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Emirsan
"Man muss nicht unbedingt Platten verkaufen, um ein glücklicher Musiker zu sein", Interview

Am Rande des Konzertes, gemeinsam mit dem kanadischen Songwriter Spookey Ruben im frannz, hatte ich Gelegenheit mit dem Sänger, Gitarristen und eigentlichen Protagonisten von EMIRSIAN, Aren Emirze ein kurzes Interview zu führen. Den hooked-on-music-Lesern ist Aren natürlich auch bestens bekannt als Sänger und Gitarrist der Gruppe HARMFUL, über deren durchaus spannende nähere Zukunft auch einige Wörtchen fielen.

Hooked on Music: Ganz am Anfang. wie liefen die Wohnzimmerkonzerte? (Vor der eigentlichen Tournee mit Spookey Ruben veranstaltete EMIRSIAN im intimen Rahmen drei sog. "Wohnzimmerkonzerte", siehe auch die dazugehörige Website)
Aren: Die Wohnzimmer waren super. Die waren sehr, sehr schön. Ich muss sagen, dass es eine ganz neue Erfahrung war und es hat Hunger auf mehr gemacht. Eine supergeile Atmosphäre, sehr intensiv und ohne Verstärkung, unkompliziert, kein Soundcheck. Du gehst hin und spielst einfach, das war wirklich ideal. Das ist genau das, was ich gut finde, glaube ich, in Zukunft.
HoM: Nun ist EMIRSIAN auch sehr gut geeignet dafür.
Aren: Ja, auf jeden Fall. Obwohl, ich war am Anfang recht angespannt, weil ich nicht wusste, wie die Songs so rüberkommen. Weil auf der Platte ist es ja nicht nur Gitarre und Gesang, sondern ist vieles vermischt. Aber die Songs tragen sich auch alleine und da war ich sehr glücklich darüber.

HoM: Wie lange war denn das Material für EMIRSIAN in Deinem Kopf? Sicherlich ziemlich lange, oder?
Aren: Nein, das war es gar nicht... unbewusst vielleicht, ja. Aber dann kam es letztes Jahr im November raus. Wie man merkt, ist das nicht so lange. Innerhalb von einem Jahr ist aus ursprünglich Nichts, nicht einmal einem Song, jetzt eine Tour mit EMIRSIAN entstanden. Es ist wirklich eigenartig, ich hätte nicht gedacht, dass das passiert und jetzt bin ich auf Tour. Das ist wirklich sehr schön, gerade so eine persönliche Sache zu präsentieren und auch auf Interesse zu stoßen. Man merkt, dass es die Leute interessiert, fernab vom Plattenverkauf. Bei so einem Projekt ist das auch interessant, ohne dass man die Platte kauft, denke ich mir.

HoM: Die "Sis Masis" von HARMFUL war ja schon so ein bisschen unter dem Motto "zurück zu den Wurzeln", EMIRSIAN führt das noch stärker fort. Willst Du das weiter machen oder ist das nun erst mal abgeschlossen?
Aren: Ne, deshalb ist die nächste HARMFUL richtig unspektakulär nach außen. Es ist die siebte HARMFUL-Platte, Rock ohne irgendwelche Schnörkel, ohne irgendeine Message aus Armenien oder irgendwas. ich wollte in zehn Tagen eine Rockplatte aufnehmen und es ist sehr, sehr schön geworden. Wir haben auch ein super Team zusammen gehabt bei HARMFUL und da bin ich sehr glücklich darüber.
HoM: Wer hat diesmal mitgearbeitet?
Aren: Das war Billy Gould von FAITH NO MORE, der hat sie produziert, Flemming Rasmussen der die METALLICA-Klassiker produziert hat ("Ride The Lightning", "Master Of Puppets" sowie ".And Justice For All" sind natürlich gemeint, Anm. d. Red.), war auch dabei. In zwei Wochen haben wir die Platte aufgenommen, es ist alles sehr rough und schnell gegangen. genau richtig. Anders wäre es auch nicht gegangen, da ich so mit EMIRSIAN beschäftigt war, musste es eine schnelle Platte werden. Jetzt ist auch eine schöne Sache, dass Billy bei uns einsteigt. Das wird sehr schön werden, die gemeinsame Tour im März. Ich denke auch, dass das in der Öffentlichkeit einige Türen öffnen wird.

