit der Musik als Mittel zum Lustgewinn auf der anderen Seite. Anders gesagt: Möchte man leben wie der "Old Man" oder wissen wie der "Spirit"? Bevor jetzt Proteste kommen, muss ich an dieser Stelle allerdings einhaken, dass sich hier Peters damalige Sicht der Dinge widerspiegelt. Ich selbst habe mittlerweile ein Musikstudium hinter mir (und stecke noch in meinem zweiten), und würde durchaus sagen, dass ein solches, bzw. eine tiefergehende theoretische Auseinandersetzung mit der Musik, dem Menschen Einsicht in tiefere Zusammenhänge geben kann, allein deshalb schon, weil es als künstlerische Disziplin auch eine Auseinandersetzung mit dem Menschen selbst ist. In gewisser Weise hat Peter am Ende seinem Schicksal ohnehin ein Schnippchen geschlagen: er hat zwar Physik studiert, aber wie es aussieht, nimmt die Musik in seinem Leben nun doch einen immer größeren Platz ein.

Wie hat diese philosophische Seite der Geschichte Dich persönlich beeinflusst, welche Konsequenzen für das eigene Leben hast du aus der Beschäftigung mit dem Thema gezogen?

Peter und ich haben auf langen Autofahrten, beim Schreiben der Texte, aber auch noch während der Aufnahmen selbst gerne beisammen gesessen und über die Geschichte und darüber hinaus über allgemeine Fragen unseres Lebens nachgedacht. Der erlöste und glückliche Tod des alten Mannes am Ende des Albums ist für mich einer der Schlüsselmomente, und war Anstoß für einige unserer Diskussionen. Eine Einsicht, die ich aus unseren Gesprächen gewonnen habe, ist, dass Schönheit, und damit auch erfülltes und glückliches Leben, letztendlich sehr viel mit Vergänglichkeit zu tun haben. Wie könnte etwas, das ewig währt, für den Menschen von Wichtigkeit sein? Für mich als Musiker hat das natürlich noch eine besondere Bedeutung: schließlich ist Musik die flüchtigste und vergänglichste aller Künste.

Bei einem Entstehungszeitraum von knapp fünf Jahren, hattet Ihr da mal die Befürchtung, dass das Projekt scheitern könnte?

Natürlich schleichen sich während einer solch langen Zeit irgendwann immer Zweifel ein. Glücklicherweise hatten wir mit Simon (Oberender, dem Produzenten des Albums) schon bald einen dritten wichtigen Mann im Boot, der uns immer mit Rat und Tat zur Seite stand. Dadurch, dass die Last auf mehrere Schultern verteilt war, kam es nie zu einer wirklichen Schaffenskrise.

Was ist aus der Sicht des Komponisten der besondere Reiz an einem Konzeptalbum?

Wir wollten von Anfang an, dass das Album auch auf musikalischer Ebene einen festen Zusammenhalt erhält. Deshalb tauchen einzelne Themen und Motive im Laufe des Albums wiederholt und zum Teil in Bearbeitung auf, und es gibt verschiedene textliche Bezüge zwischen den einzelnen Songs. Das ist auf der einen Seite natürlich eine gewisse kompositorische, handwerkliche Herausforderung, auf der anderen Seite gibt es dem Konzept aber auch eine tiefe, die ein typisches Nummer-für-Nummer-Album nicht erreichen könnte.

Wie geht man zum Beispiel damit um, wenn sich musikalische Ideen nicht in das textliche Konzept des Albums einbinden lassen?

Ich glaube, eine der großen Herausforderungen beim Komponieren ist, zu merken und sich einzugestehen, dass eine Idee nicht gut ist und in der Lage zu sein, dieses Material dann auch kompromisslos wegzuschmeißen. Das haben wir sehr oft getan, und ich bin froh, dass Peter und ich während des Songwritings in dem jeweils anderen einen ebenso strengen wie respektvollen Widerpart hatten. Das hat die Arbeit erheblich erleichtert.

Wie habt Ihr die entsprechenden Musiker gefunden?

Dominik, unser Bassist, ist Gründungsmitglied unserer alten Band "Fallout". Simon, den ich während meines Tonmeisterstudiums in Detmold kennenlernte, brachte Fabian, unseren Schlagzeuger, in die Band (die beiden kennen sich ebenfalls noch aus Schulzeiten). Herbie, unser Sänger, kannte Simon über verschiedene Projekte in den Gatestudios in Wolfsburg. Als Peter dann eines Abends Dilenya auf einem Jazzkonzert hörte, und ihr anschließend eine CD mit unserer Preproduction des Albums in die Hand drückte, war unser Line-up komplett.

War es schwer sie in ein Projekt einzubinden, das so einen langen Zeitraum in Anspruch nahm?

Ein großer Teil der fünf Jahre war natürlich mit der Konzeption und dem Songwriting ausgefüllt. Für die meisten Bandmitglieder begann die eigentliche Arbeit dann mit der Aufnahme des Albums (bzw. mit der Vorbereitung dafür). Die lange Enstehungszeit war letztlich auch der Tatsache geschuldet, dass wir alle unserem normalen Leben nachgehen mussten, mit Beruf, Studium oder Ausbildung. Es war also keineswegs so, dass wir uns in dieser Zeit nur der Band widmen konnten, und haben dies demzufolge auch von keinem der Mitglieder verlangt. Das soll in Zukunft - gerade auch in Hinblick auf ein zweites Album - natürlich anders werden. Denn auch wenn wir als Projekt begonnen haben, fühlen wir uns mittlerweile als zusammengewachsene Band.

