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Corvus Corax
"Wir sind ja gerne größenwahnsinnig", Interview

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Daher hatte ich im Vorfeld der Veröffentlichung der Neuvertonung der "Carmina Burana" durch CORVUS CORAX und angesichts der näher rückenden Termine der Liveumsetzung, Gelegenheit mit Norri aka Harmann der Drescher von CORVUS CORAX, in deren Tonstudio ein Interview zu führen.

Hooked on Music: Wie seid Ihr eigentlich auf die "Carmina Burana" gekommen? Wie hat sich die Idee zu diesem Projekt entwickelt?

Norri: Also gekommen sind wir auf die "Carmina Burana" irgendwie wahrscheinlich bald schon vor 20 Jahren. Wir machen ja als CORVUS CORAX schon seit 16 Jahren mittelalterliche Musik in der Tradition der mittelalterlichen fahrenden Spielleute. Das ist ein sehr großer Unterschied zu der üblichen und bekannten Mittelaltermusik, die ja eigentlich immer irgendwie Minnegesang oder Kirchengesang wie gregorianische Choräle oder so darstellt. Und damit wollten wir eigentlich nie etwas zu tun haben, weil wir sind eigentlich eher Fans von der Musik, die durch ganz Europa von den fahrenden Leuten zelebriert wurde, wo es eigentlich auch darum geht, Spaß zu verbreiten und die Leute zum Tanzen zu animieren et cetera.

HoM: Aus dem Volk für das Volk gewissermaßen...

Norri: Genau. Und halt auch einfach für junge Leute, die gerne Party machen. Man darf ja nicht vergessen, vielerorts wird der Anschein erweckt, dass in der mittelalterlichen Zeit zum einen die Leute strunzdumm waren und vor allem gar keinen Spaß hatten, oder das ist so eine akademische Variante, wo es dann mit Harfe und Minnegesang ja auch nicht gerade Partymusik ist und natürlich gab es zu allen Zeiten immer irgendwie junge Leute, die gerne feiern möchten und diese Musik spielen wir im Endeffekt. Und weil wir auch schon immer versucht haben, tatsächlich dann auch Musik aus dem Mittelalter in die heutige Zeit zu transportieren, muss man natürlich recherchieren... wo findet man überhaupt Quellen. Und wenn man da irgendwie in Bibliotheken und Archiven sich durchwühlt, kommt man an der "Carmina Burana" nicht vorbei, weil es einfach die größte Liedersammlung mit weltlicher Musik in ganz Europa ist. Es gibt keine größere Sammlung, das sind über 250 Lieder, die halt überwiegend nur als Text notiert sind, also Melodien gibt es fast keine dazu und wir haben als CORVUS CORAX schon immer damit gearbeitet. Es gibt auf fast jeder CD irgendeinen Titel, der im Endeffekt entweder einen Text aus der "Carmina Burana" enthält, oder sogar eine Melodie.

HoM: ... wie Totus Floreo...

Norri: ... zum Beispiel, oder In Taberna. Das sind halt Titel, die sowieso aus der "Carmina Burana" stammen und deswegen war das für uns mehr als naheliegend, uns dieser Sache anzunehmen.
Und wir wollten einfach auch zu unserem fünfzehnjährigen Jubiläum, was wir ja nun letztes Jahr hatten, da wollten wir uns selber noch mal ein Geschenk machen. Wir hatten einfach die Idee, ok, jetzt machen wir schon so lange Mittelaltermusik, jetzt lass uns doch ein bisschen diese Pfade verlassen und was wirklich Großartiges mit unserem Material machen und haben gedacht, ok, machen wir einfach mal ein Orchesterwerk. Das haben wir noch nie gemacht, das ist großartig, vor allen Dingen ein Brückenschlag von den alten, akustischen Instrumenten zu den modernen Instrumenten, wie z.B. Violine oder Trompete. Das sind ja, wenn man jetzt akustische Instrumente in der kulturhistorischen Entwicklung sieht, tatsächlich die modernen Instrumente heutzutage. Und das zusammenzuführen war einfach so eine Idee, wo wir selbst davon so begeistert waren, dass wir gesagt haben, ok, das machen wir jetzt einfach.

HoM: Das war sicherlich auch regelrecht eine detektivische Arbeit, die ganzen Handschriften in Archiven aufzuspüren und dann auch musikalisch umzusetzen?

