Fotos: Epi Schmidt
Band Of Friends, Peter Spanberger,
Miltenberg, Beavers, 29.10.2012

Heute – 17 Jahre nach dessen Tod – noch einmal Rory Gallagher mit seiner Band auf der Bühne zu sehen, das ist und bleibt ein Traum. Wenn man die Augen aber etwas schließt, vielleicht blinzelt und nicht so richtig hinsieht, dann könnte man an diesem Montagabend fast glauben, dass man den legendären Blues-Rocker im Miltenberger Live-Club Beavers – der für einen Montag gut besucht ist – livehaftig erlebt.
Doch zunächst wird die Zeit bis dahin von Peter Spanberger verkürzt. Der Gitarrist und Sänger, ist sonst eher als Lead-Gitarrist von Blues Rock Bands unterwegs (FREE SPIRIT und MAMUT BONES), aber das heutige Vorprogramm bestreitet er mit einem Auszug aus seinem akustischen Soloprogramm. Schon die ersten Akkorde von Arlo Guthries „Coming To L.A.“ lassen die Besucher aufhorchen. Hier bekommt einige Schmankerl aus der Rockgeschichte, die man nicht so oft hört, wie Neil Youngs Cowgirl In The Sand, die man aber mit wissendem Nicken sofort wieder erkennt und sich freut, solche Songs wieder einmal geboten zu bekommen. Spanberger gibt den Songs seine eigene Note mit und lässt es sich auch nicht nehmen, das ein oder andere, musikalische, Gallagher-Zitat einfließen zu lassen. Der - für eine „Vorband“ – recht große Beifall nach jedem Song zeugt von der Qualität des Auftrittes.

Jener hält sich mit knapp über einer halben Stunde in löblichen Grenzen und gegen 21 Uhr betritt schließlich die BAND OF FRIENDS die Bühne. Zwei dieser „Friends“ kennen sich schon seit den 1970er Jahren, als Ted McKenna noch in der SENSATIONAL ALEX HARVEY BAND (später dann MSG und zahlreiche weitere Bands) trommelte und - natürlich - dann bei Rory Gallagher zusammen mit Gerry McAvoy wo dieser - natürlich - der Bassist von Rory war. Wer könnte mehr Recht und Anspruch haben, eine Band mit dem Untertitel "A Celebration Of The Music Of Rory Gallagher" ins Leben zu rufen?
Das geht selbstverständlich nur - und steht und fällt - wenn man den richtigen Gitarristen dazu findet. Das ist Gerry McAvoy mit Marcel Scherpenzeel ohne wenn und aber gelungen. Dass McAvoy sagt, "this is the closest guitarist to Rory you will ever hear" kann man noch als Eigenwerbung abtun, aber spätestens am Ende eines Abends mit dieser Band, wird man hinter diesen Satz drei Ausrufezeichen setzen.
Die Spezialisten im Publikum haben bereits das Equipment in Augenschein genommen und neben McAvoys bekannten Fender und Music Man Bässen den VOX-Verstärker und die abgeschabte Fender Stratocaster realisiert. Letztere natürlich nicht "das Original", aber sieht Rorys Markenzeichen sehr ähnlich.

Das kann man auch über den Gitarristen selbst sagen. Im typischen Outfit betritt Scherpenzeel zusammen mit seinem Mitstreitern die Bühne. Optisch ist aus einiger Entfernung nur der Unterschied zu verzeichnen, dass McAvoy vom Publikum aus rechts steht, statt wie früher links, und dass der Gitarrist um einiges größer ist als der Bassist.
Der Sound, dagegen ist sofort und unverkennbar der Sound, den man von so vielen Scheiben und Konzerten kennt. Last Of The Independents, vom `78er "Photo Phinish" Album, eröffnet den Set und sofort fühlt man sich, wie in jenen 1970er Jahren. "Alles gut?", die Frage von McAvoy wird mit dröhnendem Jubel und Applaus beantwortet und die Eröffnungsriffs von Continental OP sorgen dafür, dass die Hände noch länger mitklatschen, die Füße anfangen zu stampfen.
Do You Read Me, mit seinem funky Groove, bremst die Besucher etwas, ohne die Stimmung sinken zu lassen. Dazu ist es einfach zu gut, was sich hier abspielt. Lediglich die Tatsache, dass da doch "nur ein Nachahmer" auf der Bühne steht, hält mich von restloser Begeisterung zurück. Ist das schon Blasphemie? Ja, selbst Marcel Scherpenzeel scheint es manchmal fast unangenehm, wie nahe er - nicht nur mit Sound und Spielweise, sondern auch in seinen Bewegungen - am Original ist. Fast demütig richtet er seinen Blick einige Mal nach oben, gefolgt von einem Fingerzeig in die selbe Richtung, als wolle er sagen: Der da oben ist es, dem dieser Applaus gebührt.
Der Anfang von Moonchild kommt etwas undeutlich, aber nach wenigen Augenblicken ist die Band voll in der Spur und liefert auch hier eine begeisternde Version ab.

