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Maria, Berlin
Fotos:
Ralf Stierlen
Berlin, Maria, 17.11.2003

Elbow

Zugegeben, ich habe mich recht schwer getan, in die neue Scheibe von ELBOW, "A cast of thousands" hereinzufinden. Die düsteren Bekenner der Langsamkeit aus Manchester hatten für den Nachfolger ihres vielumjubelten Debüts "Asleep in the back" (für dessen Fertigstellung sie stolze 10 Jahre benötigten) den u.a. vom letzten BLUR-Output "Think tank" bekannten Produzenten Ben Hiller verpflichtet, der die Marschroute ausgab: Keine Angst vor Geräuschen!
Und daran haben sich ELBOW auch gehalten: Es ziept und fiept, gelegentliche Lärmattacken lassen aufschrecken, teilweise wird es weltmusikalisch und gelegentlich erklingt Gospelmusik - gegen Ende ist sogar das komplette Publikum aus Glastonbury verewigt. Aber nach und nach schimmerten aus diesem etwas spröden Gesamtgebilde wahre Songperlen heraus, die voller Melancholie, aber auch Romantik und Hoffnung, natürlich unter Beibehaltung einer angemessen düsteren Grundstimmung die Emotionen von Mastermind Guy Garvey kongenial umsetzen.

So war ich doch recht gespannt auf die Bühnenadaption und schleppte mich, gesundheitlich leicht angeschlagen, ins Maria nahe des Ostbahnhofs. Und ich sollte nicht enttäuscht werden, im Gegenteil: Live wurde das ganze noch etwas zugänglicher, kompakter und schlüssiger serviert, quasi direkt erlebbar gemacht.
Guy Garvey, dessen Stimme gerne mit Peter Gabriel verglichen wird, hatte mit seinem leicht raubeinigen Charme das Publikum gut im Griff, die Band zeigte sich locker und spielfreudig, allen voran Drummer Richard Jupp und Keyboarder Craig Potter. Kleinere soundtechnische Unpäßlichkeiten, wie z.B. am Beginn von Ribcage, wurden schnell und souverän gemeistert und bei kleineren Pannen humorvoll reagiert (Garvey: "The next song is about jealousy and hate" - fragende Blicke der Band, Drummer Richard Jupp und der Gitarrist Mark Potter tuscheln etwas, Garvey: "Oh, I've got the wrong song. Actually, the next song is about love and friendship.").

Elbow

Die Songs des ersten, noch etwas weniger experimentierfreudigen Albums wie z.B. Newborn oder Any day now werden geradezu bodenständig interpretiert und auch den neuen Werken wie Snooks (a progress report), der Hommage an SNOOKS EAGLIN, oder Fallen angel bekommt die Erdigkeit und Direktheit der Liveperformance sehr gut.
Nur um Mißverständnissen vorzubeugen: Wir sprechen hier nicht von einer Rock'n'Roll Show, die Musik bleibt natürlich die Musik von ELBOW: zerbrechlich, zart, zweifelnd, aber auch voller Hoffnung. Aber auch diese Musik benötigt das dichte Erlebnis der Liverperformance, die Interaktion mit dem Publikum, um sich in voller Pracht zu entfalten. Die schönsten Songs sind für mich dabei Fugitive motel, das von über lange Distanzen aufrechtzuerhaltende Liebesbeziehungen handelt (also quasi autobiographisch Musikerschicksale beschreibt) und das abschließende Grace under pressure (das mit dem Gospelchor), das live perkussiv richtig Schwung aufnimmt, wobei Bassist Pete Turner und Drummer Richard Jupp die Akzente setzen.

Wo RADIOHEAD inzwischen abgehoben sind und abwechselnd unhörbare Geräusche (Alben) und gewollt kauzigen Stadionrock (Konzerte) abliefern und auch TRAVIS und COLDPLAY Gefahr laufen, vom Mainstream vereinbart und ein Stück weit beliebig zu werden, sind ELBOW die große Hoffnung des intelligenten, eigenständigen britischen IndiePop. Ausnahmsweise ist auch die typische Berliner Coolness im Publikum angebracht, denn hüpfende Brüllaffen wären an einem derartigen Abend unangemessen gewesen. Ein wirklich schönes, bewegendes Konzert.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 22.11.2003