Fotos: Epi Schmidt
ZZ Top & Status Quo
St. Goarshausen, Loreley, 09.07.2017

Die Sonne meint es gut mit uns, meinem Kumpel Matthias und mir. Der Vater Rhein blinzelt uns ebenso zu, als wir an einem herrlichen Sommersonntag an seinem Verlauf am rechten Ufer Richtung St. Goarshausen folgen.
Kennern wird bei diesem Namen sofort der Mund wässrig, denn was fanden da schon für legendäre Konzerte und Festivals statt! Gerade im Rahmen des ebenso legendären Rockpalastes, war auf der Freilichtbühne der Loreley schon fast jeder ernst zu nehmende Rock-Act vertreten und denkwürdige Momente wurden hier aufgenommen und von hier gesendet.
So erklimmen auch wir, nach einem kleinen Umweg, den Felsen und reihen uns in die Schar derer, die auf den Steinstufen des Amphitheaters der heutigen Acts harren: ZZ TOP und STATUS QUO heißen die Zugpferde dieses Konzertes.

So ein Package ist mir weitaus lieber als ein “Rock im Sonstwas“ mit 100 Bands, von denen mir 97,5 am Arsch vorbeigehen. Aber ein Anheizer muss natürlich auch hier sein und begibt sich um 18.30 Uhr die Blues Rock-Combo RED DEVILS auf die Bühne. Wer gedacht hat, es handele sich um eine lokale Band, der man hier ein paar Minuten auf den Steinen, die Teil der Rockwelt sind, verschafft, sieht sich getäuscht. Tatsächlich stammen die fünf Herren aus Los Angeles und zumindest ein paar der Mitglieder waren damals dabei, als sich kein Geringerer als Mick Jagger ihrer Dienste bediente, um ein Album einzuspielen, das letztlich nie erschien.

Eine gute halbe Stunde unterhalten die RED DEVILS mit Blues Rock und Boogie, der mal an STONES-Songs, wie Hip Shake, mal an die Boogie Blueser von CANNED HEAT erinnert. Obwohl sicher kaum einer im Publikum einen Song kennt, ernten sie für ihren Gitarren- und Harp-lastigen Rock freundlichen Applaus.
Unverkennbar rücken dann die weißen Marshall-Amps ins Augenmerk der Besucher. Sie standen schon bereit und so hält sich die Umbaupause in erfreulichen Grenzen.
Jetzt kommt Stimmung auf den Felsen, denn es betreten STATUS QUO die Bühne!
Kurz die Gitarren gecheckt und mit Wucht dröhnen die ersten Töne von Caroline über das Halbrund. Simpel und trotzdem auch nach Jahrzehnten immer noch mitreißend. Da kommt gleich Bewegung in die Angereisten. Es folgt umgehend mit Something ‘Bout You Baby I Like ein weiterer Party-Song. Dass in der Nummer die unverkennbare, und für mich unverzichtbare, Stimme von Rick Parfitt fehlt, dürfte den Wenigsten aufgefallen sein. Und so ergeht es auch dem nachfolgenden Rain.

Wahlweise Francis Rossi – einzig verbliebenes Original-Mitglied – , Keyboarder Andy Bown oder der langjährige Bassist Rhino Edwards übernehmen die Gesangsparts, die der im letzten Dezember verstorbene Rick Parfitt nicht mehr beisteuern kann. Leichter Ärger überkommt mich, dass so gar kein Sterbenswörtchen über die einstige Identifikationsfigur der Band über die Lippen der Protagonisten kommt.Auch optisch wird in keinster Weise an ihn erinnert.

Über die Lippen der Fans kommt dafür reichlich. Das typische “Hello-oh“ wird vielstimmig erwidert und bei dem Medley, welches mit What You’re Proposing beginnt und über Wild Side Of Life schließlich in Again And Again mündet, sind Viele schon recht textsicher. Auf der Bühne müht sich vor allem Bassist Edwards als “Einpeitscher“ ab, während Rossi eher in legerem Gang über die Bühne schlendert und nur hin und wieder “in Action“ verfällt. Parfitt-Ersatz Richie Malone kann man es schlecht vorwerfen, aber das Charisma von Parfitt, der nur mit einer auffordernden Kopfbewegung ein Stadion zum kollektiven Ausrasten bringen konnte, das sucht man bei ihm vergeblich. Sein Gitarrenspiel ist solide, aber auch hier könnte man das Haar in der Suppe suchen.

Die neueren Songs The Oriental und Creepin‘ Up On You nutzen einige Besucher für den Bier-Nachschub, aber spätestens bei den bekannt Klängen von In The Army Now ist die Army wieder komplett. Ist auch nötig, denn Francis Rossi braucht doch mittlerweile gehörig gesangliche Unterstützung. Da ist er um jede Pause, in der die Fans den Gesang übernehmen, froh.
Mittlerweile wird die Gitarre öfter gewechselt und nach Roll Over Lay Down (ja, so eine kleine Gänsehaut kann man da schon kriegen) wird ihm auch mal die alte grüne Tele gereicht, auf der er dann das Intro zu Down Down beginnt. Natürlich umgehend von den Fans identifiziert, scheint es mir doch etwas arg schludrig gespielt und der Sound will mich auch nicht so recht begeistern. Da ist mir zu viel Verzerrung, zu viel Effektkram drin.

