Fotos: Epi Schmidt
Cheap Wine,
Obertrubach, The Studio Lounge, 11.05.2013

Irgendwo in der fränkischen Schweiz, ein paar Dutzend Kilometer nördlich von Nürnberg, erwartet einen eine Menge. Hier gibtís noch günstiges und gutes Essen, schmackhaftes Bier, eine herrliche Wanderlandschaft, fränggischen Dialekt und Ö italienischen Roots Rock!
Letzteres natürlich nicht jederzeit und wie es die fünf Typen von CHEAP WINE ins mittelfränkische Trubachtal verschlagen hat, das führt an dieser Stelle zu weit. Mir haben jedenfalls ihr letztes Studiowerk und das vorangegangene Live-Album so gut gefallen, dass mich die leicht komplizierte und gute 1 ½ Stunden dauernde Anfahrt nicht schreckt. Die Entscheidung war definitiv richtig, das wissen wir schon beim Betreten des unscheinbaren Gebäudes. Drinnen findet sich nicht nur eine tolle Lounge-Bar im Erdgeschoss, sondern, eine Etage höher, auch ein Konzertraum, der aufs Beste eingerichtet ist, eine große Bühne beinhaltet, Sitz- und Tanzmöglichkeiten bietet und mit modernster Studio- und Beschallungstechnik aufwartet. Selten war ein Konzert so gut vorbereitet. Dass der Lounge-Inhaber, Bobby Bachinger, sein Werk versteht und die Technik beherrscht, krönt den Abend vorab.
Erwartungsvolles, dennoch gemäßigtes, Klatschen begrüßt die Gebrüder Diamantini und ihre drei Mitstreiter auf der Bühne und nach ein paar freundlichen Worten gehtís auch schon los und das Publikum lässt sich in die (musikalische) Welt von CHEAP WINE entführen.

Man Stelle sich eine Band vor, die einen Lead-Sänger hat, der eine Mischung aus Tom Petty und Dan Baird ist, einen Lead-Gitarristen, der an Dave Davies erinnert, einen Bassisten, nicht so weit von einem jungen Tom Waits und Ö ach, macht euch eure eigenen Vergleiche. Jedenfalls kommen die fünf Italiener absolut sympathisch rüber und musikalisch hört man ihre anderthalb Jahrzehnte "on the road" und im Studio an: Da stimmt jeder Ton, jede Nuance ist durchdacht und erprobt. Dabei wirkt das keineswegs steril, sondern richtig ansteckend. Sänger Marco Diamantini greift sich zunächst die Akustische und die ersten Songs lassen es auch noch etwas ruhiger angehen.
Die Band ist auf Tour um ihr aktuelles Album "Based On Lies" zu promoten und entsprechend stammen einige Songs aus diesem empfehlenswerten Album. Der Titelsong eröffnet den Abend auch gleich bestens mit seinem "Lounge-Flair", der hier natürlich besonders gut passt.
Der flotte Country-Rock von A Pig On A Lead treibt bereits die Ersten auf die Beine und mittänzelnd vor die Bühne.

Mittlerweile gehört ja der Keyboarder/Pianist Alessio Raffaelli fest zur Band und seine fundierte Spieltechnik bereichert den Sound deutlich. Er singt auch eine zweite Stimme, die man leider nicht immer so gut hört, aber seine Läufe über die schwarzen und weißen Tasten zaubern einem unwillkürlich ein freudiges Strahlen ins Gesicht. Dazu sei das Anspielen von The Big Blow dringendst empfohlen!
Bei letzterem Song glänzt auch Bassist Alessandro Grazioli mit tollen Fingersätzen und er liefert zusammen mit Alan Giannini jederzeit einen wasserdichten Rhythmus, der die Musik von CHEAP WINE trägt und antreibt.
Oft genug basiert die Musik der Band nicht auf "Lügen", sondern auf Mollakkorden, die eine eigentümliche an staubigen Desert-Rock erinnernde Atmosphäre schaffen und einen ihrem Verlauf immer mehr in eine fast hypnotische Stimmung ziehen.
La Buveuse und Lover's Grave sind dafür gute Beispiele. Johnny Cash ist zu früh verstorben, sonst hätte er einen dieser Songs für seine "Americana"-Alben aufnehmen müssen! Das Strange Girl - namens Mary - wird dann geradezu sphärisch, steigert sich aber auch mit einem herrlichen Gitarrensolo von Michele Diamantini, der sparsame aber gezielte Wah-Wah-Effekte einsetzt.

