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Posthalle
Fotos: Epi Schmidt
Flyer
Pass
BAP,
Würzburg, Posthalle, 20.11.2016

Das ging ja noch mal gut. Mit der Erfahrung hunderter Konzerte beladen, dachte ich mir: Konzert geht um Acht los. Was sonst? Tatsächlich betret' ich gegen 19 Uhr eine bereits gut gefüllte Posthalle – deren Inneres einen zwar mit aufeinandergestapelten Gitterpaletten, inkl. Plastiktank, nicht gerade einladend begrüßt, aber sich im Bühnenbereich doch wohltuend vom Gebäudeäußeren absetzt – und meine Zeit reicht kaum noch für eine schnelle Erfrischung am Bierstand. Und schon verdunkelt sich der Saal, lauter Jubel brandet auf und BAP betreten die Bühne.
Wer schon ein paar Jahre nicht mehr bei einem Konzert der Band war, wird manches Gesicht nicht so schnell identifizieren, bzw. Bekannte vermissen. Auffälligster Posten ist dabei natürlich Ulrich Rode an der Lead-Gitarre. Und das in mehrfacher Hinsicht. Mit seinem harten, direkten Sound und seiner aktiven Bühnenpräsenz verkörpert er den Rock'n'Roller in der Band in deren Zentrum aber natürlich Wolfgang Niedecken steht.

Der “Impressario“ rückt für seine Nebenleute zwar gern mal zur Seite, hat aber stets die Fäden in der Hand. Und das Publikum. Egal ob gerade gespielt wird oder er eine einleitende Story zum Besten gibt.
Aber zunächst einmal wird gerockt! Beim Eröffnungssong Frau, ich freu mich läuft sicher nicht nur mir eine Gänsehaut über Rücken und Arme und die verstärkt sich, wenn BAP noch Ne schöne Jrooß hinterher schicken. Wobei die Stelle mit der “Jahreskart‘ vom FC“, angesichts des aktuellen Höhenfluges des Kölner Fußballvereins, natürlich besonders in den Vordergrund gerückt wird.
Woher er sein beachtliches Erinnerungsvermögen nimmt, ist mir schleierhaft. Vielleicht schaut er in seinen Tagebüchern nach. Jedenfalls kann er sich an die legendären (jedenfalls für die dabei gewesenen) Auftritte in der inzwischen umbenannten Carl-Diehm-Halle ebenso erinnern, wie an das Open Air bei der Eröffnung des Solarparks in Arnstein. Auch dass BOSS HOSS da als Vorgruppe spielten. Noch lieber erwähnt er aber seinen “angeborenen“ Fußballverein, den “FC Köln“. Für die paar Gladbach-Fans, die sich outen, hält sich sein Mitgefühl in Grenzen.

In Grenzen halten sich auch die Arrangements der Lieder, die mir in der aktuellen Besetzung weniger verspielt und aufgeblasen, mehr “bodenständig“ und direkt erscheinen. Umso knalliger kommt Nix wie bessher, mit herrlicher Slide von Ulrich Rode.
Das Publikum klatscht da bereits gut mit und zeigt sich auch beim folgenden Anna, Anna sehr textsicher. Wie sich Niedecken überhaupt des Öfteren überrascht zeigt, wie “Menschen ihren eigenen Dialekt für drei Stunden vergesse und auf kölsch singen!“.
Die Stimmung ist schon sehr gut und steigt weiter mit dem einstigen Hit, zu dem es natürlich die passende “Wetten dass, …?“-Story gibt, in der BAP einst Forsetzung folgt spielten (Playback, aber das passt zur Story…). Wundervoll, wie Anne de Wolf hier an der Posaune den Song bereichert.
Karibik-Feeling im November? Aff un zo verwandelt die Posthalle in einen kölschen Reggae-Schuppen!

Mit Der Herrjott meint et joot met mir wird ein Block mit Liedern vom aktuellen Album “Lebenslänglich“ eingeleitet. Da geht das Mitsingen nicht immer so leicht von der Zunge – gerade bei sperrigeren Stücken, wie Die Ballade vom Vollkasko-Desperado (tolles Akkordeon von Michael Nass) – aber die Ansagen und Geschichten reichen noch jedes Mal für mindestens ein Schmunzeln aus.
Ich weiß nicht, irgendwie erscheinen mir hier alle Songs roher, rauer, … besser, zu kommen, als ich sie in Erinnerung habe. Wo es früher manchmal etwas glatt klang, da werden hier keine Gefangenen gemacht! Und natürlich, wie früher, kein Blatt vor den Mund genommen. Gerade wenn es um Populisten wie Donald Trump geht, der die passende Überleitung zu liefert.
Engagiert, gleichfalls wie immer, vergisst Niedecken nicht auf das von ihm mit ins Leben gerufene “Rebound“-Projekt hinzuweisen, aber ohne den Klingelbeutel über Gebühr zu schwenken. Auch dazu gibt’s natürlich den passenden Song: Vision vun Europa, bei dem erneut Anne de Wolf, hier mit einem sehr “arabischen“ Geigensolo, glänzt. Überhaupt kommt die Nummer sehr intensiv rüber.

