Fotos: Epi Schmidt
Dan Baird & Homemade Sin, Torpedohead,
Frankfurt, Sinkkasten, 10.11.2010

Es ist wieder Rock'n'Roll-Zeit in Frankfurt! Wie lange noch? Tja, anscheinend ändert der legendäre Sinkkasten seine und legt jetzt mehr Wert auf "gediegene Veranstaltungen". Die Umfirmierung in "Sinkkasten Arts Club" spricht schon Bände und wo sich früher "Blue Rose"-Bands und Künstler die Klinke in die Hand gaben, gibt es künftig Sonntagnachmittag Kaffee und Kuchen. Na prima.
Aber heute Abend ist nochmal alles wie früher - selbst der Besucherstrom ganz ansehnlich. Anscheinend hat Dan Baird immer noch einen recht guten Namen und die Fans sind ihm treu. Bei der Vorgruppe hält sich das Publikum zunächst noch etwas zurück, aber Applaus erntet die Band doch und lagsam rücken die Besucher nach. TORPEDOHEAD haben in der lokalen Szene und auch bereits per Tonträger für Aufsehen gesorgt, wobei ich den nicht unbegründeten Verdacht hege, dass Sänger Sven - nicht nur mir und nicht nur von den SPACEBRAINS bekannt - immer neue Bands gründet, nur um bei Dan Baird im Vorprogramm zu spielen. Wie er das immer macht, ist mir ein Rätsel, aber er macht es jedes Mal gut und auch heute sorgt er mit einer rotzigen Punk-Rock-Rock'n'Roll Variante für Stimmung und heizt den Laden gut vor. Mehr als einmal muss ich an die WILDHEARTS denken und Songs wie Abuse Myself und Cadillac Beach würden auch in deren Programm gut passen.

"Leider" konnte ich nicht den kompletten Set von TORPEDOHEAD sehen, da ich zwischendurch zum Interview mit Dan Baird im benachbarten Raum Platz nehme.
Zum Beginn des Hauptacts bin ich natürlich in vorderster Reihe vor der Bühne. Dass wir uns nun im "Land of salvation and sinn" befinden, macht Dan mit dem Opener I Dunno umgehend klar, und es rockt von Beginn an so prächtig, dass sofort Bewegung in die Zuschauer kommt.
Von Beginn an ist auch schnell klar, dass es sich hier nicht mehr um die countryfizierte Band handelt, die sie mit Ken McMahan noch war, sondern, dass hier das Wort ROCK so richtig groß geschrieben wird und Songs gern auch mal mit ellenlangen Soli hinausgedehnt werden. Das passiert bereits beim zweiten Song, Crooked Smile, den Warner E. Hodges mit einem nicht endenwollenden Solo - welches immer wilder wird - versieht.
Da kommt das vertraute - verhältnismäßig kurze - Keep Your Hands To Yourself, als nächster Song, gerade recht. Früher was das der Höhepunkt von Dans Konzerten, heutzutage wird der schon am Anfang "verschleudert". Aber Höhepunkte gibtís zuhauf und einer davon ist sicherlich die Kombination von Li'l Bit und Elvis' Burning Heart. Überhaupt ist die Band so spielfreudig und spontan, dass gerne Songs vermischt werden, oder urplötzlich im Programm landen. Wobei es ein solches gar nicht gibt und oft entscheidet der über den nächsten Song, der eine Idee hat und/oder einfach damit beginnt. Eine gute Idee ist zweifelsohne Two For Tuesday, das man fast schon als eine Art Single-Hit vom letzten Album bezeichnen kann. Der "Single-Hit" vom zweiten Soloalbum Dans heißt Younger Face und der hat noch nie seine Wirkung verfehlt. Was heißt: lautstarkes Mitsingen, abrocken und erste Schweißtropfen auf dem T-Shirt. In Dans Fall sollte sich da noch zu einem völlig durchnässten T-Shirt ausweiten. Ja, hier gehtís ans Eingemachte und das in jeder Hinsicht. Auch die Lautstärke ist nicht von schlechten Eltern.

Für den Spaß auf der Bühne sorgt zum Großteil Keith Christopher, dessen Grimassen und Songideen immer wieder für fröhliche Begeisterung bei seinen Mitstreitern sorgen. Dabei verkennt man leicht, welch hervorragender Bassist er ist. Er hat halt nun einmal einen etwas anderen Stil. Nachdem er She Dug Me Up zum Besten gegeben hat, fühlt sich Warner Hodges angestachelt um Midnight Rambler, von den ROLLING STONES anzufangen. Leider bricht Dan das nach kurzer Zeit ab. Schade.
Das nachgeschobene Julie & Lucky entschädigt zum größten Teil, wobei mir etwas das leibgewonnene Duett von Dan Baird und Ken McMahan fehlt.
Beim - wenn ich schon dabei bin - "Single-Hit" vom Solo-Debüt, I Love You Period, lässt er die Band wieder richtig krachen und das Publikum ist auch lautstark beim Refrain dabei.
Wie gesagt, heute sind Überraschungen angesagt und mit HUMBLE PIEs I Don't Need No Doctor folgt sogleich eine. Dabei spielt Dan - leider - inzwischen nicht mehr die von Steve Marriott stammende Telecaster. Doch dazu mehr im Interview.
All Over But The Cryin' gehört immer noch zu meinen Lieblings-SATELLITES-Nummern und diesmal nutzt Keith Christopher sie als Plattform für sein extrovertiertes Bass-Solo.
Geradlinigkeit kommt danach mit dem flugs eingestreuten When Will I Be Loved (Linda Ronstadt zurück. Kurze Beratschlagung und Open All Night wird hinterhergefeuert. Was kann da folgen? Klare Sache: Sheila! Mauro Magellan am Schlagzeug ist ein Tier, der auch jetzt noch unnachgiebig powert was das Zeug hält und Band wie Publikum immer weiter treibt. Auch hier gibtís eine Überraschung: Ohne Vorwarnung wird I Wanna Be Sedated, von den RAMONES eingfügt. Das macht - zumindest mir - umso mehr Spaß, als Warner Hodges den Song auch mit seiner Stammkapelle JASON AND THE SCORCHERS live sehr häufig gespielt hat.

Ein ausgedehntes und anfangs sehr bluesiges Railroad Steel - die Lautstärke dürfte mittlerweile dem unweiten Flughafen Konkurrenz machen - bringt uns auf die Zielgerade. Tom Pettys American Girl sorgt denn auch für den umjubelten Zieleinlauf. Eine Wahnsinnsband, die rockt wie der Teufel!
Das denkt sich auch der Rest der Zuschauer und erklatsch sich zwei Zugaben: The Letter erfährt hier die Roots-Rock'n'Roll-Behandlung und als Keiner so recht weiß, was folgen soll, ergreift Warner Hodges die Initiative und sorgt mit Bruce Springsteen From Small Things (Big Things Come) für den perfekten Abschluss dieses Abends. Da kann nichts mehr kommen und das ist auch okay. Über zwei Stunden High-Voltage-Rock'n'Roll, von der besten Sorte. So kennt man Dan Baird und seine Band und so wird das hoffentlich noch lange Jahre gehen. Egal wo. Mit den Worten seines großen Vorbildes, Neil Young, rufe ich ihm zu: "Long may you run!!!"

Epi Schmidt, (Artikelliste), 10.11.2010