Fotos: Peter Tenzler
Poster
Berlin, Knaack Klub, 16.12.2005

Eine etwas eigenartige, gleichwohl sehr interessante Zusammenstellung gab es am heutigen Abend im Knaack Klub zu bestaunen. Ist Mark Mulholland eindeutig dem Singer/Songwriter-Genre zuzuordnen und David Judson Clemmons mit seinem Solowerk auch noch in diese Richtung tätig, wenn auch mit deutlich rockigeren Zügen, so spielen die noch jungen THE AMBER LIGHT etwas, was man wohl als New Art Rock bezeichnen kann, eine Form entschlackten Progressive Rocks mit vielen Alternative-Einflüssen. Eine Erklärung liefert sicherlich die Tatsache, dass Mr. Judson Clemmons ein großer Fan von THE AMBER LIGHT ist und diese die Einladung gerne annahmen, erstmals in Berlin aufzutreten.

Mark Mulholland Zunächst jedoch Mark Mulholland, ein in Glasgow geborener Schotte und musikalischer Wandervogel, den es über Frankreich, die Tschechische Republik, Irland und England jetzt nach Berlin verschlagen hat. Gemeinsam mit einem Amerikaner betreibt er übrigens auch einen kleinen Laden in Berlin-Friedrichshain, in der Schreinerstraße, mit Namen "East Of Eden", der englischsprachige Second-Hand Bücher anbietet, für die sich Mulholland regelmäßig in seine schottische Heimat zur Schnäppchensuche begibt. Auch dort in diesem Buchladen packt er ab und zu die Gitarre aus, wie auch heute Abend im Knaack, wo er sich als leiser, aber stimmungsvoller Entertainer beweist. Etwas spät eingetroffen, bekommen wir nur noch den Schluss des Auftritts mit, das Publikum ist aber durchaus angetan.

The Amber Light In erster Linie waren wir auch neugierig auf THE AMBER LIGHT, deren Album "Goodbye To Dusk Farewell To Dawn" einiges Potential erkennen ließ, mir jedoch stellenweise etwas zu glatt und zu watteweich war. Die jungen Musiker aus Wiesbaden um Sänger, Keyboarder und Gitarrist Louis Gabbiani konnten diesen Eindruck an diesem Abend aber doch größtenteils korrigieren. Zwar wirkt einiges an der Performance noch etwas ungelenk, aber die technischen Fertigkeiten von Gitarrist Jan Sydow, Bassist Rabin Dasgupta und Drummer Peter Ederer sind wirklich nicht von schlechten Eltern und die straighteren neuen Stücke fügen sich ebenso gut ein wie die etwas älteren Sachen, denen der härtere Liveanstrich ausnahmslos gut bekommen ist.

The Amber Light Los geht es mit zwei bisher noch nicht auf CD erhältlichen Stücken, nämlich The Intruder und No Love Lost. Am Anfang brauchen die Jungs ein wenig, um rund zu laufen, aber als dann Betriebstemperatur erreicht ist, liefern sie wirklich einen tollen, wenn auch zu kurzen Auftritt ab (man war ja nur als Spezial-Support für Mr. Clemmons am Start).

The Amber Light Softly There, Everywhere von der letzten EP "Stranger & Strangers" ist ein äußerste gelungener Popsong und geht flüssig ins Ohr, von der selben Scheibe gibt es dann noch Still Going Nowhere. Die sanftere Seite offenbart sich dann in The Drowning Man In My Hands vom bisher einzigen Longplayer "Goodbye To Dusk Farewell To Dawn", während das ausufernde Gangsters vom selben Album die progressive Seite des Quartetts zeigt. Das Stück erscheint zunächst im Siebziger-Jahre-Gewand um dann nach und nach sämtliche Fesseln abzulegen und eine ziemlich experimentelle Richtung einzuschlagen.

The Amber Light Dazu gibt es noch die bisher unveröffentlichten Songs Drake und Moody. Wie man sieht, wird es also höchste Zeit für THE AMBER LIGHT, mal wieder einen Longplayer herauszubringen. Man kann aber auch sagen, dies ist ein gutes Argument, sich die Band live anzuschauen. Die Kompositionen werden immer stimmiger und ausgereifter und die Balance zwischen Kontrolle und Spielfreude klappte dann auch mit fortlaufender Konzertdauer ziemlich gut.
Angesichts des immer noch sehr jugendlichen Alters der Protagonisten darf man hier noch einiges erwarten.

David Judson Clemmons Und schließlich noch David Judson Clemmons. In der Vergangenheit mit JUD und FULLBLISS auf ziemlich rockigen Pfaden unterwegs, schlägt er nun deutlich leisere Töne an, wie auf seiner letzten Veröffentlichung "Life In The Kingdom Of Agreement" zu hören ist. Mit eher sparsamer Begleitung von Schlagzeug, Bass und gelegentlich Cello fokussiert dieser Musiker, der ursprünglich aus Virginia kommend nun zwischen Berlin und Los Angeles pendelt, die ganze Aufmerksamkeit auf sich.

David Judson Clemmons Düster, intensiv und irgendwie knarzig, versteht er es dann doch immer wieder, die Stimmung aufzuhellen, sei es durch kurze, launige Ansagen oder einen beherzten Tritt auf das Gaspedal. Denn bisweilen geht es dann doch wieder ganz ordentlich zur Sache, gerät vor allem die Clemmonssche Gitarre von den Tönen her in bedrohlich rockende Schräglage.

David Judson Clemmons Der Auftritt hat einen gewissen improvisierten Charme, zieht aber dennoch nahezu jeden der Zuhörer durch die authentische musikalische Präsenz von Clemmons in seinen Bann. Irgendwo beheimatet zwischen Nick Cave, GIANT SAND, Tom Waits und GODSPEED YOU BLACK EMPEROR, versehen mit etwas Wüstensand und Desperado-Attitüde und oftmals in Slow-Motion gehalten, hat dieser Mann seine ganz eigene Nische, seinen eigenen Weg zum künstlerischen Ausdruck gefunden. Eine beeindruckende Persönlichkeit, den man sich auch gerne wieder in einem üppigeren musikalischen Kontext vorstellen könnte (wie wäre denn mal eine Zusammenarbeit mit THE AMBER LIGHT?).

David Judson Clemmons Da David Judson Clemmons, zumindest zeitweilig, in Berlin lebt, ist er des öfteren hier live zu sehen und in jedem Falle ein unbedingte Empfehlung.
In manchen süddeutschen Städten (z.B. Karlsruhe) war das Package übrigens genau andersrum, also David Judson Clemmons als Support von THE AMBER LIGHT.
Auch dies zeigt, mit welch einem uneitlen, großartigen Musiker man es hier zu tun hat.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 19.01.2005

Bilder: Peter Tenzler, (Artikelliste), 16.12.2005