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Doc Holliday
Duran Duran sind die beste Rockband aus den 80ern, Interview

Ich treffe den Sänger und Gitarristen und unbestritten Anführer von DOC HOLLIDAY, Bruce Brookshire, im oberen Stockwerk des Colos-Saal in Aschaffenburg. Das Konzert des heutigen Abends steht an. Die Band hat sich gerade beim Abendessen gestärkt und bereitet sich auf den anstehenden Gig vor. Bruce Brookshire ist noch nicht in seinen Bühnenklamotten, aber das immer präsente Kreuz baumelt um seinen Hals und auch sonst spürt man, dass man es hier mit einem außergewöhnlichen Menschen und Musiker - einer Southern Rock Legende - zu tun hat. Ich gebe ihm kurz zu verstehen, dass sich auf der Rückseite meines Aufnahmebandes noch der Mitschnitt vom Interview mit Warren Haynes befindet und er also in guter Gesellschaft ist. Und schon gehtís los, das Gespräch mit Mr. Doc Holliday:

Bruce_Brookshire

Hooked On Music: Hello Bruce! Hello and goodbye, muss ich schon fast sagen, denn die aktuelle Tour heißt "The Farewell Tour". Das bedeutet also tatsächlich das Ende von DOC HOLLIDAY? Und wenn das so ist, dann warum?

Bruce Brookshire: (Holt tief Luft) Es ist so und es ist an der Zeit.

HoM: Es ist an der Zeit? Wer hat diese Entscheidung getroffen? Du allein, oder ist das eine Entscheidung der ganzen Band gewesen?

B.B.: Ähm, ich denke, die Anderen stimmen dem zu.

HoM: Ja? Weil es genug ist, 30 Jahre unterwegs zu sein?

B.B.: 30 Jahre ist eine lange Zeit. Jeder hat inzwischen eigene Sachen zu tun.

HoM: Okay. Bei der aktuellen Tour, bist du der einzige Gitarrist. Eigentlich wart ihr immer eine Band mit zwei Gitarren. Was ist mit John Samuelson?

B.B.: Nun, er spielt Bass. Daniel B. Fords (Anm.: Bassist von DOC HOLLIDAY seit 1987) Mutter ist krank. Sie ist jetzt 89 Jahre alt und er muss sich um sie kümmern. So konnte er nicht mit auf diese Tour. Also kehrte John an den Bass zurück, den er ursprünglich gespielt hat. John war der Bassist auf unseren ersten drei Platten. Auf unseren ersten vier Platten! Er ist ein sehr, sehr guter Bassist! Ich glaube sogar, es macht ihm mehr Spaß Bass zu spielen, als Gitarre.

HoM: Meinst Du? Er ist auch ein sehr guter Gitarrist.

B.B.: Das ist er, aber ich glaube es macht ihm am Bass mehr Spaß und das ist immer so gewesen. Er wurde ein Gitarrist, weil ich ihn darum gebeten habe, vor langer Zeit. Daniel B. Ford sollte unser Bassist damals sein, aber er musste für ein Jahr, oder so, einen Job bei einem Postamt annehmen, also wurde John der Bassist von DOC HOLLIDAY. (Lacht)

HoM: Wie ist es bei dir? Genießt du es der einzige Gitarrist auf der Bühne zu sein? Weil du möglicherweise mehr Freiheiten hast?

B.B.: Nein, tatsächlich habe ich dadurch weniger Freiheiten. Denn ich muss jetzt viel mehr Rhythmus spielen, um die fehlende zweite Gitarre zu ersetzen. Aber tatsächlich denke ich, dass wir diesmal sogar etwas besser klingen als zuletzt. Als Vier-Mann-Band spielt man sehr genau, aber auch mit mehr Klarheit, ist organisierter. Es ist für uns alle ein Vergnügen und jeder genießt es.

HoM: Ja, ich glaube schon, das es etwas "offener" klingt.

B.B.: Ja! Und was glaubst du, wie es erst der Mann am Mischpult genießt!

HoM: Für ihn dürfte es auch einfacher sein.

B.B.: Ja, das denke ich schon. Weißt du was? Als wir kürzlich in einem Club in Belgien spielten (Anm.: Verviers, "Spirit of 66"), und ich weiß nicht, wie oft wir das schon gespielt haben, meinte der Besitzer, das war der beste Sound, den er je von uns gehört

HoM: Na, da bin ich ja gespannt auf heute Abend. Um ehrlich zu sein, ich halte dich für einen der besten und talentiertesten Gitarristen im Southern Rock. Wie hast du angefangen? Von wem hast du gelernt?

