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The Intersphere
Letztendlich sind wir auch nur Musikliebhaber, Interview

THE INTERSPHERE haben nicht nur mich mit ihrem neuen Album "Interspheres-Atmospheres" beeindruckt. Die Band aus Mannheim mit internationaler Ausrichtung könnte schon bald in aller Munde sein. HOOKED ON MUSIC unterhielt sich mit Schlagzeuger Moritz Müller und Gitarrist Thomas Zipner am Rande des Konzertes in Hamburg.

Hallo Moritz und Thomas, gleich mal zum Album.
Es ist meiner Meinung nach ziemlich grandios geworden. Es klingt vielschichtig, aber dennoch zugänglich. Besonders aufgefallen ist mir dabei der Anfang von Early Bird, wo man zuerst denkt, dass da irgendein Delay-Effekt auf den Gitarren ist und erst auf den zweiten Blick realisiert, dass da zwei verschiedene Riffs gegeneinander arbeiten.
Wie geht ihr allgemein das Album an und wie hat euch Fabio Trentini evtl. geholfen, der Platte doch ein bisschen mehr Alternative-Anstrich zu geben?


Moritz Müller: Meistens kommt Christoph, unser Gitarrist und Sänger, mit Ideen und verschiedenen "Baustellen" in den Proberaum und dann gibt es kein wirkliches System mehr. Vieles entsteht dann durch Zufall, vieles durch Ausprobieren und ab diesem Zeitpunkt ist auch jeder an den Songs beteiligt.
Manchmal habe ich auch Ideen für Grooves, manchmal kommt Thomas mit etwas. Ich weiß noch, dass er bei Early Bird irgendwann mal diese zweite Gitarre plötzlich reingesetzt hat....

... ich finde sowieso, dass ihr ziemlich viele Songs habt, in den die beiden Gitarren völlig unterschiedliche Dinge tun ...
Wenn man sich auch mal die anderen Rezensionen so durchliest, dann kann man ja doch ziemlich zufrieden sein. Wirken sich diese positiven Kritiken schon irgendwie auf dieser Tour aus? Sind generell jetzt mehr Leute bei den Konzerten?


Thomas Zipner: Ja, das würde ich schon sagen. Es ist ja auch unsere erste richtige Headliner-Tour, die wir spielen. Im letzten Jahr war es ähnlich, aber die Dimension ist in diesem Jahr doch noch ein wenig anders, weil die Leute kommen, weil wir da spielen und das gibt einem schon nochmal ein anderes Gefühl.

MM: Die Resonanz ist auch viel besser und die Show ist auch noch einmal eine Ecke gereifter.

TZ: Die Resonanz insgesamt ist auch größer, wir finden jetzt schon auch in Magazinen und nicht nur "Demo-Disaster-Teilen" statt.

Ihr vereinigt ziemlich viele Stile in eurer Musik und macht daraus ein bisschen euren eigenen Mix. Wie würdet ihr euch stilistisch einordnen? Progrock kann man z.B. ja auch in einigen Songs heraushören.

MM: Auf jeden Fall. Wir sind eigentlich an allen interessiert.
Letztendlich sind wir auch nur Musikliebhaber und tun dies alles hier eigentlich weniger wegen den kommerziellen Aspekten, sondern wollen etwas Neues kreieren, was uns künstlerisch erfüllt.
Wenn man sich die CDs im Tourbus bei uns mal anguckt, dann wird man dort z.B. DILLINGER ESCAPE PLAN und RADIOHEAD, teilweise aber auch Jazz finden. Egal, wie man es auch nennen mag, gefällt uns diese Vielfalt in der Musik.
Und Christoph hat halt diese spezielle Art, Songs zu schreiben. Stimmungen, die man auch als Drummer wiedererkennt, schöne Harmonien, auch wenn es laut ist.
Es geht nicht immer um Riff und Schmettern, sondern auch um die schönen Dinge.

"s.o.b.p", eurer Debut, klang ein wenig böser. Wie seht ihr denn eure soundtechnische Entwicklung?

TZ: Hmmm, das ist ja alles schon ein Weilchen her. Aber es stimmt, Tag für Tag ist der Gain-Regler immer weiter zurückgegangen, haha.
Wir haben aber schon an unserem Sound in den letzten Jahren gearbeitet. Insbesondere live klang das am Anfang immer mal ein bisschen matschig und wir haben dann immer weiter hörbar zu machen, was da eigentlich passiert.
Die neue Platte ist schon ein bisschen poppiger und hookiger, aber teilweise auch ein bisschen abgedrehter.

