Fotos: Peter Schepers
Ben Poole,
Dortmund, Blue Notez Club, 17.11.2018

Die Zeit ist reif für Ben Poole. Der nahezu ausverkaufte Blue Notez Club in Dortmund beweist einmal mehr, dass der junge Blues-Rock Brite die Erwartungen, die er vor zwei Jahren mit seinem zweiten Studioalbum "Time Has Come" geschürt hat, mehr als erfüllen kann. Der inzwischen 28-jährige Gitarrist und Sänger erfuhr schon zu Beginn seiner Karriere reichlich Anerkennung und erntete Lobeshymnen aus berufenem Munde. Gerade mal Anfang 20 stand Ben-Boy schon mit echten Größen wie Gary Moore und Jeff Beck auf der Bühne und galt in seiner englischen Heimat als hoffnungsvollstes Talent des anbrechenden Jahrzehnts.

Nun, im Herbst des Jahres 2018 findet sich der drahtige Bartträger mit seinem neuen Album "Anytime You Need Me" im etablierten Dortmunder Blues-Club Blue Notez wieder und schüttelt sich die Müdigkeit und den unvermeidlichen Reisestress der letzten zwei Monate aus den Knochen. Mehrere Dutzende von Gigs in halb Europa hinterlassen auch bei einem Jungspund wie Poole ihre Spuren, die der Brite sich mit einer bereitgestellten Flasche Rotwein und gelegentlichen Schlücken aus seiner Teetasse schöntrinkt. Doch eine lohnende Zufriedenheit, Genugtuung und Freude stellt sich schon nach dem ersten Song und dem mächtig aufbrandendem Applaus des Dortmunder Publikums ein. Beide Seiten finden ruckzuck zueinander.

Sound und Atmosphäre stimmen vom ersten Takt an. Die Band zeigt sich bestens eingespielt und Poole liebkost und quält seine Telecaster gleichermaßen, während er seinem Kompagnon Joe Mac an den Tasten reichlich Freiraum einräumt, um mit brillanten Soloeinlagen an E-Piano und Orgel zu glänzen.

Den ersten Höhepunkt markiert der Weitgereiste mit seiner fulminanten Version des Klassikers Have You Ever Loved A Woman, die er mit seiner süßholzraspelnden Les Paul Klampfe zu ungeahnten Höhepunkten treibt. Hier zeigt sich die im Verlaufe des Konzertes immer wieder auftauchende Fähigkeit der kompletten Band, äußerst fingerfertig mit tosenden Dynamikwogen umzugehen, die das Publikum zielstrebig und sicher durch das auf und abebbende Wellental des Bluesrock geleitet. Der Weg zwischen Laut und Leisewird hier zu einem echten Abenteuer.

Dass die Jungs nach mehr als zwei Monaten Tourleben ihre ursprüngliche Setlist ein wenig variieren, um sich selber vor dem unerbittlichen Langeweilemonster zu schützen, wird vom Publikum großzügig toleriert. Die spontan eingestreuten Jam-Sessions unterstreichen einmal mehr die versierte Musikalität des Quartetts und lassen den einen oder anderen straffen Song vom aktuellen Longplayer um so heller scheinen. Eingängige Nummern wie Jude Coles Start The Car und ohrwurmige Eigengewächse wie Anytime You Need Me; Further On Down The Line und Let Me Be zeigen Ben Pooles Potential als gewitzter Songwriter, während die Jam-Eskapaden den Fokus naturgemäß auf die solistische Brillianz der Band legt. Bass-Solo, Drum-Solo, Keyboard-Solo, hier keiner kommt zu kurz.

Dass der leicht angenervte Brite die zwei jungen Männer, die ihren offenbar zu kurz gekommenen Redebedarf lauthals am Bühnenrand austragen wollen, energisch in die Schranken weist, um dem Rest des aufmerksamen Auditoriums ungetrübten Genuss zu ermöglichen, bringt eine Runde Extraapplaus und freie Fahrt in die zum Gitarren-Orgel Duell ausartende Zugabe "Stay At Mine". Spätestens jetzt wird auch dem letzten Zweifler klar, dass die Zeit reif ist für Ben Poole.

Frank Ipach, (Artikelliste), 17.11.2018