Berlin, ColumbiaFritz, 07.11.2003

Ein gut gefülltes ColumbiaFritz, Menschen in gespannter Erwartung: Endlich geben sich die grandiosen Düster-Folker aus Denver, Colorado wieder die Ehre, diesmal in Triobesetzung.
Zunächst aber die Vorband: AT THE CLOSE OF EVERYDAY, ursprünglich ein holländisches Duo, live auch zum Trio aufgerüstet, bietet zunächst spröden, dunkel-düsteren, zerbrechlichen Zeitlupen-Folk. Der mittig sitzende Sänger und Perkussionist wird flankiert vom Bassisten und Gitarristen. Die drei werden allmählich etwas lebhafter, dennoch wirkt das ColumbiaFritz irgendwie noch zu groß für eine derartig intime Performance, wie sie hier geboten wird.

Nach ca. 40 Minuten Spieldauer und einer Umbaupause, die die Spannung ins Unermeßliche steigert, ist die Bühne in ein tiefes, schweres, dunkles Blau illuminiert. Mastermind David Eugene Edwards, Pascal Humbert, der abwechselnd Standbass und E-Bass spielt und Drummer Jean-Yves Tola nehmen die Zuschauer sofort gefangen und mit auf eine Reise durch mehr als ein Jahrzehnt Bandgeschichte. Die Bühnenpräsenz von Edwards, dem Nachkommen eines Wanderpredigers, ist mit beeindruckend nur unvollkommen beschrieben. Die Texte, die von Schuld, Sühne und Erlösung handeln, werden von einer Musik unterstützt, die Bilder aufkommen läßt von in der Wüste verwesenden Tierkadavern, einsamen, gottverlassenen Käffern, durchreisenden, mitunter zwielichtigen Desperados, Verbrechen aus Habgier, Lust oder Rache, aber auch dörflichen Tanzvergnügen, bei dem die Mädchen dem unbekannten Fremden verstohlene Blicke zuwerfen und wüsten Trinkgelagen. Und über allem der Betrachter, der für die armen Seelen der schwachen und schuldbeladenen Menschen um Vergebung fleht.

Das Gesamtkonzept ist ernsthaft, düster, aber dennoch auch lustvoll. Wenn Edwards bei American wheeze mit dem Akkordeon die Akzente setzt, jauchzen die Zuhörer geradezu vor Freude. Der Sound von abwechselnd Banjo, Gitarre oder Akkordeon zu Bass und Schlagzeug ist von einer verblüffenden Geschmeidigkeit und Eleganz, bei aller Akzentuierung verkommt nichts zum platten Klischee oder wird gar kitschig, wie bei vielen countrylastigen Bands.
Titel wie Black soul choir, Strawfoot oder For heaven's sake belegen nicht nur textlich einen religiösen Hintergrund, auch die Musik ist oftmals von Gospel und Kirchenmusik beeinflusst.

Überraschend kommen auch ältere Sachen wie Outlaw song, Coal black horses oder Straight mouth stomp zu Gehör.
Nach einer intensiven Stunde verabschieden sich die drei Kanadier, allerdings nur für kurze Zeit: Die frenetisch geforderte Zugabe umfaßt dann nochmals eine halbe Stunde dieser einzigartigen, faszinierenden Mischung aus Sinn und Sinnlichkeit.

Lustig mal wieder Volkes Stimme nach dem Konzert: Ein Besucher, der offensichtlich erstmals mit 16 HORSEPOWER konfrontiert wurde, meint: "Egal, ob der jetzt Banjo, oder Gitarre oder Akkordeon gespielt hat, irgenwie hörte sich das alles gleich an". Das ist einerseits natürlich Unfug, andererseits trifft der Mensch unbewußt auch ins Ziel, allerdings nicht in dem ursprünglich negativen Inhalt der Aussage: 16 HORSEPOWER haben schlichtweg einen unverwechselbaren, eigenständigen und faszinierenden Sound geschaffen, der einen hohen Wiedererkennungswert hat und diese Band aus der Masse hervorstechen läßt.

Da keine Fotos erlaubt waren, gibt es auch keine.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 17.11.2003