MM: Ich finde auch vom Sound hat es sich viel mehr in eine europäische Richtung entwickelt. Das alte Album klingt viel amerikanischer und viel mehr HiFi-mäßiger und es war auch das Ziel, das ganze ein bisschen homogener klingen zu lassen. Nicht ganz so aggressiv, mit Power, aber erdiger.

Ohne Thomas zu nahe treten zu wollen, aber ihr habt ja schon eine starke Rhythmusgruppe. Entwickelt ihr manchmal auch Songs vom Bass und Schlagzeug ausgehend?

MM: Also am Anfang eigentlich nie. Manchmal kommen mittendrin Parts von uns hinzu, die in der Mitte eines Songs entstehen, z.B. bei Google Earth.
Die Grundidee war zwar von Christoph, aber es gibt schon viele Stellen, wo man ausprobiert und bei Google Earth gibt es diese eine Stelle, die sehr prog-mäßig ist, wo Sebi und ich die Grundlagen gelegt haben.
Aber ansonsten fällt mir speziell jetzt nichts ein.

Wir hatten vorhin ja auch schon einmal Udo Dahmen mit der Popakademie als Thema. Inwiefern habt ihr denn von ihm und der Akademie profitiert?

TZ: Wir haben uns da kennengelernt, was ja auch schon einmal nicht schlecht ist.
Und wir waren drei Jahre da, d.h. man hat auch eine Menge Zeit, an den Dingen zu arbeiten. Außerdem hat man dort viel Kontakt zu Leuten, die eigentlich etwas Ähnliches machen oder aus demselben Bereich kommen. Von daher kann man sich da auch gut austauschen.

Ihr habt ja auch schon zweimal die Bühne beim Rock am Ring geentert, spielt auf dieser Tour aber immer noch in kleineren Clubs. Wie ist euer Gefühl dabei, vor relativ wenig Leuten zu spielen, obwohl ihr ja derzeit aller Orten mit Lob überschüttet werdet.

TZ: Ich bin eigentlich sehr damit zufrieden. Also jetzt 1000er-Hallen oder andere Riesendinger zu buchen, wäre einfach unehrlich gewesen.
Rock am Ring ist für uns natürlich eine angenehme Ausnahme. Ich weiß noch, als wir das erste Mal bei Rock am Ring spielten, da stand auf unserem Flyer "Jugendheim Buxtehude, Rock am Ring, Jugendheim ....". Rock am Ring war damals schon deutlich größer als alles, was wir vorher gespielt haben.
Jetzt ist alles super, weil wir inszwischen soweit sind, dass wir in den "coolen" Clubs spielen können, z.B. im Magnet in Berlin oder hier im Logo.
Das sind jetzt halt nicht alles Riesen Läden , aber angesagte Clubs.

Auch das Sterben der Plattenlabel geht leider immer weiter, vor ein paar Tagen hat es Louisville ereilt und Tapete Records scheint wohl auch kurz vor dem Aus zu stehen. Ihr selbst habt mit Soulfood schon einen guten Vertrieb an der Hand, aber wie seht ihr selbst die Zukunft des Musicbusiness? Oder macht ihr euch darum erst einmal nicht soviele Gedanken und spielt einfach so viel es geht?

MM: Wir haben auch so ein bisschen das Problem gehabt, dass die Leute von der Business-Seite her alle toll finden, was wir machen. Sie scheuen sich aber, das zu ihrem eigenen Thema zu machen, weil es angeblich nicht erfolgsversprechend ist und ein bisschen aus dem Raster fällt. Die Sachen sind halt schwer im Radio zu vermarkten...

TZ: Die Radios arbeiten sowieso ein bisschen komisch. In erster Linie sind sie amerikanisch gesteuert und da gibt es dann große Budgets für amerikanische Bands und für die Sachen, die man eigentlich gern selbst spielen würde, bleiben dann nur Restbeträge übrig, so dass wir für die Radios also kein primäres Thema spielen.
Das wirft dann natürlich auch für uns die Frage auf, was sollen wir da investieren. Ein ganz kleines Label nützt uns auch nichts, da können wir die Sachen lieber alleine machen. Wir haben uns irgendwann gefragt, was wir selber leisten können und was wir abgeben.
Aber soweit es geht, kümmern wir uns lieber selber um die Dinge.