B.B.: Also zunächst einmal: Ich bin nicht einer der talentiertesten Gitarristen im Southern Rock. Ich sage dir, wer der Beste ist: Er spielt Gitarre für eine Band namens STILLWATER und sein Name ist Rob Walker. Er ist der beste Southern Rock-Gitarrist. Tatsächlich. Auf diesem Planeten

HoM: Tatsächlich?

B.B.: Ja. Er ist besser als ... hm, ich denke ... vielleicht sollte ich mal mit Warren (Anm.: Warren Haynes) darüber reden. Möglicherweise Warren und Derek (Anm: Derek Trucks) und Rob Walker. Diese Drei zusammen, das sind die Besten.
Ich selber, also ich habe von den BEATLES gelernt und von ... mein erster richtiger Gitarrenheld war Peter Green. Ich liebte Peter Green und ich wollte Peter Green sein, als so ungefähr 16 Jahre alt war. Ich dachte, wenn ich Peter Green sein könnte, das wäre Größte.

HoM: Ja, eine Menge großer Gitarristen sind von ihm beeinflusst, wie Eric Clapton und Gary Moore, der ja erst unlängst verstarb. Viele lernte von Peter.
Kommen wir wieder zu dir. Lonesome Guitar Take Me Home, das ist einer deiner bekanntesten Songs und ein Favorit bei den Fans über all die Jahre. Hattest du beim Schreiben des Songs eine bestimmte Gitarre im Sinn?

B.B.: (Holt tief Luft) Nein. Das ist eine gute Frage, bin ich nie zuvor gefragt worden ... Ich denke eigentlich nicht. Zu dem Zeitpunkt war er es eine Stratocaster aber über die Jahre bin ich ein richtiger Fan von Telecaster Gitarren geworden. Aber damals spielte ich eine Stratocaster.

HoM: Wo liegt für dich der große Unterschied zwischen diesen beiden Gitarrentypen?

B.B.: Oh, da gibt es eine Menge. Zum Beispiel die, die ich auf dieser Tour spiele, von einem guten Freund ...

HoM: ... das ist deine Nummer Eins?

B.B.: Nun, es ist die Nummer Eins auf dieser Tour, das kannst du glauben.

HoM: Was ist mit der Weißen, mit der man dich sonst häufig sah?

B.B.: Die gehört Volker Dörfler von LIZARD. Ich hab die, glaube ich, fast auf jeder Tour hier gespielt und er war immer so freundlich, sie mir zu leihen. Ich bringe für gewöhnlich meine Gitarren nicht mit herüber.

HoM: Das bringt uns zu einem betrüblichen Thema. Vor wenigen Jahren verstarb mit Georg Bayer - dem Sänger von LIZARD - ein ungeheuer wichtiger Mann für den Southern Rock in Deutschland, ein lieber Mensch und Freund von dir. Wie ging es dir, als du es erfuhrst? Und kannst du dich daran erinnern, als du Georg das erste Mal trafst?

B.B.: (Sichtlich ergriffen, aber auch sehr bestimmt) Ja, ich erinnere mich daran. Er hatte gerade geheiratet. Ich erinnere mich sehr gut, es war 1989. Als ich erfuhr, dass er gestorben war, war ich in einem Schockzustand. Totaler Schock. Und das hielt an. Auch als ich sofort mit meiner Frau nach Deutschland kam. Der Schock ging dann in Trauer über und die Trauer in eine Art ... Stumpfheit. Aber nun, kann ich zurückschauen, auf unsere Freundschaft und mich freuen. Aber ich kann es immer noch nichts fassen, dass ich ihn nicht mehr anrufen kann. Es ist eines dieser Sachen ... (benutzt das deutsche Wort:) unglaublich

HoM: Wenn wir gerade von Georg Bayer sprechen, wie kam es denn zum BORDERLINE Projekt?

B.B.: (Grinst) Georg stand da zwischen zwei Bands. Er hatte LIZARD, wollte aber auch noch etwas anderes machen. Und er bat mich, zu kommen und ihm dabei zu helfen. Also bin ich mit Bud und Cadillac (Daniel Bud Ford und Danny "Cadillac" Lastinger, Bassist und Schlagzeuger von DOC HOLLIDAY) rüber und wir haben praktisch die ganzen Songs beschrieben. Dann erzählte mir Georg, das diese beiden Typen aus England kommen würden und ein paar Gitarren einspielen würden. Ich sagte "cool". Ich hatte - und es tut mir wirklich leid - keine Ahnung, wer sie (Anm: Die Rede ist von den beiden Original-WHITESNAKE-Gitarristen Bernie Marsden und Micky Moody) waren. Ich wusste von WHITESNAKE, aber ich kannte ihre Gitarristen nicht. Ich hab die Band gemocht, aber immer gedacht, das wäre so ein Ableger von DEEP PURPLE. Jon Lord spielte ja da und ich glaube auch Ian Paice. Aber als die Beiden, Bernie und Micky, ins Studio kamen, Junge, ich sage dir, die ließen mich wissen, wer sie waren! Die waren richtig, richtig gut!

