Fotos: Marc Langels
Anthrax, Double Crush Syndrome,
Saarbrücken, Garage, 18.06.2017

Mit ANTHRAX werde ich immer besondere Erinnerungen verbinden, schließlich war das New Yorker Thrash Metal-Quintett das erste Metal-Konzert, damals bei der “State Of Euphoria“-Tour in der Düsseldorfer Philipshalle. Und ziemlich exakt 28 Jahre nach diesem „ersten Mal“ gab es die Gelegenheit die Band um Scott Ian, Joey Belladonna und Frank Bello in meiner neuen Heimat zu sehen. Eine Chance, die ich mir natürlich entgehen lassen konnte, genauso wie rund 600 bis 700 weitere Metal-Fans, die an diesem sommerlichen Sonntag-Abend dem Metal den Vorzug vor dem abendlichen Fernsehprogramm gaben.

Aber bevor die Könige des New Yorker Thrash die Bühne enterten, wurde ebenjene von DOUBLE CRUSH SYNDROME betreten, der noch recht neuen Band von Andy Brings. Ja genau, der Sänger und Gitarrist, der früher bei SODOM spielte, macht jetzt Rock Musik mit einem gehörigen Schuss Punk und Glam. Das passt jetzt ja erst einmal nicht so richtig gut zu klassischem Thrash, aber Brings und seine beiden Mitstreiter machen das Beste daraus und legen einen gut halbstündigen Gig hin, der eben das Treibende und Straighte aus dem Punk mit dem Pathos des Rock und dem Sinn für Melodie des Glam verbindet – sprich hier grüßen schon mal ein wenig die BACKYARD BABIES oder THE HELLACOPTERS – und auf Platte klingt das auch richtig gut.

Photo-Credit: Marc Langels

Das Ganze hat aus meiner Sicht an diesem Abend zwei Schwächen: zum einen ist der Sound – wie ja bei so vielen Vorbands – eben zu wenig differenziert, zumal man je nachdem, wo man steht entweder die Gitarre oder den Bass überwiegend wahrnimmt. Zudem, und vermutlich durch den Sound bedingt, erscheinen die Lieder leider ein wenig zu gleichförmig, was die Band versucht durch Enthusiasmus auszugleichen. Und damit hat sie bei einem Teil des Publikums auch durchaus Erfolg. Aus meiner Sicht sollte sich Brings aber bei seinem Stage-Acting zwar ruhig weiter an Paul Stanley (KISS) orientieren, sich das ordinäre Geschwätz zwischendurch schenken. Kein Publikum lässt sich gerne als „Ficker“ bezeichnen oder aber den Namen der Heimatstadt als „Saarficken“ verunglimpfen. Einem Teenager würde man das vielleicht noch als jugendliche Dummheit nachsehen, aber nicht einem Mittvierziger – zumal der Großteil des Publikums aus Erwachsenen und nicht Jugendlichen besteht. Ansonsten machen DOUBLE CRUSH SYNDROME aber ihre Sache ziemlich gut und übergeben ein gut unterhaltenes Publikum an den Hauptact des Abends, den sich Brings – ganz der alte Fan - aus dem Fotograben heraus anschaut.

Photo-Credit: Marc Langels

Hier gibt es weitere Impressionen von DOUBLE CRUSH SYNDROME

Nach gut 35 Minuten Umbauphase legte ANTHRAX dann auch gleich mal los wie die Feuerwehr. Zum Einstieg wurden dem Publikum gleich drei saftige Klassiker um die Ohren gehauen: Among The Living, Caught In A Mosh und Madhouse zeigen gleich mal, wo die Reise heute hingehen wird. Die Band macht keine Gefangenen und serviert insgesamt eine überwiegend aus Klassikern bestehende Setlist, die nur wenige Wünsche offen lässt. Natürlich promoten ANTHRAX auch heute Abend wieder ein Stück weit den aktuellen Release, “For All Kings“, der mit den Songs Breathing Lightning (ein erster Stimmungshöhepunkt der Show) und Blood Eagle Wings zum Einsatz kommt. Ansonsten ist mit Fight ‘Em ‘Til You Can’t nur noch ein weiterer Song aus der jüngeren Vergangenheit Teil der Show.

