Fotos: Marc Langels
Testament, Annihilator, Death Angel,
Saarbrücken, Garage, 24.11.2017

Dieser Freitag muss für viele Thrash Metal-Fans so etwas wie ein vorgezogenes Weihnachtsfest gewesen sein, denn selten bekommt man ein so starkes Billing geboten wie an diesem Abend. Gleich drei Bands, die schon seit den glorreichen Achtziger-Jahren mit zahlreichen vorzüglichen Alben dafür gesorgt haben, dass das Genre immer relevant und lebendig blieb und bleibt. TESTAMENT sind schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren in der Garage zu Gast, die beiden Vorbands haben sich hingegen schon längere Zeit nicht mehr in der saarländischen Landeshauptstadt sehen lassen, so dass dieser Abend wirklich etwas Besonderes für die zahlreich erschienenen Fans war.

Diese mussten sich allerding sputen, denn der Beginn des Konzerts ist schon für 18:30 Uhr angesetzt und mit kaum Verspätung stürmen dann auch schon DEATH ANGEL die Bühne. Die Band, die seit 1982 existiert, hatte zuletzt mit dem furiosen "The Evil Divide" für mächtig Aufsehen gesorgt, und nun wollen sie offenbar dafür sorgen, sich auch nachdrücklich als exzellenter Live-Act in Erinnerung zu bringen. Dafür hat die Band zwar leider nur knappe 40 Minuten an diesem Abend Zeit, die sie aber wirklich exzellent nutzen.

Die Band präsentiert den knapp 1.000 Zuschauern an diesem Abend einen leider sehr kleinen aber perfekt ausgewählten Querschnitt durch das bisherige Schaffen. Dabei legen sie mit Father Of Lies und dem abschließenden The Moth natürlich auch Wert darauf, das aktuelle Werk würdig zu präsentieren. Daneben präsentieren sie den Old School-Fans auch noch zwei Stücke vom Klassiker “The Ultra-Violence“ (neben dem Titelsong noch Mistress Of Pain). Außerdem werden noch Songs von “The Art Of Dying“ (Thrown To The Wolves), “Relentless Retribution“ (CLaws In So Deep) und “The Dream Calls For Blood“ (der Titeltrack) performt, die das Publikum extrem schnell in die entsprechende Stimmung bringen.

Dabei hilft es natürlich auch einen so begnadeten Frontmann wie Mark Osegueda in seinen Reihen zu wissen. Nicht nur singt der Mann wie ein junger Gott sondern bindet auch das Publikum ein, das seiner Aufforderung nach einem ordentlichen Moshpit auch nur zu gerne – wenn auch nur in Teilen versteht sich – nachkommt. Am Ende des Auftritts sind beide Seiten mehr als zufrieden, die Band weil sie sich mit einem engagierten Set und einem feinen Überblick über das bisherige mehr als 30-jährige Schaffen nach langer Abwesenheit mehr als nur amtlich zurückgemeldet hat. Und das Publikum, weil es eine Old School Thrash Metal-Bedienung vom feinsten mit einem wirklich sehr guten Sound serviert bekommen hat und jetzt gut aufgewärmt in die nächste Runde gehen kann.

Hier gibt es weitere Impressionen von DEATH ANGEL.

Diese startet dann nach etwa halbstündiger Umbaupause mit den Kanadiern ANNIHILATOR. Die Band um Mastermind Jeff Waters hat ja erst vor einigen Tagen den neuesten Streich, "For The Demented", herausgebracht, der mit dem Opener One To Kill und i>Twisted Lobotomy an diesem Abend in der Setlist vertreten ist. Hinzu kommen No Way Out von “Feast“ sowie die absolut unverzichtbaren Band-Klassiker King Of The Kill, Set The World On Fire, W.T.Y.D. (Welcome To Your Death), Alison Hell (bei dem das Publikum gesangstechnisch gefordert wird) und das abschließende Phantasmagoria. Da bleibt keine Rübe ungeschüttelt.