Norri: Also in der Vergangenheit, was wir bis jetzt mit CORVUS CORAX gemacht haben, ist es wirklich Detektivarbeit, auf jeden Fall. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass man in irgendeine Bücherei geht und da steht dann ein Buch herum, aus dem Mittelalter übersetzt, man hat Melodien und spielt das... Die mittelalterliche Musik, wenn überhaupt Melodien dargestellt wurden, dann sind das sogenannte Neumen, das ist ein Vorläufer von unserem heutigen Notensystem. Aber Melodien meistens, die sind prinzipiell ohne Rhythmus niedergeschrieben, das heißt, was da für Beats dazu gespielt wurden, weiß schon mal überhaupt gar kein Mensch. Und die Melodien selber sind häufig einfach nur eine Angabe, ob ein Ton hoch geht oder runter geht, also nicht so in dem Sinne, das ist ein "a" und das ist ein "c", sondern man muss dann selber diese Töne spielen, diesen Bogen, und versuchen herauszufinden, welcher Ton könnte es denn gewesen sein, damit diese ganze Melodie überhaupt einen schönen Fluss hat.
Das ist die eigentliche schwere Arbeit, das sozusagen wiederzubeleben, was man da findet. Bei der "Carmina Burana" haben wir es ja komplett anders gemacht. Da haben wir uns nur Texte ausgesucht und haben die Musik komplett neu komponiert. Also da haben wir jetzt nicht versucht, mittelalterliche Weisen zu nehmen, sondern die Musik ist tatsächlich komplett neu geschrieben.

HoM: Und wie kamt Ihr auf die ganzen übrigen Mitwirkenden... ein geeignetes Orchester und einen Dirigenten für dieses Projekt zu gewinnen, war vielleicht auch nicht so ganz einfach?

