Foto: Epi Schmidt
D-A-D
"Wir sind eine Classic Rock Band", Interview

Das Obergeschoss des Schweinfurter "Stattbahnhofes" ist nicht unbedingt eine Hotelsuite, aber ich vermute mal, D-A-D haben in ihrer langen Karriere schon schlimmere Räumlichkeiten erlebt und sie zeigen auch keinerlei Unwillen über die bescheidenen Verhältnisse "upstairs'".
In der abgewirtschafteten Küche scheint der Haupttreffpunkt zu sein und hier erwarte ich Lead-Sänger Jesper Binzer zum kurzen Talk im Vorfeld des abendlichen Konzertes. Am Tisch sitzt u.a. ein sehr relaxter Drummer Laust Sonne und liest oder unterhält sich, während Bassist Stig Pedersen, schon fast in voller Bühnenmontur, herumtigert. Wobei "voller" eher das falsche Wort ist, denn obenrum trägt er nur eine sehr offenherzige Weste. Seine beachtlichen Muskeln scheinen ihn gut zu wärmen.
Auch Jacob Binzer - Gitarrist und Bruder des Sängers - schleicht ab und an durch den Raum, für Kaffe, Essen, etc.
Dann erscheint auch Jesper, sehr hochgeschlossen angezogen, als käme er von einem Spaziergang und seiner Handschuhe muss er sich noch erst entledigen. Aber dann ist es so weit und wir beginnen unser Gespräch, welches ich gleich mal offensiv angehe:

Interview_Jesper

Hooked On Music: (auf deutsch) Sprichst du deutsch?

Jesper Binzer: (ebenfalls auf deutsch) Nein. (und lacht ausgiebig)

HoM: (jetzt auf englisch) Na, ich spreche jedenfalls kein Dänisch, aber falls jemand wie ich zum ersten Mal nach Dänemark kommt, hast du für den ein paar Tipps? Vielleicht die drei wichtigsten Dinge?

J. B.: Oh, das hängt sehr vom Wetter ab, denn Dänemark hat oft ein Sch...wetter. Aber an einem schönen Tag würde ich raten nach Christiania zu gehen, welches die Freetown in der Mitte von Kopenhagen ist. Dann würde ich empfehlen einfach in der Nähe des Hafens abzuhängen. Hier ist zum Beispiel das "Neue Nationaltheater" einen Besuch wert und dann gibt es noch einen Ort der Christianshavn heißt, gleich neben Christiania. Auch absolut einen Besuch wert.

HoM: Gibt es etwas, was man kulinarisch empfehlen oder vermeiden sollte?

J. B.: Definitiv vermeiden sollte man Carlsberg und Tuborg. Da sollte man vielleicht lieber einen tollen Fruchtsaft probieren. Und dann ..., lass mal sehen.., ach, du findest das schnell heraus, wenn du dort bist. Kopenhagen ist eine tolle Stadt.

HoM: Gut, ihr habt ja ein neues Album heraußen, welches "Dic.Nii.Lan.Daf.Terd.Ark" heißt und dessen Titel natürlich auf den ursprünglichen Namen der Band, DISNEYLAND AFTER DARK, hinweißt. Wer kam auf die Idee, das Album so zu nennen, bzw. den Namen so zu schreiben?

J. B.: Nun, wir hielten es für eine gute Idee, die Leute noch einmal darauf hinzuweisen, wie wir uns früher nannten und sozusagen unsere Wurzeln liegen. Aber selbstverständlich dürfen wir uns nach wie vor nicht so nennen, als mussten wir den Namen etwas "verunstalten".

HoM: Ihr habt immer noch kein Recht euch so zu nennen ...

J. B.: Nein, immer noch nicht. Aber in gewisser Weise ..., wir benutzen den Markennamen einer Firma, um unser eigenes Geld zu machen ... Ich denke, so betrachten sie (Anm.: der Disney-Konzern) das ... Wir denken, sie haben auch recht (lacht).

HoM: Obwohl es wie ein typisches D-A-D Album klingt, finde ich trotzdem, dass ein paar andere Stile mit reinspielen. Auch sind ein paar neue Elemente, wie das Piano, das in einem Song auftaucht. Was würdest Du sagen, wo liegt der Unterschied zu den vorherigen Alben?