MM: Das wird für ganz viele Bands auch die Zukunft sein, nämlich sich unabhängig zu machen von allem anderen. Wir haben jetzt zum Beispiel total freie Hand bei der Entstehung der Songs. Und wenn es uns nicht gefällt, dann wird es auch nicht so gespielt. Uns geht es da auch zu sehr um die Musik, das war der Grund, warum wir damals angefangen haben.
Irgendwann - und jetzt noch mehr - kam dieser Punkt der Business-Seite dann dazu.
Bei den Handlungen vieler Bands überwiegt sogar diese Seite, aber wir sind nicht bereit, diese Seite zu ungunsten unserer Kreativität zu sehr in den Vordergrund zu stellen.
Unsere Kraft und Energie stecken wir dann lieber in die Dinge, die wir am besten können.

Wer sich in Deutschland ein bisschen intensiver mit Drumming beschäftigt, dem ist dein Name, Moritz, ja durchaus ein Begriff. Du machst schon Workshops, Clinics und hast schon mit anderen Größen aus der Musikwelt zusammengespielt.
Richtig gute Drummer sind in der Regel ja eher "alte Säcke". Wie fühlst du dich denn als 25-Jähriger in dieser Riege ?


MM: Oh Mann, vielen Dank erstmal ! Bei den Drummern allerdings haben - im Gegensatz zu anderen Intrumenten - ziemlich viele Drummer ihre eigenen Workshops und zeigen sich mal hier, mal dort. Die anderen Jungs beherrschen aber auch ihre Instrumente und leben für die Musik ........ (ha ha), ähhhm, wie war die Frage nochmal ?

... wie man sich als 25-Jähriger in der Gilde der guten Drummer so fühlt ?

MM: Ähhh, ziemlich gut. Das freut mich total, dass du das sagst, weil es einfach so viele gute Drummer gibt. Ich bin einfach ziemlich inspiriert von allem, was es so gibt und denke eigentlich nicht darüber nach, wo ich mich nun vom Stellenwert gerade befinde. Ich mache Musik genau so, wie ich es vor 10 Jahren betrieben habe und das entwickelt sich natürlich in gewissem Maße. Aber die Reaktion auf mich als Einzelnen bekommt man gar nicht so mit.
Ich fühl mich natürlich immer superwohl, sobald ich hinter meinem Schlagzeug sitze, Musik hören oder jemand anderem zugucken kann.

Was mir auch sehr sympatisch ist, ist die Tatsache, dass du trotz deines Könnens ziemlich band- und songorientiert spielst. Da gibt es ja im Drummerbereich auch gegenteilige Beispiele, wo Sechstolen und 32igstel hoch und runter geholzt werden. Müssen dich deine Kollegen da manchmal bremsen oder ist das deine eigene Philosophie ?

MM: Das ist meine persönliche Philosophie, hähähäha! Nee, manchmal will Christoph sogar ein bisschen mehr. Also, ich bin schon ein sehr extrovertierter Drummer, würde ich sagen. Aber das ist halt meine Farbe, mein Style, da kann ich nichts dafür.
Wenn es mir so gefällt, dann will ich das auch so hören. Aber grundsätzlich denke ich, wenn mal ein Fill kommt oder der Tiger mal kurz aus dem Käfig muss, dann sollte es immer so sein, dass es dem Song dient, zum Ziel zu kommen. Dann nehme ich mir die Pausen und sehe zu, dass ich da rein spiele, wenn es unbedingt sein muss.
Es gibt auch Songs, wo es einfach überhaupt nicht passt. Und spätestens, wenn man dann an einer solchen Platte gemeinsam arbeitet und sich das Ganze dann mal anhört - man hört sich beim Kontrollhören ja immer anders als in einer Livesituation - dann werden einem auch bestimmte Sachen klarer. Deshalb sollte man auch ruhig mal Mitschnitte im Probenraum machen. Es fallen einem da noch Sachen auf, die einem vorher nicht bewusst auffallen.

TZ: Das kann ich als Bandmitglied nur bestätigen, haha ! Obwohl manchmal auch die Suche nach der Eins uns in der Gesichtern abzulesen ist, haha !

Kommen wir nachmal zur Tour zurück. Das ist ja eure erste Headliner-Tour und ihr seid ja breits einen Monat unterwegs. Geht das jetzt so langsam in die Knochen oder seit ihr von den Ereignissen immer noch berauscht und genießt es immer noch ?