Dazu passt der einfühlsame Blues Off The Handle in den Scherpenzeel seine Emotionen einfließen lässt. Danach geht’s aber wieder richtig ab und Gerry McAvoy macht wieder den "Einpeitscher", der das Publikum permanent anstachelt und zum Mitklatschen und Mitsingen bringt. Das funktioniert nach Bought And Sold besonders gut bei Philby, mit "Yeah, yeah, yeah"-Refrain.
Die Grimassen und Gesten von Marcel Scherpenzeel ähneln denen Rorys . Die Bühnenpräsenz ist nicht die der irischen Rocklegende, aber das wäre wohl auch zuviel verlangt. Als reine Kopie wäre Marcel dennoch falsch beschrieben, denn es ist überdeutlich, dass er diese Musik liebt und lebt. Da ist nichts Aufgesetztes, sondern echte Verbundenheit zu sehen. Wieder geht sein Blick nach Oben ...
MvAvoy ist auf der Bühne Chef und "Zeremonienmeister". Kleine Anekdoten und Geschichten streut er zwischen die Songansagen problemlos ein, wie die Story über die Aufnahmen zum, von Roger Glover produzierten und in München aufgenommenen, "Calling Card" Album, als die Band auf Rorys Geheiß an einem Studiotag vorab einen Biergartenbesuch unternahm. Das Gelächter von damals und heute dürfte ähnlich gewesen sein.
Der Song, der - am nächsten Tag - aufgenommen wurde, folgt auf dem Fuß: Calling Card.

Es ist wirklich beeindrucken, wie gut diese Band klingt und es macht einen Heidenspaß, sich wieder einmal von Klassikern wie Follow Me "wegtragen" zu lassen. Reichlich Mitsingen ist natürlich angesagt und wenn es mal an Textkenntnis mangelt, dann gibt Gerry - wie in Million Miles Away - gern Nachhilfe. Der Song gehört zu den Höhepunkten einer mit Höhepunkten gespickten Show. McAvoy vergisst nicht, die verstorbenen ehemaligen Bandmitglieder Wilgar Campbell und Lou Martin vor diesem Song zu erwähnen, wie er auch seinen "ehemaligen Chef" öfter würdigt.
An jenen erinnern wir uns gern, bei Follow Me und Bad Penny. Die Band steigert sich immer mehr, der Schweiß tropft und der spärliche Bühnenraum wird bis zum letzten Zentimeter genutzt. Welchen Spaß die BAND OF FRIENDS hat, lässt sich vielleicht am deutlichsten am Gesicht von Ted McKenna ablesen. Der hat ja wahrlich schon in weltbekannten Bands gespielt und große Bühnen gesehen, und grinst hier trotzdem mit dem Publikum um die Wette, während er einen genial-treibenden Beat spielt und alle Anwesenden antreibt.

Shadow Play sorgt zum Abschluss noch einmal für richtig Power. Scherpenzeel holt das Letzte aus seiner Strat. Er hat alle Rory-typischen Gimmicks, wie die Saiten oberhalb der Greifhand zu ziehen, oder nach dem "Sattel" zu dehnen, drauf, und auch die Stimme ist so dermaßen nahe an dem, was man entweder selbst noch live erlebt hat oder "von Platte" kennt. Es mag sich übertrieben anhören, aber das ist wirklich eine total geile Band und Show.
Das geht nicht ohne Zugabe ab und die folgt in Form eines Songs "der nie geplant war aufgenommen zu werden" (Zitat: McAvoy): Bullfrog Blues!
Nun kommt auch die Telecaster zum Einsatz und Scherpenzeel slidet wie die Hölle zu diesem Blues-Stampfer. Die Bühne wird ihm zu eng, sodass ein kurzer Ausflug - auch das ganz Gallagher-like - ins Publikum unternommen wird.
McKenna treibt die Band von einem vermeintlichen Schluss zum nächsten und zwischendurch immer wieder zurück an den Bühnenrand. Dazwischen gibt’s noch kurze Bass- und Drumsoli, bis letztlich ein furioses Finale das Konzert beendet.
Man reibt sich noch einmal kurz die Augen und schüttelt ein letztes Mal ungläubig den Kopf. Die "Zeitreise" endet mit der überaus sympathischen Band, die sich bald im Publikumsraum einfindet und gerne Autogrammwünsche erfüllt und für kleine Schwätzchen zur Verfügung steht.
Wer die Chance hat und wem die Musik von Rory Gallagher etwas bedeutet, der sollte es nicht verpassen, sich diese Band anzusehen. Näher dran geht’s nicht!

Epi Schmidt, (Artikelliste), 29.10.2012