Norri: Zuallererst ging es ja los, dass wir im Studio gearbeitet haben, also tatsächlich hier wo wir gerade sitzen ging der ganze Wahnsinn los. Und wir haben hier auch unsere ganzen CORVUS CORAX-Instrumente eingespielt, also Dudelsäcke und vielerlei Perkussion, und die ganzen Gesänge haben wir hier aufgenommen. Bei Thommy Hein im Studio, das ist hier in Berlin ein sehr großes, renommiertes Studio, haben wir dann die ganzen Orchesterinstrumente aufgenommen. Also wir wollten am Anfang auch mit zwei Orchestern arbeiten, aber haben dann gedacht, ok, am Anfang reicht erst einmal eins.
Wir hatten auch erst überlegt, ein komplettes Orchester heranzuholen, das das am Stück einspielt, da sind wir aber lieber wieder davon abgekommen, weil erstens, wenn sich jemand verspielt, kriegt man es nicht wieder raus, dann muss alles noch mal gespielt werden und wir waren auch noch im Endeffekt auch noch in so einem Entwicklungsprozess. Es konnte immer wieder sein, dass dann der Moment auftaucht, wo wir sagen, diese Oboenstimme, die lassen wir mal lieber doch weg und nehmen dafür lieber was anderes und deswegen haben wir das nacheinander im sogenannten Overdub-Verfahren aufgenommen.
Also, wir haben uns ein Streicherquintett an Land gezogen und die mussten die ganze Partitur, die wir denen hingelegt haben, alle Stimmen nacheinander durchspielen. Dazu ein paar Blasinstrumentalisten. Als wir dann alles fertig hatten, haben wir überhaupt erst daran gedacht, das auf die Bühne zu bringen. Am Anfang ging es wirklich nur darum, dieses Studiowerk erst einmal fertig zu kriegen.
Ja, und dann dachten wir uns, ok, jetzt müssen wir uns erst einmal einen vernünftigen Dirigenten suchen, ehe wir uns ein Orchester suchen. Weil das ist der wichtigste Mensch bei der ganzen Variante, wenn man das auf die Bühne bringt, weil er muss das Ganze im Griff haben. Und da haben wir zum Glück relativ schnell einen Herrn getroffen, er nennt sich Jörg Iwer, das ist nun auch ein Dirigent, der schon immer Interesse daran hatte, nicht immer nur auf dieser herkömmlichen Klassik herumzureiten, das langweilte ihn ein bisschen. Er hat immer nach etwas Neuem gesucht und hat sogar selber schon einmal Texte aus der "Carmina Burana" vertont gehabt, da hatten wir auch gleich einen Verbindungspunkt. Er ist auch viel im Ausland unterwegs, spielt viel in Asien als Dirigent, hat natürlich auch schon die "Carmina Burana" von Carl Orff dirigiert und ist verrückt, so wie wir verrückt sind, im positiven Sinne. Also er passt sehr gut zu uns.
Der Jörg Iwer hat in Zusammenarbeit mit uns auch noch einmal die ganze Partitur überarbeitet. Denn er arbeitet tagein, tagaus mit einem Orchester und konnte auch gleich sagen: "Ok Leute, das ist alles total großartig, aber im Livebetrieb funktioniert das hier mit den Celli nicht. Die Stimme ist sehr schön, die nehmen wir doch lieber und lassen das von den Blechbläsern spielen, weil da setzt sich diese Stimme auch durch, und dann lassen wir den Cellisten lieber ein anderes Thema spielen." Da hat er uns noch mal sehr geholfen, dass das für ein Orchester, wie es insgesamt klingt, einfach auch noch einmal richtig feinjustiert wird, sozusagen.
Der Jörg Iwer hat uns dann im Endeffekt auch den Kontakt zu dem Cottbuser Staatstheater verschafft. Er hatte dort selber auch schon mit dem Orchester gearbeitet, also er kannte die Leute schon. Wir haben uns da ein bisschen umgehört, und das Cottbuser Staatstheaterorchester hat wirklich deutschlandweit einen sehr guten Ruf, weil sie auch, mit ihren eigenen Worten, gerne "Crossover-Geschichten" machen. Die haben auch einen sehr offenen Intendanten, der Herr Schüler, der sagt, 'ich möchte dass unser Haus, das Staatstheater, sich öffnet für modernere Musikströmungen'. Er möchte auch nicht, dass jeden Tag Beethoven, Mozart und Vivaldi gespielt wird, er will einfach, dass die moderne Klassik Einzug hält in das Haus und da hatten wir vollste Unterstützung, da wurde nicht gegen uns gearbeitet, es gab auch keine Animositäten, sondern das Orchester war total begeistert, weil wir haben auch ein Stück geschrieben, wo das Orchester integraler Bestandteil ist.
Viele Bands kommen ja an und haben ihre fertigen Songs im Gepäck, lassen dann irgendeinen Arrangeur irgendwie so ein bisschen Orchester dazuschreiben - das ist dann aber immer nur so Schmuckwerk. Dann haben natürlich die Orchestermusiker irgendwie... also Spaß macht das denen dann auch nicht, weil die merken natürlich, sie könnten auch einfach weggelassen werden, es funktioniert trotzdem und sie sind kein wichtiger Punkt. Und wir haben, als wir angefangen haben, gleich gesagt, ok, das ist ein Werk für mittelalterliches Ensemble, großen Chor und Sinfonieorchester und das soll eine Symbiose darstellen.

HoM: Das ist auch der große Unterschied zu diesem ganzen "Klassik-Rock-Gedöns", was es da gibt. Dass bei Euch jedes Mitglied seine Berechtigung hat und alle Mosaiksteinchen sich dann am Ende zusammensetzen.

Norri: Wir werden auch häufig gefragt, ob wir irgendwie dann in Zukunft die Titel unserer "Carmina Burana" auch pur als CORVUS CORAX spielen wollen. Das wird nicht passieren. Weil es gibt jetzt diese drei Säulen für dieses Werk und so ist es konzipiert. Wenn wir eine Säule wegnehmen, zum Beispiel lass den Chor weg und es funktioniert nicht, weil alles miteinander arbeitet und die einen Stimmen bauen auf den anderen auf und da stützen sie sich gegenseitig. Das macht auch Riesenspaß, also die Aufführung in Cottbus, die ersten Proben und dann die Aufführung, da waren wir 170 Musiker, die, das muss man sich noch mal vor Augen führen, alle akustische Instrumente spielen. Also Gesang zähle ich jetzt auch als akustisches Instrument. Da entsteht ein unglaubliches Klanggebilde. Schwer im Zaum zu halten, aber wenn es läuft, ist es echt großartig.

HoM: In Cottbus war ja eine sinfonische Aufführung. Wie wird denn die optische Umsetzung bei den großen Open Airs, es gibt ja Wacken, Museumsinsel, Schwerin und Goslar...

