Fotos: Ralf Stierlen
Stuttgart, Bürgerhaus Botnang, 31.03.2007

Zuerst einmal muss ich mich bei den Support Bands entschuldigen. Weder vom IKARISCHEN ENSEMBLE noch von NOSTROMO habe ich sehr viel mitbekommen und Fotos gibt es auch keine. Wenn man einmal nach langer Zeit wieder in die alte Heimat zurückkehrt, dabei Freunde trifft, die man auch schon eine Weile nicht mehr gesehen hat, gibt es einiges zu erzählen. Dazu ist das Trio IKARISCHES ENSEMBLE live doch wirklich etwas schwer verdaulich. Auf Konserve finde ich die wilde Mischung aus Metal, Jazz und Klassik mit dem reichlich manierierten Gesang recht spannend (wobei man sich da auch nicht sicher ist, ob das ernst gemeint, oder eine subtile Verarschung der Gattung Kunstlied sein soll, gewissermaßen Hurz im metallischen Gewand). Aber live wird das sehr anstrengend und schlägt die meisten unvorbereiteten Zuschauer gründlich in die Flucht. So standen fast alle der wenigen Bühnenbesucher zu diesem Zeitpunkt mit respektvollem Abstand zum Geschehen,während ein verlorenes Männlein ganz vorne gedankenverloren mitgroovte.

Sehr schön dann allerdings, dass zwei Bühnen bereitstanden, an jedem Ende des Saales eine, so dass die Umbaupausen in deutlich erträglichem Rahmen gehalten wurden. Folglich konnten NOSTROMO auch recht zügig loslegen, nachdem das schwäbische Trio vom IKARISCHEN ENSEMBLE die Bühne verlassen hatte, die verbliebenen Zuschauer (es wurden jetzt wieder mehr) brauchten sich nur umzudrehen. Die mir unbekannte, sicherlich lokale Band hatte etwas mit dem Sound zu kämpfen (zeitweilig war keine Gitarre zu hören), die Drums rumpelten doch gehörig, aber man konsolidierte sich mit der Zeit und steuerte durch ein Programm zwischen Alternative, Gothic Rock und Nu Metal mit eigenen Kompositionen und Covers, zum Beispiel von RAGE AGAINST THE MACHINE. Aber wie schon beschrieben, habe ich nich lange aufmerksam zugehört, die Stimmung war aber allmählich doch auf einem recht guten Niveau angelangt.

Coppelius Coppelius

Dann aber volle Konzentration und größerer Zulauf für den Hauptact des Abends, COPPELIUS. Natürlich war es nicht so drückend voll wie beim letzten Heimspiel in Berlin, im allerdings auch kleinen K 17.Aber es war doch ganz gut besucht angesichts der Tatsache, dass am selben Abend noch eine Band namens MANOWAR in der baden-württembergischen Landeshauptstadt wütete und der gewöhnliche Schwabe am Samstag abend vielleicht auch andere Freizeitpläne hat. Es waren in jedem Falle auch etliche Coppelianer im Publikum, erkennbar an den Zylindern und der angemessenen Kleidung und der Altersdurchschnitt war angenehm durchmischt, will sagen, es war von fast jedem Jahrgang bis hinauf in den fünfziger Bereich genügend vertreten.

Coppelius Coppelius

Bastille führte wieder mit angemessener Unterwürfigkeit und der einen oder anderen Ungeschicklichkeit durch das Programm, das wirklich keine Wünsche offenließ, wurde man doch in die vielfältige (schillernd wäre vielleicht bei der Düsternis und gelegentlichen Blutrünstigkeit der Texte nicht der passende Begriff) Welt von COPPELIUS geleitet und hindurchgeführt: Transsylvania, Be Prepared natürlich das grandiose, regelrecht hitverdächtige Time - Zeit oder das schaurig-wohlige Morgenstimmung durften ebenso wenig fehlen wie To My Creator, das MOTÖRHEAD-Cover 1916 oder der fulminante Smasher Killers.

Coppelius Coppelius

Ausgiebig wurde natürlich auch wieder IRON MAIDEN gehuldigt, insbesondere bei Phantom Of The Opera sowie den reichlich dargebotenen Zugaben wie Wrath Child oder Running Free. Wie immer in blendender Spiellaune ließen die Herren von COPPELIUS die Klarinetten sausen, die Bass- und Cellosaiten erbeben und so manchen Mund im Publikum vor Staunen offen stehen. Wer sie noch nicht kannte, war natürlich richtiggehend von den Socken vor so viel Power und Virtuosität, vor so viel Energie und Härte auf lediglich akustischen Instrumenten. Dazu sind auch die gesanglichen Leistungen über jeden Zweifel erhaben, was insbesondere von den formidablen Röhren von Bastille und Max Copella, aber auch mit dem a capella Stück Das Amulett bewiesen wurde. Comte Casper schwang sich immer wieder ins Publikum, gelegentlich auch auf den Schultern von Bastille, um von dort aus seine Holzblassalven abzufeuern.

Coppelius Coppelius

Liebling des Publikums war an diesem Abend eindeutig Sissy Voss, der ein beachtliche und stimmstarke Fanschar hinter sich wusste, was letztlich sogar in dem Ausruf gipfelte: "Sissy, ich will ein Kind von Dir". Da der Rufer eindeutig männlichen Geschlechts war, dürfte der Wunsch unerfüllt bleiben. Natürlich hatten auch Graf Lindorf und Schlagzeuger Nobusama ihre großen Szenen, in denen sie solistisch ihr Können zeigen durften (auch wenn Nobusama zur letzten Zugabe mal wieder von Bastille verscheucht wurde)

Coppelius Coppelius

Das Wunderbare an COPPELIUS ist diese perfekte Symbiose aus Show und Virtuosität, man bestaunt die Versiertheit der Musiker, die außergewöhnliches an ihren Instrumenten und mit der Stimme leisten und fühlt sich dennoch unangestrengt bestens unterhalten. Das düster-schaurige Konzept der aus dem 19. Jahrhundert übrig gebliebenen Künstler wird schlüssig durchgehalten und ist in sich stimmig: Outfit, Texte und Auftreten sind zueinander passend und in dieser Form einzigartig. So geben sich Originalität, schräger Witz und musikalische Extraklasse die Klinke in die Hand und sorgen für rückhaltlose Begeisterung und glänzende Augen. Selbst absolute Neulinge im coppelianischen Universum waren sofort Feuer und Flamme ob dieses perfekten Abends. Und mit satten zweieinhalb Stunde netto waren auch die echten Schwaben im Publikum mehr als zufrieden, da sie hier überreichlich für ihr Geld bekamen (wobei der Eintritt mit neun Euro im übrigen auch noch vorbildlich maßvoll gehalten worden war). Auch wenn die unvergleichliche Atmosphäre eines Konzertes von COPPELIUS so ohne weiteres nicht einzufangen ist, darf man nun doch sehr gespannt sein auf die in Kürze anstehende Scheibe, die der erste Longplay-Silberling der Band sein wird.

Coppelius Coppelius

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 16.04.2007