HoM: Die gehören auch zu meinen absoluten Favoriten. Allerdings und obwohl so viele tolle Musiker an dem Projekt beteiligt waren, wurde es doch nicht so gut und erfolgreich, wie es hätte sein können. Woran lag das, was meinst du?

B.B.: Ach weißt du, wenn ich wüsste, warum manche Dinge erfolgreich sind und andere nicht und woran das immer liegt, dann wäre ich reich. Dann wäre ich nicht in einer Band, sondern wäre Manager (lacht).

HoM: Was uns zurück zu deiner Band führt. Das erste DOC HOLLIDAY Album gehört zu dem Besten was in dieser Musikrichtung gemacht wurde und es lief zunächst recht gut für euch. Aber nach dem dritten Album war so etwas wie ein Bruch da. Was war der Grund, deiner Meinung nach?

B.B.: Wir explodierten. Wir implodierten.

HoM: Eigentlich da, als ihr richtig groß hättet werden können und müssen, kam der Einbruch.

B.B.: Es kam da auch dazu, dass zu dieser Zeit diese ganzen Bands wie DURAN DURAN, CULTURE CLUB usw. aufkamen und keiner mehr eine Rockband hören wollte. Und ein weiterer Grund war, dass wir zuviel tranken und Drogen nahmen.. So viel, dass wir unsere Köpfe verloren und diesen Break eigentlich sogar brauchten. Es war vielleicht sogar gut, für unsere Gesundheit, dass dieser Einbruch kam.
Natürlich war das auch keine gute Zeit für den Rock insgesamt. Die Sounds und wie die Bands aussahen. Du konntest gar nicht unterscheiden zwischen Boys und Girls! Ich sag dir, die einzig gute Rockband, die aus den frühen 80ern kam, war DURAN DURAN! Und sie klangen wie eine Rockband, wenn du sie live hörtest. Nicht auf Platte! Sie hatten einen tollen Drummer, einen tollen Gitarristen, einen sehr guten Keyboarder, aber auf Platte klangen sie ... (imitiert die Plastiksounds der damaligen Zeit). Aber im Konzert waren sie klasse.

HoM: Wie ist es mit deinen eigenen Konzerten. Gibt das welche, an die du zurück denkst? Irgendwelche besonderen Auftritte?

B.B.: Hm, der von gestern Abend.

HoM: Gestern Abend?

B.B.: Und dann heute Abend. Ich bin mit einem besonderen Gedächtnis gesegnet: Ich vergesse die schlechten und bei den guten, vergesse ich, wo sie waren. Ich bin aber auch nie der Typ gewesen, der woanders sein wollte, in einer anderen Zeit, zu einem anderen Zeitpunkt ...Das ist so wie mit den Leuten ... als meine Tochter Fünf wurde, sagten sie "oh, würdest die nicht wünschen, sie wäre noch zwei?". Ich sagte, nein, ich mag sie jetzt als Fünfjährige. Und als sie 10 wurde, meinten sie "hättest du sie nicht lieber noch als Fünfjährige?" Nein, ich hab sie als 10jährige gern! Und ich mag sie jetzt mit 21. Ich denke nicht in dieser Weise und schau auch nicht so zurück. Hab ich nie gemacht.

HoM: Das bedeutet somit auch, du bist zufrieden, mit dem Alter in dem du jetzt bist?

B.B.: Nun, das sollte ich besser sein. Welche Alternative hab ich? (Lacht) Nein, ich denke, man sollte glücklich sein, in jedem Alter, in dem man ist. Freu dich, dass Gott dir erlaubt zu leben.

HoM: Ja, das stimmt. Zurück gehen kann man sowieso nicht.

