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Cantus Buranus
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Fotos: Ralf Stierlen

Berlin, Museumsinsel, 19.08.2005

Corvus Corax Hektische Betriebsamkeit allerorten im Vorfeld des mit Spannung erwarteten Auftritts von CORVUS CORAX auf dem Museumsinselfestival, um dort unter Mithilfe des Orchesters und Opernchores des Staatstheaters Cottbus, einem kroatischen Chor, einem tschechischen Gesangsensemble und einigen Schlagwerkern von POTENTIA ANIMI, insgesamt sage und schreibe 170 Mitwirkenden, die Neuvertonung der mittelalterlichen Handschriften durch CORVUS CORAX quasi im Heimspiel auf die Bühne zu bringen.

Kurz vor Veröffentlichung der CD und Beginn der Uraufführung zur szenischen Umsetzung beim Festival in Wacken wurde das im Entstehungsstadium noch "Carmina Burana" betitelte Werk in "Cantus Buranus" umbenannt. Sicherlich ein richtiger Schachzug, kursieren zum Teil die wildesten Theorien hinsichtlich der Bedeutung Orffs für die mittelalterliche Musik oder gar Urheberschaft bezüglich des nun vorliegenden Opus (dabei hat man sich nur des gleichen Ursprungs der Textquellen bedient) und wimmelt es zudem gerade wieder nur so von Aufführungen der Orffschen Interpretation (selbst aus den Reihen des Cottbuser Staatstheaters).

Corvus Corax Nun also waren alle bei der ausverkauften Hauptstadt-Premiere höchst gespannt was da kommen würde, hatte man doch bei der Generalprobe in Cottbus "nur" eine sinfonische Aufführung und in Wacken aufgrund der beengteren Bühne nur eine abgespeckte Version zu sehen bekommen.
Zunächst jedoch wurde die knisternde Atmosphäre noch etwas verstärkt, indem zunächst die Tanz-Stelzen-Gruppe FEUERVOGEL die Zuschauer mit ihren phantasievollen, skurrilen Masken (darunter ein Spinnenmann und ein Echsenwesen) unterhielt.
Und als alle dachten, dass es endlich losgehen könne, macht die Baustelle im benachbarten Neuen Museum einen Strich durch die Rechnung, genauer gesagt ein Stickstoff-Lastwagen, der für die Schockfrostung des Fundaments benötigt wurde. Aber irgendwann war auch das überstanden und es konnte losgehen.

Corvus Corax Optisch war das schon sehr beeindruckend: das gewaltige Orchester, die Chorsänger in weißen Mönchskutten mit Kapuze, die Trommler von CORVUS CORAX in ihren prächtigen Gewändern und die "Melodie-Fraktion" der Gruppe (also Castus Rabensang, Ardor vom Venushügel, Wim, Teufel und Meister Selbfried) wurden mit einer von einem Centurio geleiteten Kutsche hereingefahren, was zwar nicht so ganz authentisch, aber sehr beeindruckend war.
Auch sonst stand eindeutig der Spaß an der Inszenierung, das Sehen und Staunen für das Publikum im Vordergrund. Die mitreißende, schnell ins Ohr gehende Musik (die ja auch irgendwie in ihrer symphonischen Verschwendungssucht an Filmmusik erinnert) bildete den Grundstock für ein schillerndes, prunkendes Spektakel mit einem ersten Solo von Harmann dem Drescher am Gordon (eine Art Schlagbass, der ursprünglich wohl aus China kommt - ich bin aber absolut kein Percussionexperte). Danach hatte eine prächtig ausstaffierte Opernsängerin ihren spektakulären Auftritt und natürlich waren die "Klassiker" des mittelalterlichen Instrumentariums, die Schalmeien, Sackpfeifen und Drehleiern zu bewundern.

Corvus Corax CORVUS CORAX haben sich, ganz ihrer Maxime als Könige der Spielleute, als Musiker für das Volk, aus den Handschriften des Klosters Benediktbeuren die weltlichen Texte herausgesucht, in denen es um (viel) Wein, (noch mehr) Weib und Gesang geht, wie Ergo Bibamus, Venus oder Rustica Puella demonstrieren, aber der Höhepunkt ist vielleicht das satirische Nummus, in dem es um die Macht und die Abhängigkeit vom schnöden Mammon geht. Mächtige Trummscheite kommen zum Einsatz und natürlich auch das Organistrum, die größte Drehleier der Welt, von Instrumentenbauer Wim nach Bildern in einer Kathedrale in Santa Maria de Compostela angefertigt und nur von zwei Musikern zu bedienen. Aber auch das Orchester unter der Leitung von Winfried Schneider hat seine Highlights, insbesondere natürlich das Teufelsgeiger-Solo vom ersten Violinisten Wolfram Korr.

Corvus Corax Das Publikum war naturgemäß bunt gemischt: vom schicken Kulturgänger über die Gothic-Spezis bis hin zur bürgerlichen Fraktion von Hinz und Kunz, ein bisschen Senatsprominenz war wohl auch dabei.
Erfreulicherweise spielte auch das Wetter mit, passend zu den zwei vorgesehenen Tagen für die Cantus Buranus Aufführungen machte der Sommer in Berlin Station. Dazu das tolle Ambiente der Museen und der sternenklare Nachthimmel - wie geschaffen für dieses gigantische, hochambitionierte Werk voller Herzblut, Leidenschaft, Bombast und Energie.
Manchmal hatte man zwar den Eindruck, dass im Überschwang der Gefühle dem einen oder anderen Akteur ein wenig die Gäule durchgingen und Orchester und die Schlagwerkfraktion von CORVUS CORAX etwas auseinanderdrifteten, aber das sind Marginalien, die bei einer Uraufführung (wenn man die beschnittene Wacken-Fassung einmal außen vor lässt) schon mal vorkommen. Entsprechend dankte das restlos begeisterte Publikum die großartigen Darbietungen mit mehrminütigen Standing Ovations.

Corvus Corax Insgesamt bleibt zu konstatieren, dass dieses fulminante Epos durch die szenische Inszenierung und die überwältigenden Schauwerte noch einmal zusätzlichen Schub bekommen hat. War schon die CD ein genreübergreifender musikalischer Versöhner zwischen den Welten der (tanzbaren) mittelalterlichen Musik und der orchestralen Klassik und damit sowohl dem klassischen Hörer als auch dem Folkfan, Pagan-Rocker oder Gothic-Anhänger dringend ans Herz zu legen, so ist dieses schillernd-bunte, opulente Bühnenspektakel sicherlich auf dem besten Wege, einen festen und außerordentlichen Platz in der Festivallandschaft zu erlangen.
Mit nichts anderem als einem zukünftigen Klassiker, gleichzusetzen mit den großen Operninszenierungen, haben wir es zu tun bei Cantus Buranus, einem im besten Wortsinne populären Musikspektakel der ganz besonderen Art, das den Höhepunkt der über 15 Jahre dauernden musikalischen Fährtensuche und Feldforschung der Könige der Spielleute, CORVUS CORAX, markiert.
Es sind bereits weitere Aufführungen am 7.11.2005 in Bochum und am 8.11.2005 in Stuttgart vorgesehen. Auch wenn das Ambiente dann nicht ganz so klassizistisch sein wird, kann man nur jedem nicht auf vorgegebene Genregrenzen verbohrten Musikfan empfehlen, sich dieses außergewöhnliche Werk nicht entgehen zu lassen.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 23.08.2005