Fotos: Epi Schmidt
Doc Holliday, Sir Edward,
Aschaffenburg, Colos-Saal, 22.06.2011

Abschiedstour einer Southern Rock-Legende. Da muss man nicht lange überlegen - da muss man dabei sein. DOC HOLLIDAY ist wohl zum letzten Mal im Aschaffenburger Colos-Saal und eigentlich hätte ich mit deutlich mehr Besuchern - zumal vor einem Feiertag - gerechnet. Der Club wird kaum mehr als halb gefüllt sein, aber direkt vor der Bühne wird es enger und nur bei der Vorgruppe wird noch Zurückhaltung geübt.

Sir Edward Mit SIR EDWARD hat es eine ganz besondere, direkt makabere Bewandnis: Der Namensgeber und Sänger der Band verstarb, so verkündet es Tom Hallek, der dessen Platz eingenommen hat, zu Beginn der Tour und so erklärt sich vielleicht, warum nicht so viel gute Laune von der Bühne aus strömt. Erstaunlich zweifellos, dass Produzent und Tourmanager Tom Hallek überhaupt so kurzfristig einsteigen und Gesang, wie Gitarrenparts übernehmen konnten. Hut ab. Indes klingt natürlich nicht alles homogen und so ganz rund läuft es auch nicht. Liegt vielleicht auch daran, dass man doch zwischen den Stilen pendelt. In der Eröffnungsnummer noch sehr Swamp-mäßig, wird es beim nächsten Stück direkt Southern-angelehnt, mit zweistimmigen und sich duellierenden Gitarren. Später klingt es dann mal fast nach BLACK SABBATH und beim letzten Stück kommt mir POTHEAD in den Sinn.
Wie gesagt: etwas durchwachsen, da - verständlicherweise - die Band eher ernst dreinblickt, kommen auch keine Rufe nach einer Zugabe.

Logo Doc Holliday

Doc Holliday Dafür kommen die Besucher weiter nach vorne, denn mit etwas - für mich - arg moderner Musik bahnt sich der finale Colos-Saal Auftritt von Bruce Brookshire und Mannen an. Diese Mannen sind in so weit reduziert, als John Turner Samuelsen an den Bass gewechselt ist und nun Bruce Brookshire als alleiniger Gitarrist fungiert. Das tut aber kaum einen Abbruch und stimmlich gehört Bruce eh zu den begnadetsten Sängern im Rockbusiness. Lediglich ein paar der Doppel-Leadgitarren-Stimmen mögen fehlen, aber die Band kompensiert das praktisch komplett.

Doc Holliday Passenderweise geht es mit Last Ride umgehend in die Vollen und die Band rockt ungeheuer geil los. Schon immer hatten sie einen sehr harten Stil, der häufig Richtung Hard Rock tendierte. Ich mag zu dem Zeitpunkt gar nicht darüber nachdenken, welch genialer Frontmann da die Bühne bald verlassen will. Mit Never Another Night scheint er das unterstreichen zu wollen und bereits jetzt sind Besucher stimmlich präsent, wenn sie der "der Doc" zum Mitsingen animiert.
Bad Love und Fire On The Mountain heizen die Stimmung weiter an. Es mögen nicht allzu viele Fans hier sein, aber die da sind, kennen die Songs und bejubeln praktisch jede Ankündigung. Besonders wenn Bruce die "Time Machine" anwirft und ruft: "Let's go back to 1981" und Moonshine Runner vom Debütalbum folgen lässt.
Da muss ich schon stellenweise an MOLLY HATCHET denken, so hart wie hier gerockt wird.

Doc Holliday Der einzigartige Showman Bruce hat die Fäden und das Publikum jederzeit im Griff. Ob der einem Fan mal kurz mit der Gitarre den Scheitel zieht - keine Sorge! Er legt nur den Gitarrenhals leicht auf den Kopf des Betreffenden - , mit John Turner Samuelsen zum Bühnenrand schreitet, oder sich mit Keyboarder Eddie Stone duelliert. Dieser Eddie ist einer der sympathischsten Menschen überhaupt und gleichzeitig ein ganz toller Keyboarder, der genau weiß, wann er sich zurückhalten muss und wann eine Breitseite abfeuern.
Dazu ist er noch ein fantastischer Sänger, der in einem Bo Diddley-Medley bestens und viel bejubelt zur Geltung kommt.

Doc Holliday Mit Bring Me Some Water erweist Bruce seinem verstorbenen Freund Georg Bayer noch einmal die Ehre und erinnert neben Ronnie Van Zant auch an den im letzten Jahr verschiedenen Ronnie James Dio. Ein Ausflug in dessen Heaven & Hell wird vom Publikum lautstark gefeiert. Das ist schon etwas Besonderes, was da auf der Bühne steht. Punktgenau liefert Bruce seine Soli auf der Gitarre, immer genau in der Mitte zwischen virtuos und dreckig fetzend. Dazu diese immer noch starke Stimme! Getreiben wird das ganze in unnachgiebiger Weise von Danny Lastinger am Schlagzeug. Der eher schmöchtigen Figur würde Mancher diese Wahnsinns-Power nicht zutrauen. Wer das verpasst hat, den kann ich nur bedauern.

Doc Holliday Bei Red Neck Rock'n'Roll Band tauchen weitere Heroen des Southern Rock im Text auf und die Nummer gehört zu den gefeiertsten des Abends. Von da ab knallt es aber sowieso nur noch, wie bei einem Feuerwerk: Song For The Outlaw, Highway Call und das - jetzt noch einmal ausdrücklich - Georg Bayer gewidmete Lonesome Guitar Take Me Home. Natürlich wieder mit vielstimmiger Unterstützung aus dem Saal.

Zwei Mal muss die Band zurück auf die Bühne und rockt u. a. mit Klassikern wie Route 66 und Johnny B. Good noch einmal ordentlich ab.
Keep On Running beendet schließlich den Abend und wenn es nur so wäre, dass die Band weiter "rennen" würde.
Aber die Entscheidung ist gefällt und wer noch die Chance hat, sollte sich DOC HOLLIDAY noch ein letztes Mal ansehen. Von solchen Bands, gibt es nicht mehr so viele.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 22.06.2011