Als dann Marco sich die Tele über die Schulter und den Mundharmonkiahalter um den Hals hängt und die Band sich in eine mitreißende Version von Breakaway (ebenfalls vom neuen Album) stürzt, hält es nur noch wenige auf den Stühlen und es wird vor der Bühne ordentlich abgerockt. Ich erstelle mal, dass nur wenige diese flotte Nummer vorher kannten und trotzdem sind die Anwesenden so begeistert, als wäre es ein Jahrzehnte alter Rock-Klassiker. Wäre es auch, hätten Petty oder Neil oder Bob den vor Jahren geschrieben.
Nochmal zum Sound: Der kommt wirklich so spitzenmäßig und ausbalanciert, dass man fast eine CD vermuten könnte. Lediglich der Wumms des Schlagzeuges wird dadurch gemindert, dass das Drumkit hinter einer Glasabtrennung steht. Das kommt auf der anderen Seite der Lautstärke und dem Sound der anderen Instrumente zugute, aber Drumfetischisten werden ein klein bisschen den Dampf vermissen.
Michele Diamantini streift sich auch öfter mal das Slide-Röhrchen über und in Verbindung mit solch Blues- und Roots-Rock-infizierten Songs wie The Seas Is Down (Album "Spirits", 2009) wundert es nicht, wenn es da aber ganz schwer nach den BLACK CROWES klingt.

Zur Halbzeit wird auch hier eine kleine Pause eingelegt, aber alsbald geht es weiter und spätestens beim Akustik-Texas-Boogie von Leave Me A Drain ist die Stimmung wieder prächtig. Herrlich "staubende" Slide-Soli wieder von Michele Diamantini und raue Vocals vom Bruderherz.
Dias melancholische Piano-Stück On The Way Back Home bringt noch einmal eine etwas nachdenklichere Stimmung ein, aber danach geht es fast nur noch ab. Man hat oft das Gefühl, als würden die Lieder ineinander übergehen, oder ein Song nimmt das Thema des Vorhergehenden wieder auf, variiert den Rhythmus oder die Melodie nur leicht.
Dabei haben die Songs so eine Klasse, dass sie schnell ins Ohr gehen und man sie wie gute Bekannte begrüßt. Wer könnte sich Ohrwürmern wie Waiting On The Door entziehen?
Oder Rock-Hymnen wie To Face A New Day? Wie gut sich die Band hier auf der Bühne, bei ihrem zweiten Deutschlandkonzert überhaupt (das Erste fand einen Tag zuvor statt), fühlt, sieht man den immer wieder über die Gesichter huschenden Lächeln an und besonders Lead-Sänger Marco Diamantini geht immer mehr aus sich heraus, hüpft, dirigiert das Publikum, drischt auf seine Telecaster ein und drückt aufs Tempo. Und findet nahezu kein Ende. Gegen Schluss ist sich die Band nicht ganz sicher, wie sie diesen wundervollen Abend beenden soll, und fragt schon nach Songwünschen.
Das beschert uns eine weiteres Mal die oben genannte Mary, die zwar sehr ruhig ist, aber eben auch den Namen mit der Frau des Clubinhabers teilt. Aber das ist zu ruhig, um hier von der Bühne zu steigen und so folgt noch eine - für mich - absolut unterwartete Coverversion von Six Days On The Road. Das fährt die Stimmung nochmal richtig hoch und krönt dieses Abend perfekt.

Der sich schnell verringernde CD- und T-Shirt-Stapel am Merchandisingstand spricht Bände und man sieht bei Band wie Besuchern nur zufrieden grinsende Gesichter.
Eine erstklassige Band hat hier ihre Visitenkarte abgegeben und fährt leider am nächsten Tag schon wieder gen Heimat. Hoffentlich haben in Deutschland bald wieder - und hoffentlich auch ein paar mehr - Leute die Gelegenheit, CHEAP WINE zu erleben. Es lohnt sich wirklich!

Epi Schmidt, (Artikelliste), 11.05.2013