HoM: Bei der Scheibe von EMIRSIAN haben sich ja auch viele Musiker quasi die Klinke in die Hand gegeben bei den Aufnahmen. Wie kam es dazu?
Aren: Das kam durch den Olli Rüger, mein Partner bei EMIRSIAN, der mir ermöglicht hat, diese Sachen bei ihm im Studio auszuprobieren. Dadurch bin ich auf die Idee gekommen, dass da wirklich Potential für eine Platte vorhanden ist und dadurch sind Kontakte zu einem Cellisten gekommen, zu einem Akkordeonspieler, zu einem Kontrabassspieler. Das war alles sehr spontan, eine Sängerin ist noch dazu gekommen. Es war wirklich eine sehr persönliche Erfahrung, die mir sowohl musikalisch als auch menschlich sehr viel gegeben hat.
HoM: Ich finde, es gibt zwei Schlüsselstücke auf der Platte, das eine ist On The Run und das andere natürlich Achtschig Sirunag. Kannst Du etwas über die beiden Stücke erzählen?
Aren: Also On The Run ist ein Song, wo ich mich selber mit meinem Vater stark identifiziere und versuche, mich selber zu finden und realisiere, dass mein Vater genau die gleichen Probleme hatte. Deswegen auch der Titel "A Gentle Kind Of Disaster". Das beziehe ich auf mich, aber auch auf meinen Vater. Im Nachhinein wollte ich auch, dass ich mehr. also, wenn jemand verstirbt, denkt man sich, hätte ich doch mehr von ihm erfahren. Eigentlich kanntest du den Mann ja nicht so, wie du ihn eigentlich hättest kennenlernen sollen.
Durch diese Arbeit an diesem Album ist es mir bewusster geworden und ist dann auch durch das zweite Stück, dass Du angesprochen hast, Achtschig Sirunag, noch intensiver geworden, weil ich gemerkt habe. Wahnsinn, er ist zwar nicht mehr da, aber trotzdem kommunizieren wir noch miteinander. Trotzdem hat er irgendwas hinterlassen, als ob alles Sinn gemacht hat im Leben. Als ob er dieses Stück vor 20, 25 Jahren aufgenommen hätte, mit der Absicht, dass wir es wieder benutzen. Und jetzt spiele ich es live, wie gestern auch in "Blend TV", was ein türkisch-deutscher Sender ist (wohl eher eine Sendung auf TD 1, Anm. d. Red.). Das hat mich überrascht, ich wusste das nicht und bin reingekommen, der Moderator war Deutscher, aber sonst waren alles Türken. Das war für mich als erstes schon negativ, da ich weiß, wie die Türken auf armenische Sachen reagieren. Aber dann habe ich mir gedacht, ich will hier jetzt keine politische Stunde daraus machen, sondern ein schönes armenisches Lied von einem talentierten Musiker (das Lied ist von seinem Vater komponiert worden, Anm. d. Red.) präsentieren. Das würde mein Vater genau so wollen. Mein Vater war ein talentierter Mensch und kein Politiker. Deswegen war mir das wichtig, seinen Song dort zu präsentieren.
HoM: Es ist ja auch ein Liebeslied...
Aren: Es ist ein Liebeslied, ja. Das habe ich extra auch so angesagt. Ich hätte eigentlich doch noch eine politische Aussage auf armenisch einbauen können, das hätte kein Türke verstanden...

HoM: Du hast es ja schon angedeutet. EMIRSIAN wird wohl keine großen Auswirkungen auf HARMFUL haben?
Aren: Ja, es läuft voneinander getrennt. Natürlich lernt man als Musiker voneinander. HARMFUL profitiert von EMIRSIAN und umgekehrt, weil man als Musiker wächst und wir sind ja schon so lange dabei. es gibt ja nicht viele Musiker, die echt so lange dabei sind wie wir und auch immer wieder überraschen können. Und das freut mich selber, unabhängig von diesem kommerziellen Standpunkt, bin ich sehr glücklich als Künstler. Ich fühle mich bestätigt, dass es einen Weg fernab des Mainstreams gibt. Dass man nicht unbedingt Platten verkaufen muss, um ein glücklicher Musiker zu sein. Man kann es nicht erzwingen. Und gerade in dieser Zeit verkauft man sowieso keine Platten, deswegen muss man sich umorientieren.

