Fotos: Epi Schmidt
British Blues All Stars,
Roth, Kulturfabrik, 29.03.2014

Bereits zum 23. Mal finden in diesem Jahr die Rother Blues Tage statt. Die fränkische Kleinstadt, unweit Nürnbergs, beherbergt hier alljährlich aktuelle, gewesene und kommende Größen, überwiegend aus dem Blues-Bereich, wobei man auch gern mal über den Tellerrand schaut, wie das diesjährige Abschluss-Konzert mit URIAH HEEP verdeutlicht.
Das Eröffnungs-Konzert wiederum, wurde von ein paar – in der Summe – kaum weniger berühmten Musikern bestritten, die teilweise auch eher aus den Randbereichen des Blues kommen. Die Tatsache, dass diese Musiker noch nie in dieser Formation zusammengespielt haben, wobei, wenn man den Worten der Veranstalter Glauben schenken darf, eine weitere Zusammenarbeit durchaus geplant ist, macht es umso interessanter. Die Proben für diesen Auftritt verliefen also recht kurzfristig und fanden eigentlich erst am Nachmittag dieses Tages statt. Koryphäen wie – und hier lüftet sich der Vorhang endlich (bzw. betreten die Herren die Bühne) – Dave Kelly und Gary Fletcher (beide von THE BLUES BAND), Bernie Marsden, Zoot Money und Pick Withers (einstmals Schlagzeuger der DIRE STRAITS) haben aber kein Problem damit, trotzdem ein Programm zusammenzustellen, welches nicht nur Blues-Fans begeistern sollte.

Wortführer dieser Truppe ist natürlich Dave Kelly. Der Slide-Künstler ist nicht nur mit der BLUES BAND, sondern auch solo nahezu permanent auf Bühnen oder in Studios unterwegs und steht auch hier im Mittelpunkt. Da Bernie Marsden erst kurz zuvor aus New York zurückkehrte, wo er mit der ALLMAN BROTHERS BAND (hört, hört!) gespielt hat, erklärt Kelly kurzerhand den Statesboro Blues zur Eröffnungsnummer. Das kommt natürlich gleich gut an, auch wenn die neue Soundanlage der Kulturfabrik noch nicht komplett überzeugen kann.
Marsden kennt man natürlich hauptsächlich aus seligen WHITESNAKE-Tagen, was auch einige Fans mit COMPANY OF SNAKES-T-Shirts auf seine Seite treibt. Aber – und soviel sei hier schon verraten – Bernie bleibt den Abend über strikt bei seiner Rolle als “Sideman“ und es gibt weder “Snake-Songs“ noch Material aus seinen Soloscheiben.
Daran werden sich die Wenigsten gestört haben, denn hier geht’s ja um die Blues Tage und da passt der Worried Life Blues natürlich perfekt. Da braucht man sich keine Sorgen machen. Erstmals fällt hier der optisch recht betagte Zoot Money so richtig auf. Recht leger auf einem Flightcase hockend, sitzt im der Schalk immer noch im Nacken, wie einst in den 60ern, und die Finger des 72-jährigen (!) laufen immer noch makellos über die Tasten. Sein Solo lässt bereits aufhorchen.

Gary Fletcher, seines Zeichens Bassist der legendären THE BLUES BAND, übernimmt mit seiner rauchigen Stimme den Gesang das auch von ihm geschriebene You Are True. Groovt locker, wie man das von solch alten Haudegen erwarten darf.
Das Alter ist an keinem von ihnen vorbeigegangen – wie am Großteil des Publikums auch nicht – aber wenn etwa Dave Kelly das Slide-Röhrchen ansetzt, dann blitzt da immer noch eine Klasse auf, die man bei wenigen Kollegen so erlebt. Wenn er so nebenbei mal Muddy WatersShe’s Nineteen Years Old einfließen last, geht ein weiteres kleines Licht am Blues-Himmel auf. Oder in den Augen der Kundigen.
Kelly verpasst es praktisch nie, den jeweiligen Urheber der Songs zu erwähnen und gibt auch die ein oder andere Anekdote zum besten (etwa über Rev. Robert Wilkins) und so wird der Abend auch zu einer kleinen Blues-Unterrichtsstunde. So “abgegriffen“ wie Sitting On The Dock Of The Bay sein mag, wird es in der Blues-Bearbeitung von Dave Kelly (und Kollegen natürlich) doch wieder spannend. Dass der Song von Steve Cropper (u.a. Gitarrist der legendären BLUES BROTHERS und von BOOKER T. & THE M.G.‘s) und Otis Redding geschrieben wurde, vergisst Kelly nicht zu erwähnen.