Norri: Goslar hat nun leider nicht funktioniert, der Veranstalter hat leider keine finanzielle Unterstützung bekommen und preiswert ist die ganze Sache natürlich nicht, weil 160 Leute müssen irgendwo untergebracht werden, müssen bezahlt werden, Hunger haben sie auch alle, Durst erst recht, weil da sind die klassischen Musiker nicht anders als wir (lacht). Da wird auch nach dem Konzert das Bierchen getrunken oder eine Flasche Wein.
Also dieses Jahr ist das erste Wacken, was ja eigentlich total verrückt ist. Wir spielen auf dem größten Metal-Festival ohne Gitarre, die Leute können unsere Songs noch gar nicht kennen, weil die sind noch gar nicht veröffentlicht... aber trotzdem grandios, bin ich mir sicher. Weil, laut sind wir allemal und Druck hat das auch. Es ist halt sehr bombastisch und ich denke daher, dass auch die Heavy-Metal-Fans leicht Zugang dazu finden.
Genau, die Inszenierung. Cottbus war ja nun eine rein musikalische Generalprobe, wir wollten erst einmal sehen, wie funktioniert das alles zusammen. Das einzige, was wir da schon gemacht hatten, war die Kostümierung, die wir uns so vorstellen. Also der Chor war schon eingekleidet, wir von CORVUS CORAX hatten uns auch schon Kostüme geschneidert, bzw. halt eine Freundin von uns hat nach unseren Vorstellungen die Kostüme genäht. Das soll auf jeden Fall in Berlin, wo wir wirklich alles so machen können wie wir wollen, Wacken müssen wir leider ein bisschen abspecken, auch aus statischen Gründen, wir dürfen gar nicht mehr als 80 Leute auf der Bühne haben, in Berlin sind wir selber Veranstalter, ein Riesenvorteil, weil keiner kann sagen: "Das geht nicht, zu teuer oder so", da wird alles aufgebaut so wie wir es wollen und wir wollen schon, im Fachgebrauch nennt sich das "semiszenisch", was wir da vorhaben. Also wir machen keine Oper mit einer Handlung, wir machen auch kein Theater oder Ballett, aber wir wollen, dass die Zuschauer nicht einfach nur akustisch was geboten bekommen, sondern es soll natürlich optisch, so wie CORVUS CORAX auch sind, auch eine Menge erlebt werden.
Wir werden gucken, dass viel Bewegung auf der Bühne ist, dass der Chor sich zum Beispiel auch einmal über die Podeste bewegt, also der soll nicht statisch irgendwo rumhängen, sondern er soll auch Bewegung haben, dass die Leute sehen, da passiert auch etwas.
Wir werden natürlich auch so viel wie möglich Energie in die Show setzen und wollen auch das eine oder andere Schmankerl mit anbieten. Da wird sicherlich auch einmal ein Tänzer mit auf der Bühne auftauchen, vielleicht machen wir auch ein bisschen was mit Feuer, da sind wir gerade noch dabei, sozusagen das Drehbuch für die ganze Veranstaltung zu schreiben. Aber es soll auf jeden Fall auch optisch ein großartiges Erlebnis werden.

HoM: Die Zusammenarbeit mit dem Orchester war für Euch auch etwas Neues... Ihr als CORVUS CORAX, schätz ich, arbeitet sicherlich etwas spontaner und flexibler als so ein großer Klangkörper. Hat sich für die Zukunft etwas für Euch verändert, also nehmt Ihr davon etwas mit oder habt Ihr andererseits das Gefühl, dass die Orchesterleute vielleicht sogar etwas von Euch mitnehmen?

