Fotos: Ralf Stierlen
Stuttgart, Universum, 05.05.2007

Holla, beim letzten Mal kam einem das Universum in Stuttgart-Vaihingen (im Universitätsgelände gelegen, daher der Name) irgendwie größer vor. Ach ja, da war man auch in den Haupträumlichkeiten, gewissermaßen dem "großen Saal". Heute findet das Ganze im Nebenraum mit einer deutlichen kleineren Bühne als zum Beispiel damals bei den DIAMOND DOGS, als diese Ende 2005 hier im Schlepptau von NASHVILLE PUSSY zu Gange waren. Heute also eine kleine Bühne und ein überschaubarer Raum mit Platz für schätzungsweise 150 bis vielleicht 200 Leute (dann aber nach Sardinenart gedrängt).

Doktor Rock Doktor Rock

Zunächst galt es wieder einmal die Vorgruppe zu überstehen. DOKTOR ROCK kommen aus Hamburg und bestehen aus Andi Schmidt an Gitarre und Gesang sowie Rudolph Naomi am Schlagzeug und Gesang. Das Duo trat, um dem Bandnamen gerecht zu werden, in Ärztekitteln auf und schepperte eine trashige Garagenversion von recht abgenudeltem Punk 'N' Roll unter das zu diesem Zeitpunkt noch nicht so zahlreiche Volk. Dass sie dabei den OP-Mundschutz anbehielten empfand ich im Nachhinein für den Sound eher vorteilhaft, geholfen hat es freilich auch nicht viel. Witz hatte das irgendwie auch nicht, es rumpelte eben so vor sich hin. Für die schwäbischen (oder zumindest süddeutschen) Leser: für eine Drei-Minuten-Nummer in einem Programm der "Kleinen Tierschau" wäre so etwas in Ordnung, aber als mehr oder weniger ernst gemeinte musikalische Performance führten DOKTOR ROCK nachhaltig vor Augen, wie lange 30 Minuten sein können.

Aber irgendwann geht alles einmal vorbei, die Umbaupause war erfreulich kurz und nach und nach füllte sich der Raum auch zusehends (offenbar haben die Schwaben eben doch einen guten Riecher, wann es sich lohnt zu erscheinen). Kleine Enttäuschung aus optischer Sicht: BEATALLICA traten diesmal ohne ihre schmucken Sgt.-Pepper-Kostüme auf. Nichtsdestotrotz wurde gleich der Schalter umgelegt, das Gaspedal voll durchgedrückt und diese einzigartige Kreuzung aus BEATLES und METALLICA mit den unnachahmlichen Texten von Jaymz Lennfield (auch die Pseudonyme sind ja entsprechend kunstvolle Mutationen) gemeinsam mit einem immer gut gelaunteren Publikum zelebriert.

Beatallica

Muss man noch etwas über diese Band erzählen, ohne Eulen nach Athen zu tragen? Eigentlich sollte dem hooked-on-music-Leser dieser irrwitzige Vierer aus Milwaukee vertraut sein. Das Prinzip ist ganz einfach: man nehme einen ursprünglichen BEATLES-Song, verfremde den Text mit allerlei Nonsens und presse das Ganze in ein musikalisches Schema, dass schwer an METALLICA erinnert. Und dann umgekehrt genauso, bis sich beides richtiggehend harmonisch ergänzt und zwei eigentlich unvereinbare musikalische Welten miteinander verschmelzen. Frontmann Jaymz ist dabei so etwas wie das Herz und die Keimzelle, aber seine Mitstreiter erweisen sich als ebenso versiert, schlagfertig und trinkfest (die Vokabel "beer" ist ein wichtiger Bestandteil im BEATALLICA-Kosmos). A propos Mitstreiter: da sind neben Jaymz und dem ebenfalls seit Beginn das Schlagzeug bedienende Ringo Larz zwei neue Gesichter dabei. Der Bassist hat praktischerweise den Namen des Vorgänger, Kliff McBurtney, beibehalten und an der Leadgitarre sorgt Grg Hammetson für fingerbrecherische Soloausflüge

Beatallica

Nachdem Jaymz das erst einen respektablen Abstand einhaltende Publikum, unter dem sich durchaus etliche textsichere Beatallibangers befinden, an die Bühne herangelockt hat, gibt es dann kaum ein Halten mehr. Natürlich werden die BEATLLICA-Klassiker wie Sgt. Hetfield's Motorbreath Pub Band, Sandman, For Horsemen oder I Want To Choke Your Band abgefeuert und abgefeiert, es gibt aber auch einige neue Songs, die einem, das ist ja das Schöne, sofort irgendwie bekannt vorkommen. RevolOOHtion ist so ein Kandidat., außerdem gibt es Blackened The USSR, ein vielumjubeltes The thing That Should Not Let It Be oder auch Hey Dude. Zwischendurch wird immer wieder die Qualität deutschen Gerstensaftes gelobt, das coolste T-Shirt gelobt (mit FLOGGING MOLLY drauf) und "dezent" auf die bevorstehende Veröffentlichung des ersten regulären BEATALLICA-Albums (nach jahrelangem Rechtegerangel) am 10. Juni hingewiesen (Jaymz erwähnt es in mindestens jeder zweiten Ansage).

Die Interaktion mit dem Publikum geht schließlich so weit, dass ein etwas vorwitziger Beatallibanger namens Philipp, der sich angeboten hat, den Bass zu übernehmen, zur Zugabe tatsächlich vom Bühnenrand hochgeholt wird, um Kliffs Rolle einzunehmen. Und er schlägt sich wirklich gut. Ringo kommt auch zu seinem Solo und Jaymz legt sich derart ins Zeug, dass am Ende des Abends ein Opfer zu beklagen ist: sein MISFITS-Shirt segnet das Zeitliche. Nach guten anderthalb Stunden allerbester Unterhaltung geht der Abend in seine feuchtfröhliche Verlängerung. BEATALLICA ist einfach pures Metal-Vergnügen.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 09.05.2007