MM: Also, wir genießen das schon ganz arg, aber es ist schon anstrengend. Die Band ist jetzt noch nicht so weit, dass wir Roadies hätten. Wir bauen selber ab und auf. Wir müssen uns teilweise auch drum kümmern, dass wir nach dem Gig irgendwo pennen können. Und wir haben eine eigene Lichtproduktion dabei und das ist alles sehr aufwendig.
Aber letztendlich haben wir uns das alles selbst eingebrockt. Wir wollen, dass die Show steht, der Tagesablauf ist schon sehr durchorganisiert und alles dreht sich um die 80 bis 90 Minuten am Abend. Aber es ist schon anstrengend, vor allen Dingen für Christoph, der auch gesanglich jeden Abend Gas geben muss...

TZ: ... man muss ja auch sehr aufpassen, wenn sich Krankheit mal einzuschleichen droht. Eine Erkältung ist noch nicht so schlimm, aber wenn aus dem Mund so gut wie nichts mehr rauskommt, dann hat man schon ein Problem.

Ergibt sich vielleicht für euch in diesem Jahr noch die Möglichkeit, im Vorprogramm anderer Bands euren Bekanntheitsgrad zu steigern?

TM: Ja, unterwegs sind wir ja eigentlich immer das ganze Jahr, zwar nicht so gebündelt am Stück. Tja, jetzt kommt ja noch der ein oder andere Gig, dann kommen die Sommerfestivals, vielleicht noch einmal eine kleinere Tour im Herbst.
Als Support hatten wir bisher eigentlich immer relativ viel Pech gehabt. Es gab ein paar Optionen mit DREDG bzw. die gesamte OCEANSIZE-Tour, aber dann wird immer irgendjemand krank oder die bringen doch ihren eigenen Support mit. Aber wir haben unsere Booking-Agentur natürlich darauf angesetzt, dass wir bei einer coolen Support-Tour sofort dabei wären.

So, vorletzte Frage. Wenn irgendein Musiker euren Platz in der Band einnehmen müsste oder sollte, wen würdet ihr vorschlagen? Wer könnte euch adäquat ersetzen ?

MM: Ich glaube wirklich, dass bei uns keiner ersetzbar wäre. Unsere Musik ist schon sehr in uns verankert, der Stil und die Tatsache, dass wir uns inzwischen so gut kennen. In sechs Jahren, da bauen sich so Sachen auf, die kann man auch gar nicht richtig definieren, was das ist. Es passt einfach, es greift einfach.
Wie bei den STONES, oder so. Wenn du da Charlie Watts rausnimmst ... geht nicht! ...

... in meiner Band fand ich es auch immer wieder überraschend, dass man sich später gar nicht mehr erinnern konnte, wie bestimmte Songs entstanden sind ...

MM: ... deswegen ist es für mich auch so schwierig zu erzählen, wie unsere Songs entstehen.
Man hat zwar so eine grobe Erinnerung, aber bei den Sachen, die wir jetzt zum Beispiel schon für die nächste Scheibe machen, haben zum Teil wieder ganz andere Herangehensweisen. Es kommt noch viel mehr von uns allen und ist viel breit gefächerter.

TZ: Wer mich ersetzen sollte ?? .. Chuck Norris z.B. Ich weiß zwar nicht, ob Chuck Norris Gitarre spielt, aber der würde cool an der Gitarre aussehen, haha.

Welchen Platz würde THE INTERSPHERE denn in Oslo belegen ?

TZ: Ich weiß jetzt ehrlich gesagt gar nicht, was da gespielt wird. Das ist ja schon etwas schlagermäßiger, oder ?

... aber LORDI hat auch vor ein paar Jahren gewonnen ...

TZ: ... aber wahrscheinlich haben die eher gewonnen, weil sie lustig aussahen, ha ha.

MM: Ich glaube, da wären wir bei vielen ganz außen vor. Die Jurymitglieder können damit - glaube ich - gar nichts anfangen, weil es einfach zu ......... Ach, keine Ahnung ! Ich kann es nicht sagen, aber ich glaube, dass wir nicht in dieses Format so reinpassen.

Ich finde, ihr habt einen ziemlich internationalen Sound, der euch auch von anderen deutschen Bands ein wenig abhebt. Aber man muss ja auch nicht in Oslo gewinnen.

TZ: Nee !

Dann danke ich euch sehr für das Gespräch und wünsche euch wirklich alles Gute mit eurer neuen Hammerscheibe.

Kay Markschies, (Artikelliste), 08.03.2010