Am überraschendsten für mich, ist, dass der “ältere Herr“ an den Tasten die größte Stimmungskanone auf der Bühne ist. Und dass beileibe nicht nur, was seine Grimassen angeht! Klein, witzige, Geschichte zu seinem It Should’ve Been Me und schon geht dieser schmissige R&B ab. Das läuft wie geschmiert. Andere Songs brauchen noch etwas Abstimmung, aber das geht auch fließend. Ein Blick oder ein Fingerzeig und Bernie Marsden schnappt sich das Solo in One Way Out oder begibt sich ans Mikrofon um Big Bill Broonzy’s Key To The Highway beizusteuern. Auf seiner Signature-Gitarre liefert er gleich das passende – und richtig geil klingende – Solo dazu. Der Ex-WHITESNAKE-Gitarrist ist immer noch ein beeindruckender Gitarrist, der auch in “der zweiten Reihe“ überzeugende Arbeit verrichtet. Seine Körpermaße sind allerdings auch ganz schön gewachsen. Vor allem in die Breite …
Nun ja, das stört beim Blues nicht und auch nicht, wenn sich die BRITISH BLUES ALL STARS in Chuck Berrys Nadine hinein grooven.

Wo wir bei den Rock’n’Roll-Größen sind, darf Little Richard nicht fehlen und dessen Slippin’ and Slidin’ erst recht nicht. In welchen Händen und Fingern käme das an diesem Abend besser, als in denen von Zoot Money? Es macht einfach Spaß dem Typ zuzusehen und zu hören. Auch, wenn er mit seiner Eigenkomposition It Never Rains But It Poors (welches durch Jimmy Witherspoon bekannt wurde) etwas in ruhigere, jazzigere Gefilde lenkt.
Das Reihum geht weiter, als wieder Gary Fletcher ans Mikro tritt um sein So Lonely zu präsentieren, bevor Bernie Marsden mit dem Blues-Klassiker It Hurt’s Me Too übernimmt. Den Song hat er ja schon zu den Zeiten gebracht, als er mit Micky Moody als “Blues-Duo” unterwegs war.
Letztlich sind alle ja Anwesenden (mehr oder weniger) Born To Live With The Blues und dieses Motto kommt im schmissigen 12-Takter von Zoot Money dementsprechend gut und gut an.
Before You Accuse Me ist ein weiterer Titel, der bei solchen Gelegenheiten immer gern präsentiert wird und Marsden und Kelly die passende “Grundierung“ für ihre Soli liefert.
Die “Bälle“ fliegen also hin und her, sowohl was die Soli und Songs auf der Bühne, als auch die Mitsingteile zwischen Musikern und Besuchern angeht. Die Stimmung ist gut, wenn auch nicht überschäumend. Dem Durchschnittsalter der Anwesenden wohl angemessen.
Die wissen aber, wie man eine gute Zeit verbringt und so beendet Zoot Money mit Let The Good Times Roll den regulären Set passend.

Im Zugabenteil geht’s dann doch mit Shake Your Moneymaker nochmal sehr flott ab und da fließt wohl doch so mancher Schweißtropfen. Im Foyer gibt’s anschließend noch eine kleine Blues-Session einer deutschen Blues-Band, die den Abend stilgerecht beendet, aber die “Blues Stars“ standen in der Halle auf der Bühne und haben einen richtig guten Auftritt geboten, der Allen in Erinnerung bleiben wird und diese “Blues Tage“ perfekt eröffnet hat.
Ob es zu einer richtigen Tour in dieser Besetzung kommen wird, kann man sicher nicht versprechen. Schnell können sich bei solchen Konstellationen andere Verpflichtungen oder Probleme die Pläne verändern. Allein deswegen kann man von einem einzigartigen Abend sprechen, der in der langjährigen Geschichte der Rother Blues Tage sicher einen besonderen Platz bekommt. Nicht zuletzt wegen der Klasse der beteiligten Musiker.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 29.03.2014