Wie viel Freiraum hatten die Musiker noch eigene Ideen einzubringen? Oder hattest du schon eine ganz genaue Vorstellung, wie die einzelnen Parts klingen sollten?

Peter und ich haben schon während des Songwritings Aufnahmen der Songs gemacht, die möglichst präzise das abbilden sollten, was wir uns vorstellten. Zum Teil waren das recht kurios klingende Mixe, etwa mit Panflöten-Sounds als Gesangsmelodie und zum Teil mit programmiertem Schlagzeug. Die Musiker haben sich zwar mit eben diesen Aufnahmen für die Studioarbeit vorbereitet, im Detail aber noch Dinge verändert und ihrem persönlichen Stil und ihrer Spielweise angepasst. Das war auch wichtig, denn schließlich sind wir alle am Ende Einzelpersonen, die mit ihren speziellen Eigenschaften zu etwas Besonderem beitragen sollen.

Besonders wichtig für die Geschichte sind insbesondere die beiden Sänger, was zeichnet die beiden (Herbie Langhans und Dilenya Mar) aus deiner Sicht für ihre jeweiligen Rollen aus?

Viel wichtiger als die Eignung für eine bestimmte Rolle war für uns zunächst die Tatsache, dass wir mit den beiden hervorragende Sänger gefunden haben. Da sie auf dem Album zwei gegensätzliche Charaktere abbilden sollen, ist es sicherlich von Vorteil, dass ihre Stimmen sehr unterschiedlich sind. Dilenyas Stimme etwa hört man sicherlich sofort den jazzigen Hintergrund an, aus dem sie stammt. Das gibt ihrer Darstellung des "Spirits" eine beinahe bluesig-verruchte Note, die zwar ursprünglich nicht geplant war, aber hervorragend zur Rolle passt.

Fiel es den beiden schwer, sich in ihre Rollen hineinzufinden (Langhans ist ja kein alter Mann und Mar kein Geist)?

Sowohl Herbie als auch Dilenya sind glücklicherweise in ihrer Stimme und im Ausdruck sehr vielseitig. Es war eher so, dass wir von vornherein von ihrer Interpretation der Rollen sehr begeistert waren. Spätestens, als ich den ersten Mix von "The Apparition" mit den beiden Sängern gehört hatte, war mir klar, dass das Projekt gelingen würde.

Welches sind deine musikalischen Einflüssen a) als Instrumentalist und b) als Komponist?

Ich muss gestehen, dass ich erst durch meine Bandkollegen zum Progressive Rock und zur Rockmusik im Allgemeinen gefunden habe, wofür ich sehr dankbar bin, weil es zu einem viel entspannteren und spielerischeren Verhältnis zu meinem eigenen Instrument, dem Klavier, geführt hat. Mein hauptsächlicher Hintergrund ist aber vor allem die klassische Musik; ich arbeite in eben diesem Bereich als Tonmeister und studiere Komposition in Leipzig (wer Interesse an letzterem Betätigungsfeld hat, den verweise ich gerne an meine Seite www.christophertarnow.de). Als Instrumentalist habe ich demzufolge erheblich mehr Zeit für klassisches Klavierspiel als für Keyboards jeglicher Art aufgewendet. Ich glaube, dass unser unterschiedlicher musikalischer Hintergrund letztendlich eine große Bereicherung darstellt, und Beyond the Bridge zu etwas Besonderem macht.

Welches sind deine Lieblings-Konzept-Album und warum?

Hier fällt mir besonders Dream Theater's "Scenes from a Memory" ein, mit dem in meinen Augen erfolgreich ein großes Ganzes erschaffen wurde. Ich muss aber gestehen, dass bei mir das Hören durch meinen Beruf und meine tägliche Beschäftigung mit Musik in den letzten Jahren viel zu kurz gekommen ist. Ich freue mich eigentlich besonders, wenn es still um mich herum ist. Wenn ich besonders weise wäre, würde ich also wahrscheinlich sagen, Stille ist das beste Konzeptalbum. Leider bin ich nicht besonders weise.

Wie geht es jetzt mit BEYOND THE BRIDGE weiter? Gibt es Tournee-Pläne, vielleicht schon Ideen für ein zweites Album?

Ein zweites Album wird es sicherlich geben. Wir haben dafür bereits einige Ideen... aber ich will natürlich nicht zu viel verraten ! Ansonsten sind wir natürlich selbst sehr gespannt, was die Zukunft bringen wird. Zur Zeit schauen wir uns nach ersten Konzertmöglichkeiten um, was aufgrund der Beschaffenheit des Albums natürlich nicht ganz einfach ist. Und ja, eine richtige Tour wäre natürlich großartig! Aber das ist alles letztendlich auch vom Erfolg der CD abhängig; trotz allem Willen und Tatendrang bleibt uns am Ende also nichts übrig, als uns auch ein Stück weit selbst überraschen zu lassen.

Vielen Dank für die Zeit und die Mühe.

Ich danke auch für die netten und interessanten Fragen.

 

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