Norri: Für uns selber nehmen wir die Erfahrung mit, dass es total viel Spaß macht und wir werden auf jeden Fall in der Zukunft jetzt öfter auch Orchesterwerke schreiben. Also es ist sozusagen unser drittes großes Projekt, wir haben CORVUS CORAX, wir haben TANZWUT und jetzt gibt es halt das dritte Standbein (???, Anm. d. Red.): Orchesterwerke von CORVUS CORAX komponiert.
Da wollen wir auf jeden Fall noch ein paar Sachen nachlegen. Das ist das, was wir dabei herausgezogen haben, dass wir einfach eine neue Möglichkeit gefunden haben, Musik zu schreiben. Die Orchestermusiker haben sicherlich auch eine Menge dabei gelernt. Dabei geht es aber weniger um Spontaneität...
Also bei dem Trommelsolo im Curritur (Curritur ad vocem, Anm. d. Red.) ist es natürlich live so, dass ich als der Verantwortliche für die ganze Trommelei vorgesehen habe, dass auch die Orchestertrommler mitmachen. Die waren am Anfang echt baff, denn sie hatten ja keine Noten. Und das geht eigentlich nicht. Ein Orchestermusiker ohne Noten ist komplett hilflos. Da hieß es am Anfang "Ja, was soll ich jetzt da machen?" Da sagte ich "Hey, lasst Euch doch einfach mal gehen." Das hatte dann zur Folge, dass bei der zweiten Probe das ganze Trommelsolo komplett aus dem Ruder gelaufen ist, weil es war dann nicht mehr der Dirigent da, die haben einfach losgelegt. Die kennen das einfach nicht, frei zu spielen, und dann lief das Timing plötzlich komplett auseinander, die haben sich dann selber erschrocken. Das war dann auch wieder eine Erfahrung: Hoppla, jetzt habe ich mich selber dabei erwischt, wie ich total durchdrehe und komplett die Kontrolle über mich verliere.
Bei der nächsten Probe war das dann schon ok. Da hatten sie dann schon gelernt, ok, ich kann ja frei spielen, aber ich muss gucken, was die CORVUS CORAX Trommler da machen. Wenn ich spiele, ist das im Endeffekt ja auch wie ein Dirigent. Also das hab ich mir auch bei CORVUS CORAX angewöhnt, ich bin das Metrum, alle anderen richten sich danach. Ich bin sozusagen der zweite Dirigent auf dieser ganzen "Carmina Burana"-Variante, also dass sich die Leute nach mir richten. Und das hat dann auch funktioniert und es ist tatsächlich auch freies Spielen dann, das geht. Da haben die Orchestermusiker auch wieder etwas von uns gelernt.

HoM: Die "Carmina Burana" wird ja auch weiterhin nebenher laufen, über das Jahr hinaus, wenn man schon solch einen Aufwand betreibt. Was habt Ihr vor, da noch zu veröffentlichen? Die CD kommt als erstes?

