Fotos: Ralf Stierlen
Lauchhammer, Real Music Club, 15.09.2006

Real Music aus Lauchhammer ist den Home-of-Rock-Lesern ja wohlbekannt, sorgen die Jungs und Mädels unter Federführung von Ralf Rischke doch schon seit längerer Zeit dafür, dass Südbrandenburg mit den allerfeinsten Tönen handgemachter, lebendiger Musik mit den Schwerpunkten Roots Rock, Blues und Country versorgt wird, man erinnere sich nur an die Konzerte mit Chris Knight, Dan Baird, Steve Schuffert, Frank Carillo oder THE GREAT CRUSADES, um nur einige zu nennen.
Und jetzt hat der Verein Real Music für seine Konzerte auch eine eigene Heimstätte, nachdem man zuerst in der Friedensgedächtniskirche, dann in der Diskothek Blue Sky Konzerte veranstaltet hat, entschloss man sich, das Gebäude der ehemaligen katholischen Kirche (das in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts ein Wirtshaus mit Tanzsaal war) in der Wilhelm-Külz-Straße in Lauchhammer zu erwerben und innerhalb von etwa zwei Jahren umzubauen. Das wurde dann in Eigeninitiative, mit viel Blut, Schweiß und Tränen und 95% eigenen finanziellen Mitteln realisiert. Denn bei derartigen Unternehmungen bleibt das Staatssäckel zu, die Unterstützung der Kommunen aus (die Stadt Lauchhammer hat auf Anfragen bis heute erst gar nicht reagiert), während die vorgebliche Hochkultur wie Staatstheater etc. mit Subventionen zugeschüttet werden, um ihr Überleben zu sichern (worauf Ralf Rischke eingangs des Konzertes auch nochmals hingewiesen hat).

Dabei wird hier unschätzbare wertvolle Kulturarbeit betrieben, die nicht nur der vernachlässigten Jugend zugute kommt, sondern, wie im Publikum zu erkennen war, sämtliche Altersschichten anspricht und dafür sorgt, dass in diesem kulturell doch sehr kargen Fleckchen auf der Landkarte Deutschlands so etwas wie Lebensqualität entstehen kann. Tatsächlich hat sich dank Real Music (und auch Rock im Spreewald) die Lausitz zu einem hochgeachteten und gerade von Bands aus den USA gerne gebuchten Auftrittsort gemausert.

Am heutigen Abend durften also erste Früchte der harten Arbeit geerntet werden, stand doch die offizielle Eröffnung des Real Music Clubs an. Und dazu hatte man die idealen Premierengäste mit den THE BOTTLE ROCKETS verpflichten können.
Der erste optische Eindruck: viel Holz, gemütliche Western-Atmosphäre mit zwei Bars (einer großen und einer kleinen) und optimale, uneingeschränkte Sicht auf die schnuckelige Bühne (so man will sogar von einer Empore aus).
Zur Auflockerung lief noch ein Konzert von CROSS CANADIAN RAGWEED auf der Leinwand, die aber ruckzuck entfernt werden konnte, um die Bühne frei zu machen für die Begrüßung und den Abend mit den BOTTLE ROCKETS.

Zunächst jedoch standen die vier Jungs von BIG FAT SHAKIN' aus Lauchhammer auf der Bühne, denn das Anliegen von Real Music ist es ja, nicht nur fantastische Musiker aus Übersee zu präsentieren, sondern auch dem heimischen Nachwuchs Gelegenheit und Plattform zu bieten, sein Können zu zeigen. Und die Band um Rainer Naundorf, dem singenden Frontmann, der gelegentlich auch zur Gitarre und Mundharmonika griff, machte auch richtig Spaß mit ihren launigen Rock'n'Roll- und Rockabilly-Covern. Das Prinzip kennt man ja spätestens seit den Chartstürmern von THE BOSS HOSS, dass nicht nur Klassikern von Little Richard, Brian Setzer oder Ray Charles die Rockabilly-Einkleidung gut zu Gesichte steht, sondern gerade auch bei genrefremden Material die Verwandlung in einen CountryRocknRoll-Song besonders reizvoll wirkt.

Big Fat Shakin' Big Fat Shakin'

So sorgten gerade Stücke wie Personal Jesus oder Walk This Way und Adaptionen von MADONNA bis hin zu ROXETTE für breites Grinsen und Aha-Erlebnisse, zumal BIG FAT SHAKIN' ihre Sache wirklich gut machten. Über einer soliden Rhythmussektion mit Ingo Urban an den Drums und Matthias Wabnitz am Kontrabass, setzte Gitarrist Christian Cieplik die kurzen, prägnanten, auf den Punkt kommenden Farbtupfer, während sich Rainer Naundorf als veritabler Crooner entpuppte. Einzig JackosBlack Or White war in der BADESALZ-Version noch etwas origineller, aber ansonsten war das ein sehr gelungener Auftakt einer nahezu perfekten Party-Band.

