Berlin, Columbiahalle, 24.01.2003

Urplötzlich scheinen ja Supergroups wieder in Mode zu sein. Nachdem die QUEENS OF THE STONE AGE neuerdings mit Dave Grohl (ex-NIRVANA) und Mark Lanegan (ex-SCREAMING TREES) aufwarten, ist AUDIOSLAVE bekanntermaßen die Kooperation von Chris Cornell (ex-SOUNDGARDEN) sowie Tom Morello, Tim Commerford und Brad Wilk (alle ex-RAGE AGAINST THE MACHINE).

Nachdem bezüglich Anfangszeit und Restkarten verschiedene Informationen vorlagen, war bei Saalöffnung um kurz nach 20.00 Uhr die Columbiahalle nur mäßig voll. Aber es galt ja auch erst noch den Supportact CHEVELLE zu überstehen, die 197. Nu-Metal-Dreier-Combo. Immerhin kamen die ganz sympathisch rüber und immerhin klangen sie eher nach DEFTONES als nach LIMP BIZKIT, weshalb sie auch einigermaßen wohlwollend aufgenommen wurden.

Dennoch fieberten alle dem Topact entgegen, die Halle war mittlerweile doch ziemlich gut gefüllt und gegen 21.45 Uhr ging es dann auch endlich los. AUDIOSLAVE hatte fünf Gigs in Europa angesetzt, um sich für eine ausgedehnte US-Tour warmzuspielen, dabei war Berlin der einzige Stop in Deutschland. Auffallend ist doch, dass Cornell den stärksten Einfluss auf das Bandprojekt zu haben scheint: Auf seinen Wunsch wurden die 'politics', ein Hauptanliegen der RAGE AGAINST THE MACHINE außen vor gelassen. Die sämtlichst von Cornell verfassten Lyrics belegen das eindrucksvoll.

Außerdem ist alles doch recht eingängig und vergleichsweise leicht konsumierbar, wenn man wieder mit RATM vergleicht. Nichtsdestotrotz kann man nicht, wie in einigen Kritiken zu lesen, von einem zweiten SOUNDGARDEN-Aufguss sprechen, dazu ist der Einfluß von insbesondere Morello denn doch noch zu groß.

Seine rhythmusorientierte Gitarrenarbeit, die einmal sogar in einem Scratch-Solo mündet, liegt sicherlich fern vom üblichen Seattle-Stil. Auch auf der Bühne dominiert in einer geradezu symetrischen Anordnung Cornell in der Mitte, flankiert von links Morello und rechts Commerford, die ihre druckvollen Riffwände meist fast unbeweglich absondern, während hinter Cornell Brad Wilk mit nimmermüder Energie auf die Felle prügelt.

Cornell, dessen Ausstrahlung etwas nahezu Messiashaftes hat, kommuniziert als einziger mit dem Publikum und bewegt sich auch etwas in die Massen hinein, die spätestens ab dem zweiten Track Set it off eine etwas gefährliche Mischung bilden: Die eine Hälfte will eher gemäßigt zuhören (wohl die SOUNDGARDEN-Fans), die andere Hälfte will springen und diven (offensichtlich die RATM-Fans).

Einen leichten Hänger gibt es bei Like a stone bei dem Mr. Cornell irgendwie nicht den Ton trifft, aber ansonsten ist die Abstimmung untereinander schon recht gut. Leider beschränkte sich die Songauswahl auf das ja auch erst vor kurzem veröffentlichte Debütalbum. Man hatte vielleicht insgeheim auf irgendeine Überraschung gehofft und sei es nur aus dem Katalog einer der beiden verblichenen Bands der beteiligten Musiker. Aber es war ja auch ein Probelauf, möglicherweise wird die Truppe ja mit der Zeit noch etwas experimentierfreudiger. So bekamen die Fans, was sie erwarten durften und man war froh, Cornell nach seiner arg durchweichten Solophase wieder in einem eindeutigen Rockkontext gehört zu haben sowie den genialen Tom Morello mal wieder live erleben zu dürfen.

Als schließlich ein kurz aber fulminant heruntergedonnertes Cochise gegen 23.00 Uhr das Konzert beendete waren die Fans sichtlich angetan, wobei sich allerdings der eine oder andere beim Gang in die Nacht sicherlich überlegt hat: Was war das nun? Die Geburtsstunde eines neuen Fixsterns am Rockhimmel oder gar die Zukunft des Rock? Oder nur eine schnell verglühende Sternschnuppe, ein Projekt für eine CD samt Tour, nach der man wieder getrennte Wege geht? Die Zukunft wird es zeigen.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 24.01.2003