HoM: EMIRSIAN war sicherlich auch eine ganz neue Erfahrung in Betreff auf das Songwriting...
Aren: Auf jeden Fall. Es ist eine ganz andere Art des Songwritings, weil man wirklich alles mit sich selber vereinbaren muss und nur aus sich heraus die Songs schreibt. Natürlich habe ich mit dem Olli (Rüger) jemanden gehabt, der mir objektive Meinung gegeben hat, auch Guido Lucas war oft dabei. Es war eine wunderschöne Erfahrung, auch anstrengend, aber fast schon spirituell, teilweise. Das merkt man glaube ich, auch an der Platte. Wenn man die mit einer gewissen Ruhe anhört und nicht, wie viele, einfach mal reinhört, was ist das und dann weg. Man muss sie wirklich zwei-, dreimal anhören, dann kommt sie. Und das habe ich auch vielen Leuten gesagt, die gerade auch erpicht darauf sind, neue Sachen zu entdecken und EMIRSIAN aufgelegt haben und gedacht haben, das ist die nächste Johnny Cash-Platte und dann gesagt haben, das kommt aber nicht an die Legenden ran. das ist Blödsinn, weil EMIRSIAN will da auch gar nicht rankommen, sondern ist ein eigenes Ding. Aber viele Magazine brauchen diesen Vergleich zu den Songwritern. Natürlich gibt es keinen besseren Elliott Smith, es gibt auch keinen besseren Nick Drake, aber es gibt auch keinen besseren EMIRSIAN. Das ist das, was sie verstehen sollen. Ich will gar nicht in diese Fußstapfen treten, besonders nicht körperlich, denn die sind ja alle schon tot. (Gelächter)
HoM: Ein schönes Stück ist auch Satisfied, das könnte man sich auch als Noise-Song vorstellen.
Aren: Das hätte man eigentlich auch auf eine HARMFUL-Platte bringen können. Ich habe das auf der Akustikgitarre geschrieben gehabt und habe gemerkt, dass ich auf dieser Platte gerne etwas hätte, was fernab von der Akustikgitarre ist und ich finde gerade in der Mitte bringt es viel Abwechslung in die Platte herein. Und Aydo (Abay von BLACKMAIL) hat auch dazu gesungen. endlich mal eine Kooperation. Wir wollten das schon jahrelang machen, aber es hat nie geklappt und jetzt haben wir das endlich mal bewerkstelligt.

HoM: Wird EMIRSIAN auch weiterhin bestehen, neben HARMFUL quasi nebenherlaufen?
Aren: Das muss man mal abwarten. Ich werde auf jeden Fall wieder EMIRSIAN-Sachen machen, denn mir macht es unheimlich Spaß und ich merke auch, dass die Ideen rauskommen, ich habe immer mehr Ideen auf dieser Ebene. Aber ich freue mich jetzt auch sehr auf die Zeit mit HARMFUL, denn man lernt das jetzt erst richtig zu schätzen, was HARMFUL für eine energetische Band ist und was es mir auch in all den Jahren gebracht hat, dort ein Ventil zu haben. Und HARMFUL ist wie ein Bruder. EMIRSIAN und HARMFUL sind Geschwister, deswegen darf man auch nicht fragen, was man lieber hat.
HoM: Das wäre ja auch Äpfel mit Birnen vergleichen.
Aren: So ist es.

HoM: Heute abend mit Spookey Ruben, wie wird es werden?
Aren: Ich habe keine Ahnung, es ist das erste Konzert, dazu auch noch in Berlin. Ich hoffe, dass ein paar Leute kommen und das wenigstens eine intime Stimmung herrscht. Und dann denke ich mir, wird es ein schöner Abend. Man muss gucken, wie wir mit dem Set umgehen können, weil wir konnten nicht so viel proben wie wir wollten, aber es wird schon schief gehen.
HoM: Wie wird die Umsetzung live werden?
Aren: Wir versuchen schon, uns an die Platte zu halten. Stellenweise ist es natürlich nicht möglich, aber wir wollen vor allem einfach Emotionen rüber bringen. Weil was auf der Platte nicht möglich ist, ist ja live möglich, dass man das Gesicht von den Menschen sieht und das hat ja auch eine gewisse Spannung.

HoM: Vielen Dank, dann wünsche ich Dir weiter viel Glück und viel Spaß mit EMIRSIAN.
Aren: Danke für das Interview.

Vielen Dank an dieser Stelle auch an den (leider an diesem Abend abwesenden) Arne von Nois-O-lution, der sich wie immer für die Realisierung des Interviews ins Zeug gelegt hat.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 04.11.2006