Das sehr an ZZ TOP erinernde Diego Paz liefert Michael Nass den Boden für ein hervorragendes Jon Lord-Gedächtnis-Solo und auch Werner Kopal schiebt sich hier mit einem Bass-Solo mal mehr in den Vordergrund.
Unger Krahnebäume, vom Album “Sonx“ – muss ich Annes Geigenspiel wieder erwähnen? – liefert dann den Übergang zu, wie Niedecken es ausdrückt, “Vier Liebeslieder im Sitzen Block“. Stühle werden herbeigerückt und die Akustikinstrumente ausgepackt. Der Einstieg hätte kaum besser gelingen können, als mit Jraaduss. Ich hab, glaub ich, schon ewig keine Leute mehr Feuerzeuge und Wunderkerzen bei einem Konzert schwenken sehen. Hier ist es soweit und die freundliche Ermahnung Niedeckens beim Refrain “in Kölle jibt et keen G!“ hätte es kaum bedurft. “… halt‘ dich irjendwo fess…“ Der in der Vorwoche verstorbene Leonard Cohen wird natürlich musikalisch ebenso gewürdigt, wie in einer Erzählung, denn wie der Sänger erzählt: “Wenn man es endlich mal geschafft hatte, zu dem angebeteten Mädchen mit auf ihr Zimmer genommen zu werden – Leonard Cohen war schon da“. Zu dem Block gehört noch Paar Daach fröher und das zauberhafte Do kanns zaubere, das der inzwischen wieder an die E-Gitarre gewechselte Ulrich Rode mit einem ebenso zauberhaften Ericc Clapton-Solo noch eine Stufe anhebt.

Die nächsten Stufen werden mit schnellen und ganz großen Schritten genommen, denn es wird wieder “elektrisch“. Kristallnaach - aktueller denn je und mit einer Wahnsinns-Leistung von Sönke Reich am Schlagzeug. Da muss Arsch huh, Zäng ussenander folgen und Michael Nass bringt seine Hammond auf Hochtouren. Als nächstes Verdamp lang her! Klingt frisch, wie einst im Mai. Das hätte den meisten Bands schon für Finale gereicht, aber es sind erst knapp über zwei Stunden ‘rum. Da geht bei BAP noch einiges!
Dausende vun Liebesleeder zwar nicht mehr, aber die druckvolle Hommage an Köln rockt als Nächstes.
Alles halv su wild? Wie man’s nimmt, jedenfalls wird auch der Song – wie nahezu alle anderen – mit den entsprechenden Bildern auf der sehr “plastischen Leinwand” hinter der Band unterstützt.
Und mit Alexandra, nit nur do folgt wieder ein absoluter Fanfavorit, an den sich ein donnerndes Schlagzeug-Solo von Sönke Reich anschließt.
Immer öfter muss ich an die Textzeile aus Da Herrjott meint et joot met mir denken: “Un ‘ner Show met ‘ner Band, die immer noch rockt“ …vielleicht mehr, als je zuvor.

Das atmosphärische Amerika nimmt etwas den Dampf heraus, ohne den Spannungsbogen zu verringern, und bietet die passende Vorlage für Jupp. Ich saach nur: “Kokosnüss‘ un Packeis“! Und was für ein Solo von Anne!
Die drei Stunden sind mittlerweile voll, sodass wir zur nächsten Zugabe übergehen können: Rita, mir zwei, na klar, und Noh all dänne Johre, auch das muss und passt.
Und am Schluss, ganz am Schluss, als jedes Album dieser 40 Jahre gestreift wurde, folgt auch noch vom allerersten Album, das längst von Zuschauern geforderte Stell dir vüür. BAPs deutsche Version von Dylans Hurricane lässt die Gesichter im Publikum und – ob der gesanglichen Publikumsleistung – auf der Bühne noch etwas heller strahlen.
Klar, es ist nicht mehr die Band, die sich vor Jahrzehnten auf den Weg gemacht hat, kölsche Rockmusik in die Welt zu tragen, aber dennoch ist es eine mehr als beachtliche Leistung, die diese aktuelle Truppe – und nicht zuletzt ihr Gründer – aktuell abliefern. Wenn Wolfgang Niedecken also verkündet, dass man nach Möglichkeit noch die 50 vollmachen will, dann hat man da keine Bedenken und möchte‘ gern dabei sein. Wie heute Abend hier in Würzburg.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 20.11.2016