Die nächste Gitarre, der nächste Song: Andy Bown haut in die Tasten und treibt die Menge nochmal zu stimmlichen Höchstleistungen. Ja, ich gestehe, auch ich stimme mit ein. Burning Bridges war nie mein liebster QUO-Song und auch hier hätte ich ihn nicht als ersten Song der Zugabe gebraucht. Der lockere Party-Sound kommt aber gut an und natürlich wird ordentlich mitgehüpft. Ich krieg dafür die Melodie zwei Tage nicht aus dem Kopf…
Für meinen Geschmack wären noch genügend Titel im Repertoire der Band gewesen, aber, was soll’s, lassen wir Rock And Roll Music als Chuck Berry-Reminiszenz gelten und Bye Bye Johnny am Schluss muss natürlich sein.
Keine Stunde ist vorbei, aber STATUS QUO sind für heute fertig. Als Headliner wären sie mir inzwischen und in dieser Besetzung zu “mager“, aber als Vorband sorgen sie natürlich für Stimmung. Darf man halt öfter mal nicht so genau hinhören.

Genauer hinhören wollen wir aber beim folgenden Act: ZZ TOP!
Die haben mir mit ihren letzten Scheiben wieder ganz gut gefallen und mit einem Backkatalog voller Rockklassiker sollte da schon was gehen.
Frank Bairds Drumkit wird praktisch fertig vormontiert hereingeschoben und auf einem Wagen rollt ein Roadie einen Stapel Schachteln herein, die beidseits des Schlagzeugs zu einer Art Verstärkerwand aufgeschichtet werden. Auch wenn da ein paar Lichtlein brennen, ich glaube nicht, dass die irgendwas mit dem Sound zu tun hatten. Der wird schon aus den großformatigen Racks in ihrem Schatten gekommen sein.

Aber dafür war er richtig gut! Ohne großes Brimborium kommt die Li‘l Ol‘ Band from Texas auf die Bühne. Lediglich die Stimme aus dem Off dröhnt uns deren Namen um die Ohren. Und mit all ihrer Coolness hauen sie uns gleich ein Got Me Under Pressure um die Ohren. Der Sound ist spitzenmäßig und der Groove unnachahmlich. So klingt seit Jahrzehnten nur eine Band! Mit dem Double Waitin‘ For The Bus und Jesus Just Left Chicago werden auch gleich Anhänger der frühen Stunde gewonnen und gleich darauf rockt uns Gimme All Your Lovin‘ zurück in die 80er.
Viel Bewegung haben die zwei Frontleute Billy Gibbons und Dusty Hill nicht aufzuweisen, aber jede Geste, jeder Fingerzeig oder jede Kopfbewegung sorgt sofort Begeisterung und breites Grinsen bei allen Beobachtern.

Egal ob neuere Titel, wie Pincushion, oder alte Klassiker, wie I’m Bad I’m Nationwide, der Sound passt einfach und auch gesanglich gibt es nix auszusetzen. Gibbons brummt und raspelt sich durch die Texte und Hill sorgt hier und da für ein paar grellere Töne.
Nach I Gotsta Get Paid und einem Intermezzo von Dusty Hill an einem Instrument, dass mehr einem Bügelbrett ähnelt, weißt Billy den Weg “way back” und stimmt Jimi Hendrix’ Foxy Lady an. Auch das durchaus authentisch und mitreißend. Obwohl ich sonst nicht so der Hendrix-Fan bin.
My Head’s In Mississippi weißt uns den Weg zum dirty Delta Blues, bevor es urplötzlich country-mäßig wird. Neben dem Evergreen 16 Tons wird auch der Buck Owens-Hit Act Naturally (kennen wir auch von den BEATLES) eingestreut.

Dann geht’s aber wieder ans selber Eingemachte und Cheap Sunglasses erfreut die Hardcore-Fans. Ich wage zu bezweifeln, dass die Sonnenbrillen der Herren auf der Bühne so billig sind, aber ihr Sound ist jedenfalls hochkarätig. Mit Chartreuse bringen sie sogar einen Song ihres hervorragenden “La Futura“-Albums. Ist es nun ihr eigenes Tush dass ich hier herauszuhören meine, oder doch gar Long Live Rock’n’Roll (RAINBOW)? Ich vermag es nicht mehr zu sagen, aber Spaß hat’s gemacht!
Auch die Rampe zum Publikum - die QUO offenbar verwehrt blieb - beschreiten die beiden älteren Herren zumindest bis zur Hälfte.
Sharp Dressed Man treibt die Stimmung auf die Spitze und erneut bin ich beeindruckt, was Billy Gibbons für einen tollen Sound hier präsentiert. Überhaupt ist es eine Leistung, wie die drei Herren diese Show hier bestreiten. Nach all den Jahren immer noch top. ZZ TOP natürlich!
Da verzeih ich ihnen sogar ein Legs an dem man wohl nicht vorbeikommt und als Kind der 80er, hat man sich damit auch arrangiert. Zum Glück bleibt mir ja Rough Boy erspart.

Leider bleibt uns ein Wetterumschwung nicht erspart und dunkelste Wolken drängen heran und werfen erste Regentropfen auf uns. Da kann ZZ TOP mit La Grange noch eine Weile gegenhalten und kaum einer denkt an ein Unwetter. Das rockt einfach zu gut.
Letztlich geht die Band aber nach einer verkürzen Fassung umgehend von der Bühne – es werden irgendwas zwischen 70 und 80 Minuten gespielt sein – und eine Stimme über die Lautsprecher bitte die Gäste zum gesitteten Verlassen des Geländes.
Damit verabschieden auch wir uns und treten die Reise bergab an. Trotz des etwas abrupten Endes sicher, hier eine immer noch aktuelle Weltklasse-Rockband gesehen zu haben. Und eine Einstige.
Ich werde jedenfalls ein Auge auf die Veranstaltungen hier werfen und sicher in nicht allzu ferner Zeit wieder auf die Loreley zurückkehren.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 17.07.2017