Natürlich sind ANNIHILATOR vor allen Dingen ihr Frontmann, Gitarrist und mittlerweile ja auch wieder Sänger Jeff Waters. Der Mann mit dem Irokesen-Schnitt ist an diesem Abend in Spiellaune und versucht, den Platz auf der Bühne so gut wie möglich auszunutzen. Dieser ist jedoch durch den noch verdeckten, riesigen Drumriser arg begrenzt und schränkt den möglichen Aktivitätsradius der Vorgruppen doch ein. Aber das macht Waters durch Präsenz wett. Seine Band ist international besetzt und sehr jung, aber auch sehr spielstark. Gerade mit dem zweiten Gitarristen, Aaron Homma, versteht sich Waters nahezu blind. Aber auch auf den jungen Schlagzeuger, Fabio Alessandrini, scheint Waters - zurecht - sehr stolz zu sein.

ANNIHILATOR hinterlassen an diesem Abend einen sehr guten Eindruck und sind sicherlich so etwas, wie der von Waters scherzhaft erwähnte kanadische Schinken und Käse-Belag (wobei ja nur Waters aus Kanada stammt) zwischen dem Bay Area-Sandwich. Auf jeden Fall kommen sie mit ihrem etwas technischeren Thrash hier bei dem Publikum in der Garage sehr gut an, so dass schon vereinzelte aber wahrnehmbare „Zugabe“-Rufe erklingen. Sicherlich hätte man sich eine etwas längere Spielzeit gewünscht, denn mehr als 40 Minuten bekamen auch ANNIHILATOR nicht, aber die Band empfiehlt sich hier nachdrücklich für einen Auftritt als Headliner bei einer künftigen Tournee.

Hier gibt es weitere Impressionen von ANNIHILATOR.

Denn diesen Slot haben ja an diesem Abend TESTAMENT inne – und das auch vollkommen zu Recht. Denn die Band um Fronthühne Chuck Billy entfesselt hier von den ersten Takten des Titeltracks von aktuellen Album, "Brotherhood Of The Snake", bis hin zu den letzten Tönen des absoluten Klassikers Over The Wall die pure Thrash Metal-Power. Dabei setzen TESTAMENT gar nicht so sehr auf aktuelle Songs, sondern haben ein buntes Potpourri an Nummern aus allen Phasen der Band-Geschichte. Dabei werden auch Stücke von sonst manchmal etwas übersehenen Scheiben “The Gathering“ und “Low“ präsentiert, die hier fast genauso frenetisch abgefeiert werden wie die Klassiker.

Das ist aber auch nur zu verständlich, so begeisternd wie sich TESTAMENT an diesem Abend hier präsentieren. Die Musiker habe eindeutig Spielfreude mitgebracht. Das Einzige, was man vielleicht monieren könnte, das ist der Umstand, dass alle Instrumentalisten mit Solo-Spots bedacht wurden, zumal Lead-Gitarrist Alex Skolnick schon nach dem vierten Song zu einem Nachweis technischer Fähigkeiten ansetzt. Und auch wenn man die Instrumentals abzieht, dann bekommt man in den 90 Minuten 15 Songs zu hören, die alles abdecken, was der Fan sich nur wünscht. Einzig eine Ballade, nein DIE Ballade, performt die Band wieder leider nicht.

Dennoch enttäuschen TESTAMENT höchstens all diejenigen, die nicht mit so einem starken Auftritt gerechnet haben. Denn auch nach fast 35 Jahren im Geschäft brennt das Feuer in der Band noch fast genauso lichterloh wie zu Beginn. Insbesondere Bassist Steve Di Giorgio, sowie die Gitarristen Skolnick und Eric Peterson verbreiten pure Spielfreude, während Sänger Chuck Billy mit seiner Präsenz überzeugt. Der „Mister Lässig“ sitzt an diesem Abend knapp drei Meter über der Bühne und trägt den Spitznamen „The Atomic Clock“, natürlich Gene Hoglan, der die Band mit seinem präzisen und kraftvollen Spiel antreibt.

Hier gibt es weitere Impressionen von TESTAMENT.

Und so endet der Konzert-Abend mit allenthalben glücklichen Gesichtern, sowohl bei den Musikern als auch bei den Fans, die hier insgesamt knapp drei Stunden allerfeinsten Thrash Metal geboten bekommen haben. Dazu dann auch noch einen von der ersten Minute an feinen Sound, der auch den Vorgruppen zugutekam (etwas, was ja auch nicht immer so selbstverständlich ist, wie es eigentlich sein sollte). Von solchen Konzerten kann man einfach nie genug bekommen.

An dieser Stelle noch ein herzlicher Dank an Mark Dehler von Netinfect für die freundliche Akkreditierung.

Marc Langels, (Artikelliste), 24.11.2017