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Wild At Heart, Berlin
Fotos: Ralf Stierlen
2 Lane Black Top
2 Lane Black Top
Cameran
Cameran
Berlin, Wild At Heart, 27.11.2005

Zum Glück ist es Ende November nicht mehr wirklich warm draußen, dann kann man selbst eine so zweifelhaft belüfteten Schuppen wie das Wild At Heart mal wieder aufsuchen. Zugegebenermaßen waren am Abend des ersten Advent auch nicht so viele Neugierige vor Ort wie noch im Sommer bei unseren Lieblingsjapanern von ELECTRIC EEL SHOCK, so dass keine Überhitzung drohte. Gespannt war man dennoch allenthalben, wie die österreichische Hardcore-Hoffnung von CAMERAN ihre auf CD doch ziemlich aufwändig arrangierte Musik live präsentieren würde, zumal "A Caesarean" ein wirklich vielversprechendes Debüt darstellte.

2 Lane Black Top Zunächst aber legten 2 LANE BLACK TOP als Support die Lunte für den Abend. Schön hemdsärmeliger Hardrock mit Stoner- und Punkelementen, ein bisschen an frühe SMOKE BLOW erinnernd. Leider hat der Sänger (ich glaube es ist Andreas von Southern Records) nicht die Ausstrahlung eine Jack Letten und die Kommunikation mit dem (allerdings auch spärlichen) Publikum entfällt praktisch völlig. Schade, könnte nämlich durchaus Laune machen, diese Band. Da hat man schon weitaus schlechteres zum Auftakt eines Konzertabends gehört.

Cameran Allmählich füllt es sich dann ein wenig, als die Emo-Post-Hardcore-Hoffnung aus dem Burgenland, CAMERAN die Bühne entern. Mit ungeheuerer Energie, Dichte und Intensität gehen sie ihre Musik an, nach dem Intro von Headphone Music gibt es kaum Verschnaufpausen. Sicherlich ist Aaron irgendwo der Mittelpunkt als Sänger und Gitarrist, er lässt sich komplett von der Musik aufsaugen, wirkt manchmal geradezu entrückt, wenn er bei dem Knaller The Zombie Walk gedankenverloren erstmal den Text rezitiert, tobt sich an den Effekten aus und liefert in jeder Hinsicht einen ungewöhnlichen, in Erinnerung bleibenden Auftritt ab. Gitarrist Markus zerrt kräftig an den Saiten, Sancho am Bass wirkt als eher stabilisierendes Element, während Drummer Pascal wirklich Staunen macht: wie der seine Schießbude bearbeitet, das hat schon fast etwas mit endgültiger Hingabe zu tun. Ohne Rücksicht auf Mensch und Material werfen die vier Österreicher nicht nur ihr Herzblut, sondern sich selbst mit Haut und Haaren in die in ihre Musik, wobei sie sich auch auf ihr so prächtiges wie spannendes Songmaterial mit Perlen wie Spin Variations, Osaka, She Knows oder The Forging Of Battle Plan B stützen können.

Cameran Was an Equipment zur Umsetzung der Sounds von "A Caesarean" nicht zur Verfügung steht, wird wettgemacht durch kompromisslosen Einsatz, trockene Härte, knackige Grooves und schrille Intensität. Damit ziehen sie auch sehr schnell das Publikum auf ihre Seite, wenngleich höchsten vierzig bis fünfzig Leute vor der Bühne stehen, sofern nicht getanzt wird, wird gestaunt, in jedem Falle ist man schwer beeindruckt von dieser Performance, die wirklich keinen kalt lassen kann. Schluss- und Höhepunkt ist dann A Million Years Now, ein grandioses Postcore-Epos, das das Zeug zum Klassiker hat. Ansonsten sind die Songs von CAMERAN eine Bündelung ausufernder Ideen, die dennoch schnell auf den Punkt kommen und quasi im Extrakt, sowohl musikalisch als auch textlich, Bilder, Stimmungen und Emotionen hervorrufen, die andere Bands in ihrer ganzen Karriere nicht einmal ansatzweise in Reichweite bekommen.

Cameran Als nach einer guten Stunde Schluss ist, fühlt man, dass die Band alles gegeben hat und ein Gefühl der wohligen Erschöpfung von allen Beteiligten Besitz ergreift. Trotzdem ist es schon spät (es ging mal wieder nicht gerade zeitig los. Berlin ist halt Berlin), als die Nacht die das Wild At Heart verlassenden Besucher umschließt, in der Gewissheit, eine Band gesehen zu haben, aus der was richtig Großes, in jedem Falle aber Bedeutendes werden kann, die den Weg aus der Sackgasse Emocore herausfindet und eine ganz eigene Handschrift entwickelt. Nicht leicht zugänglich, aber auf alle Fälle lohnenswert, die Auseinandersetzung mit der Musik von CAMERAN.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 20.12.2005