Norri: Erst einmal gibt es am 8. August die ganz normale Studio-CD als Veröffentlichung. Was ganz wichtig ist, wir bringen eine Limited Edition dazu raus, auch am 8. August, und da wird zu der CD noch eine DVD mit beigelegt. Da gibt es einen Livetitel von Cottbus, eine mitgeschnittene Videoaufnahme, ein bisschen Interview- und Hintergrundmaterial über uns und ein paar Sequenzen halt mit dem Dirigenten, dem ersten Geiger und dem Intendanten.
Und als klitzekleines Schmankerl gibt es komplett alle zwölf Titel im 5.1 Dolby Surround auch noch mit drauf. Das ist für uns auch wirklich wichtig. Wir wissen, dass sich diese Surround-Variante noch nicht so extrem etabliert hat, aber für die Leute die eine Anlage haben wird das wirklich ein Highlight sein. Ich habe jetzt selber schon viel danach gesucht, nach Referenzen. Es gibt halt überwiegend Filmmusik, es gibt inzwischen etliche Live-DVDs wo auch mit Surround gearbeitet wird, bloß da ist es halt so, du hast die Band vor dir und du bist im Publikum. Ist auch nicht so spannend und es gibt bis jetzt noch nicht allzu viele Veröffentlichungen, wo wirklich von vorneherein die Musik in Dolby-Surround echt gemischt wird, dass man halt in der Musik drin steht.
Ich habe auch schon Leute erlebt, denen ich das vorgespielt habe, die das als Grund genommen haben sich eine Surround-Anlage zu kaufen. Eigentlich sollten wir einen Endorsement-Deal mit irgend so einer Firma machen, die so etwas herstellt (lacht).
Ansonsten werden wir die beiden Konzerte in Berlin am 19. und 20. August auf der Museumsinsel komplett mitschneiden, mit sehr vielen Kameras und hohem technischen Aufwand für das Audiorecording und wir werden davon eine Live-DVD produzieren, die dann Anfang nächsten Jahres rauskommt. Da mögen vielleicht Leute denken "was soll das denn, jetzt gerade erste veröffentlicht und dann schon eine Live-DVD", aber es ist schon ein riesengroßer Unterschied, wenn man die Studiosachen anhört und das was live passiert. Du hast es in Cottbus gesehen, man kann es auch nicht miteinander vergleichen, weil da entsteht eine ganz andere Dynamik, das ist echt etwas anderes, deshalb haben wir gedacht, ok, das wird auch gleich festgehalten.
Ja, es sind noch zwei Konzerte geplant, Anfang November, das ist aber leider noch nicht spruchreif. Das wird, wenn es klappt, wahrscheinlich München und Düsseldorf sein. Aber das kann man halt tatsächlich noch nicht publik machen, da müssen erstmal noch Sachen festgezurrt werden. Richtig losgehen wird es mit der ganzen Livegeschichte mit der "Carmina Burana" nächstes und übernächstes Jahr. Man braucht sehr viel Vorbereitungszeit, das Orchester kann man auch nicht einen Monat vorher anrufen, weil die meisten Orchester sind locker anderthalb Jahre im Voraus verplant und da müssen wir halt schauen, das ist eine sehr langfristige Sache.
Und wir wollen unbedingt ins Ausland. Wir sind durch die Kontakte von Jörg Iwer, der halt auch sehr viel im Ausland agiert, im Gespräch mit China. Wobei China natürlich auch noch einmal, wenn das klappen sollte, ein richtiger Knüller wird, weil da gibt es dann schon die Möglichkeit die "Carmina Burana" mit einem traditionellen chinesischen Orchester aufzuführen. Das heißt, ein chinesisches Orchester, bei dem die Musiker traditionelle chinesische Instrumente spielen. Das mit CORVUS CORAX und einem Chor aus China, der lateinische Texte singt, das muss ein Oberknüller sein. Wenn das klappt, leg' ich ein Ei (lacht).
Das gute mit dem Ausland ist ja auch, da haben wir wieder den Vorteil mit der Arbeitsweise, mit dem Orchester. Die sind gewohnt, dass sie eine Partitur vorgelegt bekommen, proben das und fertig. Wir brauchen da gar nicht mit dem ganzen Apparat loszufahren. Wir fahren als CORVUS CORAX da hin, können irgendwo spielen, die kriegen einen Monat vorher die Partitur rübergeschickt, kann man heutzutage sogar per E-Mail schon machen, also sehr kurzer Weg. Dann können die das dort proben, wir fahren, dann wird noch zwei, drei Tage zusammen das Ganze geprobt und fertig ist. Das ist das Gute an Orchestermusikern, die spielen einfach das, was auf dem Blatt steht. Man braucht nicht ewig zu üben.

HoM: ...da gibt es im Ausland natürlich tolle Locations, wo man sich das vorstellen könnte. Italien, in irgendeinem Amphitheater...

Norri: Ja, ins Kolosseum (lacht).

HoM: Ich denke, im Ausland ist auch die Herangehensweise an klassische Musik ein bisschen anders als in Deutschland. In Deutschland gibt es doch noch so das traditionelle Klassikpublikum, das etwas abgehobener ist...

Norri: Es gibt in Deutschland irgendwie..., das wurmt uns natürlich alle, das hat mich in meiner Kindheit schon total geärgert, dass es die totale Abgrenzung zwischen "ernster" und "Unterhaltungs"-Musik gibt. Diese Unterscheidung ist eine totale Frechheit und eine Beleidigung für jeden Musiker, muss ich ehrlich mal sagen. Weil: So geht es ja nun nicht, man kann ja nicht sagen, nur weil man ein bestimmtes Instrumentarium benutzt, dass das dann gute Musik ist und wenn man ein anderes Instrumentarium benutzt ist das eigentlich so die "B-Variante". Das ist natürlich kompletter Irrsinn.
Warum das in Deutschland so ist... will ich mich jetzt gar nicht darüber auslassen. Ich weiß aber, dass es im Ausland ganz anders gehandhabt wird. Ein Amerikaner guckt uns einfach nur komisch an, wenn man ihm erzählt, dass es hier so was wie "ernste" und "Unterhaltungs"-Musik gibt. Da ist es auch so, dass viele klassischen Musiker zum Beispiel nebenher Jazz machen und so, die haben tatsächlich alle auch einen Draht zu moderner Musik und mit denen kann man dann natürlich auch noch viel einfacher arbeiten. Klassikmusiker, die tatsächlich nur Klassik machen, die wirklich nur in dieser Schule sind und vom Blatt abspielen, die sind natürlich erstens nicht kreativ und zweitens können sie nicht frei spielen. Das ist natürlich total schade, weil das sind Musiker, die über lange Jahre eine Ausbildung erhalten haben und die einfach sagenhafte Virtuosen an ihrem Instrument sind und die lernen nicht, frei zu spielen.
Jammerschade, muss ich echt sagen, weil da sehr viel Potential vergeudet wird. Auch gerade irgendwie bei den klassischen Musikern, die werden im Endeffekt durch die Schule, durch die sie da gehen müssen, eigentlich kurz gehalten. Das ist so, als ob die das nicht können sollen. Damit halt lieber Komponisten da sind, die immer schön einen auf dicke Tasche machen und sagen "Ich bin der Großartige und ihr seid die ausführenden Instrumentalisten." Als Klassikmusiker würde ich mich da mächtig drüber ärgern und würde sagen "Moment mal. Revolution. Gleichberechtigung."
Aber ich denke mal, vielleicht sorgen wir mit CORVUS CORAX einfach dafür, dass auch im Klassikgewerbe ein bisschen die Strukturen durcheinandergebracht werden. Da hätten wir schon wieder etwas erreicht.