B.B.: Nein, es gibt keinen Weg zurück. Und wenn es einen gäbe, würde ich die gleichen dummen Fehler wieder machen, die ich damals gemacht habe (Lacht)

HoM: Ich erinnere mich, aber an einen Auftritt in Hannover. Ihr kamt gerade vom Sweden Rock Festival - ähnlich wie dieses Jahr - und spieltet auf einem Biker Festival. Das Gelände war eine Pferderennbahn und die Bühne stand im inneren Rund. Da die Fans die Rennbahn der Pferde nicht betreten durften, waren wir über 100 Meter von der Bühne entfernt. Wir haben aus der Ferne gewunken und ihr habt trotzdem gespielt, als wären wir direkt vor der Bühne.

B.B.: Ja, ich erinnere mich, es hat geregnet. Das war eine verrückte Angelegenheit, aber wir spielten trotzdem und das machen wir immer. So wie letzte Nacht, da waren vielleicht 75 Leute da, aber wir gaben unser Bestes. Uns ist egal ob 75 oder 75.000, wir geben unser Bestes. Vorteil meines schlechten Gedächtnisses ist auch, dass ich nicht mehr weiß, ob wir überhaupt da bezahlt wurden (Lacht).

HoM: Ihr habt gerade ein Abschiedsalbum, "From The Vaults", mit alten Aufnahmen herausgebracht. Wie hast du das zusammengestellt?

B.B.: Wir hörten uns alte Aufnahmen an und entdeckten wundervolle Überraschungen. Ich hatte eine Zeitlang ein Studio, aber dann verstaute ich alles und verkaufte das meiste Equipment. Und dann hatte ich plötzlich diese ganzen Bänder übrig, aber nicht mehr die Geräte um sie abzuspielen. Also borgte ich mir eine Bandmaschine und fing an diese Bänder anzuhören und ich dachte "Wow, das sollten wir rausbringen". Nichts von dem - außer wenn die Leute Bootlegs haben - ist jemals veröffentlicht worden. Und wenn, dann nicht in dieser Qualität. Ich denke es ist ein gutes Päckchen geworden.

HoM: Was machst du, wenn diese Tour zu Ende ist?

B.B.: Schlafen (Lacht). Dann duschen und noch etwas schlafen (Lacht weiter). Dann werde ich mal nach meinem Enkel sehen, der gerade das Laufen angefangen hat. Dann habe ich eine Kirchengemeinde, die auf mich wartet. Die für mich betet, die mich unterstützt.

HoM: Wie bezeichnest du dich? Ein Prediger?

B.B.: Ich bin ein Pastor, ja. Ein Prediger ist für mich jemand, der seinen Finger hebt und sagt "mach dieses nicht, tu das nicht". Ich mache so etwas nicht, ich rede auch nicht so. Ich glaube nicht, dass Gott so spricht. Ich versuche das zu sagen, was er, nach meiner Ansicht zu mir sagt, und das ist "Ich liebe dich". "Ich lebe für dich und wenn du ein Problem hast, dann erzähle es mir. Ich bin der Beste, um dir zu helfen". In unserer Kirche möchten wir Diener sein, die den Menschen dienen und ihnen helfen. Ein guter Freund von mir, Lee Harris, ist unser zweiter Pastor und er kümmert sich um die Gemeinde, solange ich weg bin. Vielleicht wollen sie mich gar nicht zurück (Lacht).

HoM: Wie nennt sich eure Kirche?

B.B.: Grace Fellowship Church. Jeder kann die Webseite unter www.gracewr.org besuchen. Und die Kirche, die Bilder sehen ...

HoM: Also können dich die Fans auf dieser Seite weiter verfolgen ...

B.B.: Ja, natürlich können sie das und ich werde ja auch nicht aufhören Musik zu machen. Und niemand aus dieser Band wird damit aufhören.

HoM: Was machen die Anderen?

B.B.: Nun, Eddie hatte schon immer eine Solokarriere nebenbei und er wird damit weitermachen. John hat ein Studio und ist damit sehr erfolgreich. Er hat gerade erste ein Album mit einem Typen aufgenommen, der für die GRATEFUL DEAD arbeitet.

HoM: Also können wir auch von dir auf weitere Aufnahmen hoffen.

B.B.: Ja, sicher. Nicht unter dem DOC HOLLIDAY Markenzeichen, aber wir werden bestimmt alle wieder Sachen veröffentlichen.

HoM: Dann wünsche ich dir für die Zukunft alles Gute. Du bist jederzeit in Deutschland willkommen. Du wirst vermisst werden und immer in Erinnerung bleiben.

B.B.: Danke. Wahrscheinlich nimmt schon jemand unseren Platz ein, während wir hier noch reden (Lacht).

Epi Schmidt, (Artikelliste), 22.06.2011