J. B.: Es sind auf jeden Fall mehr "Stoner beats", mehr 70er Jahre Rhythmen, einfach mehr Classic Rock (Anm.: Nicht zu verwechseln mit Klassik-Rock!) auf diesem Album, als je zuvor. Eigentlich die Musik, die wir ganz am Anfang gespielt haben. Also deutliche Einflüsse aus den 70ern.

HoM: Ja, ich musste manchmal an Glam-Rock denken ...

J. B.: Ja, definitiv und wir denken einfach, dass das gut zu uns passt. Wir sind jetzt so lange dabei, dass wir uns definitiv eine Classic Rock Band nennen können.

HoM: Für mich trat mit dem Album "Simpatico" eine Veränderung im Stil von D-A-D ein. Ich brauchte da auch ein paar Durchläufe, aber dann hab ich das Album geliebt und es gehört heute noch zu meinen Lieblingsalben von euch. Wie siehst du diesen "Bruch"?

J. B.: Nun, das war etwa in der Mitte unserer bisherigen Karriere und das war die Zeit, als Grunge aufkam und den Hair-Metal und den Glam wegfegte. Den "normalen Hard Rock", wenn man so sagen kann. All der 70er Jahre Kram, der Gitarren-Rock, verschwand aus dem Radio, es wurde alles ernsthafter und düsterer und wir mussten sehen, wir unseren Party Rock da unterbringen. Was auch Veränderung für uns bedeutete, aber da wir ein gutes Händchen für Melodien haben, entschieden wir uns einfach, mehr auf den melodiösen Faktor zu setzen. So entstand "Simpatico", aus diesem Gefühl für Melodien.

HoM: Zum Glück kam der "Gitarren-Rock" auch wieder und neben dem Gesang spielst du ja auch Rhythmusgitarre in euerer Band. Hast du eine Lieblingsgitarre?

J. B.: Ja, ich habe einige Lieblingsgitarren, das wechselt allerdings ...

HoM: Bist du ein Sammler?

J. B.: Ja, ich hab schon eine große Sammlung. Ich müsste wirklich ..., ich habe von jeder Gitarre halt immer zwei, wenn wir unterwegs sind, sodass ich, wenn eine Saite reißt, immer den passenden Ersatz habe. Hinterher behalte ich die bessere von beiden. Ich würde sagen, die Gretsch und die Flying V Gitarren sind meine Favoriten. Dann gibtís da noch eine große halbakustische Gretsch, die ich sehr mag. Außerdem die Signature Malcom Young Gitarre von Gretsch, deren Sound klasse ist. Und ein paar Flying V's eben, die ich momentan auf Tour nutze und die zur Zeit zu meinen Favoriten gehören.

HoM: Beim letzten Mal hab ich dich auch mit einer Gibson ES 335 gesehen, oder?

J. B.: Ja, das stimmt, da hatte ich auch zwei. Aber die waren irgendwie zu gut. Sehr gute Gitarren, aber für mich nicht genug "Rock".

HoM: In der Musik von D-A-D scheint immer viel Sinn für Humor vorhanden zu sein. Wie wichtig ist das für euch?

J. B.: Hm, das ist etwas, was wir in gewisser Weise einfach nicht vermeiden können. Das liegt einfach in unserer Natur, in unseren Seelen. Das hat jetzt auch nicht unbedingt mit Selbstironie oder Ironie überhaupt zu tun und es ist auch nichts, was uns hilft mehr Alben zu verkaufen, aber es war für uns schon immer ein Ansatz um unsere Musik zu machen. Vielleicht ist das eine sehr dänische Art, aber es auf jeden Fall unsere Art. Humor ist ein großer und wichtiger Teil des Lebens und spiegelt sich entsprechend in unserer Musik wider.

HoM: Leider ist aber nicht immer Humor und Spaß angesagt. Wenn du zurückschaust, was war eine schlechte oder negative Erfahrung in eurer Karriere? Zählt die Zeit von Grunge dazu?

J. B.: Nein, das würde ich nicht sagen, denn wir machten ja weiter und marschierten voran. Das war also eher ein gutes Gefühl. Ich denke, eines der negativsten Ereignisse in unserer Geschichte war, als wir einige große Konzerte in Dänemark spielten und der Veranstalter pleiteging. Das war zu dem Zeitpunkt eine sehr negative Erfahrung, zeigte uns aber auch, dass wir uns zu sehr um das um uns herum kümmerten, als darum D-A-D zu sein.