Aber das dürfte die Fans nicht stören, die gerade Tracks wie Efilnukefesin (N.F.L.), Belly Of The Beast, Medusa und insbesondere Be All, End All frenetisch abfeiern. Gerade bei letzterem singen die Anhänger die Eingangsmelodie genauso euphorisch wie es bei IRON MAIDEN-Auftritten bei Fear Of The Dark der Fall ist. Und an Klassikern der Kategorie Anti Social (bei dem Andy Brings den einzigen Crowdsurfer des Abends gibt) und dem abschließenden Indians gibt es ohnehin nicht zu deuteln, das ist ganz große Metal-Kunst. Einzig der Umstand, dass ANTHRAX nur insgesamt 14 Songs bieten und damit gerade einmal knapp 85 Minuten Show füllen, ist angesichts der Vielzahl an nicht-gespielten Klassikern, ich nenne hier nur einmal A.I.R., I Am The Law oder auch Only, sowie starker aktueller Songs wie You Gotta Believe, Monster At The End und For All Kings schon etwas enttäuschend. Dann wäre dieser Konzert-Abend nicht nur sehr gut sondern wahrscheinlich sogar großartig geworden.

Photo-Credit: Marc Langels

Großartig war auf jeden Fall die Performance von Frontmann Joey Belladonna, der noch genauso fit ist wie vor 28 Jahren und die Töne nicht nur trifft sondern mit einer Power raushaut, die nicht viele 56-Jährige hinbekommen. Zudem ist er nahezu ständig in Bewegung und steckt mit seiner puren Freude auch noch den letzten Metal-Muffel an, der aber wahrscheinlich heute ohnehin nicht in der Garage war. Scott Ian gibt daneben fast den eher geschäftsmäßigen Riff-Meister, der seinen angestammten Platz auf der rechten Bühnenseite nur selten aufgibt und ein paar Schritte in die Mitte geht. Auf der Linken steht Lead-Gitarrist Jonathan Donais fast ebenso unbeweglich. Aber was er seinen sechs Saiten entlockt, das ist große Kunst. Bassist Frank Bello zieht sich zwar hin und wieder auf den Riser neben das Schlagzeug zurück ist aber neben Belladonna der Aktivposten auf der Bühne. Auf dem Drummerstuhl hat für diese Tour wieder Jon Dette Platz genommen (der unter anderem schon für SLAYER, TESTAMENT, ICED EARTH und IMPELLITTERI aktiv war, beziehungsweise noch ist). Aus meiner Sicht spielt er die Sachen manchmal etwas zu steif, aber das ist wohl definitiv Meckern auf höchstem Niveau – und vielleicht auch dem Umstand geschuldet, dass die Tour gerade erst begonnen hat und sich die Band erst noch ein Stück weit eingrooven muss.

Photo-Credit: Marc Langels

ANTHRAX kamen, sahen und überzeugten an diesem Abend. Zwar nicht auf ganzer Linie, dafür war es einfach ein zu kurzer Auftritt. Die Band kann zudem froh sein, dass sie mit Belladonna und Bello zwei so mitreißende Performer in der Band hat, ansonsten hätte die Show an mancher Stelle vielleicht ein wenig zu zurückhaltend gewirkt. Insbesondere Ian würde sich nichts vergeben, wenn er manchmal wieder etwas mehr auf das Publikum zu- und eingehen würde (schließlich ist er der unumstrittene Boss der Band – und war früher dafür bekannt, wie ein Derwisch über die Bühne zu hopsen) und auch Lanois ist mittlerweile lange genug bei ANTHRAX dabei, um nicht mehr ganz so schüchtern zu wirken. Aber das wird – wie gesagt – durch einen blendend aufgelegten Belladonna sehr gut kaschiert. Dennoch – und angesichts der Dichte an Klassikern und Hits – muss man vor der Band anerkennend den Hut ziehen. Ihre Auftritte machen einfach immer Spaß – heute genauso wie vor 28 Jahren.

Photo-Credit: Marc Langels

Hier gibt es weitere Impressionen von ANTHRAX

An dieser Stelle noch ein Dank an das Garage-Team und insbesondere Stephan Junkes für die freundliche Akkreditierung.

Marc Langels, (Artikelliste), 18.06.2017