HoM: Auch wenn das jetzt ein bisschen blöd ist, nachdem die "Carmina Burana" gerade voll am Laufen ist, aber gibt es schon Hirngespinste zwecks Folgeprojekte?

Norri: Also wahrscheinlich... die "Carmina Burana" hat über 250 verschiedene Texte. Wir haben mit CORVUS CORAX locker ein Dutzend genutzt, wir haben uns für die "Carmina Burana" noch mal zwölfe rausgesucht. Wenn man jetzt die, ich glaube 23 eher christlichen Texte rausnimmt die uns gar nicht interessieren, hat man irgendwie immer noch 200 Texte, die da liegen und warten. Also vermute ich mal, wir werden einfach eine "Carmina Burana" 2 und 3 machen.

HoM: Die "Carmina" wird sich weiterentwickeln?

Norri: Sie wird sich weiterentwickeln, genau.
Ansonsten können wir uns aber auch sehr gut vorstellen, es gibt ja nicht nur die "Carmina Burana", es gibt ja auch schon noch etliche andere Handschriften.
Sehr interessant ist auch der Balkan, wo wir auch ein sehr großes Faible für haben, weil da irgendwie die mittelalterliche Musik im Endeffekt tatsächlich immer noch ohne Unterbrechung traditionell überliefert ist. Also so Musik wie in Bulgarien zum Beispiel, wir haben uns vorher gerade noch mit einem Kollegen unterhalten, der kommt eigentlich aus Bulgarien, der meinte, er hat das einmal zurückverfolgt, die ganzen traditionellen Sachen, die da gespielt werden, die kann man teilweise bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgen. Da ist Mittelalter lebendig. Da haben wir uns ja auch viel herausgeholt, um herauszufinden, wie könnte die Musik in Deutschland früher zu der Zeit gewesen sein. Dabei natürlich verglichen, was in den Nachbarländern noch gespielt wird. Da vielleicht mal eine Liedersammlung zu nehmen, ist auch eine Möglichkeit.
Also, wir werden sehen. Und vielleicht doch in Zukunft dann doch mit zwei sinfonischen Orchestern. Weil, wir sind ja gerne größenwahnsinnig (lacht).

HoM: CORVUS CORAX pur läuft auch weiterhin. Und TANZWUT?

Norri: Unbedingt, auf jeden Fall. Das ist auch für uns so eine Art Eigenbluttherapie. Wir machen das eine Projekt eine Weile und wenn wir dann so leichte Ermüdungserscheinungen haben - zack, ist schon wieder das nächste Projekt am Start und so halten wir uns die ganze Zeit jung, eigentlich. Weil, es ist nie so, dass es irgendwann so ist, dass wir denken, jetzt müssen wir unbedingt was Neues machen, und dann verkrampft man so, es läuft und läuft bei uns und wir haben jetzt diese Orchestervariante als neues Kind dazugefunden. Es kann auch sein, dass sich das noch weiter ausbreitet, wir haben so viele Ideen, so alt werden wir sowieso nicht, dass wir die alle verwirklichen können.

HoM: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei den Konzerten, das wird sicher eine großartige Sache.

Vielen Dank an dieser Stelle auch an Stephanie von Pica Music, die das Interview ermöglicht hat.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 14.06.2005