The Bottle Rockets The Bottle Rockets

Nach der bei Real Music schon Tradition gewordenen Verlosung in der Umbaupause, bei der es diesmal einige von Blues Rose Records zur Verfügung gestellte Devotionalien zu gewinnen gab (Poster konnte man ohnehin umsonst mitnehmen) war es dann soweit und die Band aus Festus/Missouri (bzw. mittlerweile St. Louis) stand auf der Bühne. Es ging los mit Mendocino von der Hommage an Doug Sahm, der 2002 erschienen Scheibe "Songs Of Sahm", sowie Trust Yourself von Bob Dylan. Zwar ist Brian Henneman der absolute Mittelpunkt auf der Bühne, aber die BOTTLE ROCKETS erwiesen sich schnell als perfekt harmonierende Einheit: Drummer Mark Ortmann ist ohnehin schon ewig dabei, aber auch die jüngeren Bandmitglieder, John Horton an der Gitarre und Keith Voegele an Bass und Gesang, finden sich schon nahezu traumwandlerisch sicher im Bandgefüge zurecht. Zwar wünscht man sich manchmal, der großartige Horton würde noch etwas mehr aus sich herausgehen, aber was er an Grundlage, quasi Nährboden für die Musik der BOTTLE ROCKETS mit seiner Gitarre bereitstellt, ist für den Gesamtsound von immenser Wichtigkeit. In einer Fußballmannschaft wäre er wohl der Spieler mit der Nummer "6" auf dem Rücken.

The Bottle Rockets The Bottle Rockets

Und weiter ging es mit einem ordentlichen Päckchen von der aktuellen Veröffentlichung "Zoysia" mit Mountain To Climb, Middle Man und dem groovigeren I Quit. Das fachkundige und in bester Laune befindliche Publikum ging schon richtig gut ab, was durch den nächsten Song, Nancy Sinatra vom 1999er-Release "Brand New Year", noch verstärkt wurde. Insgesamt war die Setlist ein üppiges Best-Of aus dem reichhaltigen Katalog der Band, wobei der Schwerpunkt auf die für einen derartigen Abend tauglichen, live besonders gut zur Geltung kommenden Stücke gelegt wurde. Kurzum: es wurde gerockt, dass die Schwarte kracht. Wenig Countrysound und nichts von "Blue Sky", aber dafür die Bandklassiker wie Waitin On A Train, Kit Kat Clock oder Smokin' Hundreds Alone von "24 Hours A Day".
Natürlich wurden auch wieder I'll Be Coming Around und 1000 Dollar Car miteinander verwoben, es gab Radar Gun, Gotta Get Up und Love Like A Truck, alles was das Herz des Roots-Rockers begehrte.

The Bottle Rockets The Bottle Rockets

Vom Songmaterial ist man mit "Zoysia" ohnehin wieder voll in der Spur, wie Happy Anniversary, Suffering Servant, Align Yourself oder nicht zuletzt das Titelstück beweisen. Und Henneman ist einfach ein Performer par Excellenze, wie er sich bei den Soli windet, auch mal auf den Boden wirft und einfach seine Musik auslebt und authentisch verkörpert. Stimmlich passt Keith Voegele wirklich wunderbar dazu, außerdem bildet er einen ruhigen, stabilisierenden Gegenpol, man hat das Gefühl, hier stimmt im Bandgefüge derzeit wirklich alles. Und das bewiesen sie in Lauchhammer derart eindrucksvoll, dass man fast schon wieder Angst haben musste um die Grundmauern des schönen neuen Real Music Clubs, so gut schaukelten sich Band und Publikum gegenseitig hoch. Am Ende des zweistündigen Sets meinte Henneman jedenfalls, dass sei das beste Konzert der gesamten Europa-Tour gewesen. Vielleicht sagt er das ja jeden Abend, aber es klang jedenfalls glaubhaft.

The Bottle Rockets The Bottle Rockets

Man kann nur allen sagen, die dieses phänomenale Eröffnungskonzert des Real Music Club in Lauchhammer verpasst haben: macht solch einen Fehler nicht noch mal und kommt zu den Konzerten, so lange es noch Karten gibt (die BOTTLE ROCKETS waren verdientermaßen ausverkauft). In naher Zukunft gibt es nämlich noch mehr Sahnestückchen in Lauchhammer, dank Ralf Rischke und Co. spielen z.B. PATTY HURST SHIFTER am 29.09.2006, Joseph Parsons am 09.11.2006, CRACKER am 11.11.2006, BILLY BUTCHER am 25.11.2006 und die grandiosen DIAMOND DOGS am 20.01.2007.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 15.09.2006