HoM: Wie ist das eigentlich in D-A-D? Du bist ja zusammen mit deinem Bruder in einer Band und man hört und liest ja immer so viel darüber, wie sich Brüder in Bands gegenseitig auf die Nerven gehen und Kämpfe austragen. Ich denke da jetzt zum Beispiel an die BLACK CROWES ...

J. B.: Ja, ich weiß, aber das Witzige ist, dass ich und Jacob uns so nahe sind, dass wir eigentlich kaum miteinander kommunizieren, außer über die Musik. Wir kämpfen also nicht, weil wir sonst wenig miteinander zu tun haben, aber über die Musik "reden" wir sehr viel und intensiv miteinander. Vielleicht ist das ein guter Weg.

HoM: Nachdem wir über negative Erfahrungen gesprochen haben, hast du eine Lieblingserinnerung?

J. B.: Hm, ich bin nicht sehr gut mit meinen Erinnerungen, aber zu unseren wichtigsten Erfahrungen gehören die Konzerte in Deutschland. Wirklich. Die Fans hier standen immer zu uns und es gibt eine Menge Fans die uns schon lange Jahre unterstützen und wir spielen richtig gerne hier. Das hört sich vielleicht seltsam an, denn wir sind zwar keine Megastars in Dänemark, aber wir spielen da teilweise große Rockfestivals und trotzdem freuen wir uns immer, die Clubs in Deutschland zu spielen. In gewisser Weise haben uns die Fans hier auch mit am Leben erhalten.

HoM: Ist es für euch ein großer Unterschied, ob ihr auf einer großen Festivalbühne spielt, oder in einem kleinen Club, wie heute Abend?

J. B.: Man könnte das vermuten und wir denken da auch viel darüber nach, aber wenn wir erst einmal auf der Bühne stehen, ist es völlig egal. Eigentlich ist sogar so, dass wir bei kleineren Konzerten eher die Freiheit haben, etwas auszuprobieren und das wissen wir durchaus sehr zu schätzen. So gesehen ist das ein schöner Gegenpart zu den Festivals.

HoM: Wenn du nicht bei D-A-D gelandet wärest, wer oder in welcher Band wärst du gerne gewesen?

J. B.: Oh, das ist eine gute Frage ... Manchmal wäre ich gerne Joey Ramone und manchmal aber auch Malcolm Young. Mal nicht der Lead Sänger der Band.

HoM: Hast du jemals daran gedacht, ein Soloalbum aufzunehmen?

J. B.: Nun, natürlich hab ich schon mal daran gedacht, aber irgendwie würde es sich nicht richtig anfühlen. Und irgendwie auch keinen Sinn machen, denn ich fühle mich in dieser Band so zu Hause und ich denke, ein Grund dafür, dass es D-A-D noch gibt, ist auch, dass sich jedes Bandmitglied in diese Band einbringen kann und sich eigentlich auch hier verwirklichen kann.

HoM: Wir kommen langsam zum Ende. Angesichts der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft, muss ich dich fragen, ob du dich für Fußball interessierst?

J. B.: Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nichts über Fußball.

HoM: Gar nichts? Und damals, 1992, als die dänische Mannschaft, praktisch aus dem Urlaub kommend, die Europameisterschaft gewonnen hat?

J. B.: Ja, das hab ich schon realisiert ...

Laust Sonne.: (ruft dazwischen und lacht) Ja, ein Jahr später!

HoM: Ok, da macht es keinen Sinn, dich zu fragen, wie weit die Dänen diesmal kommen werden. Also, abschließend: Welcher Song soll einmal gespielt werden, wenn du mal zu Grabe getragen wirst?

J. B.: Hm ... (überlegt lange) ... Wild Child von SAVAGE ROSE, das wäre gut (lacht).

HoM: Fein, dann vielen Dank fürs Gespräch und einen guten Auftritt heute Abend.

J. B.: Danke!

Kurz darauf begegne ich Jesper noch einmal vor dem Gebäude, als er sich ganz offensichtlich zu einem kleinen Spaziergang in die Stadt aufmacht. Ich überlege kurz, ob ich ihm anbieten soll, ihn ein Stück mitzunehmen, aber da wohl weder er noch ich sagen könnten, wohin, überlasse ich ihn seines Weges und freue mich aufs abendliche Konzert.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 17.02.2012