Link Homepage:
Offizielle Botanica Homepage
Link Kaufen:
www.amazon.de
Link Kaufen & Plattenfirma:
Rent A Dog
Link Promotioncompany:
Rattay Music
Link Club:
Maschinenhaus (in der Kulturbrauerei), Berlin
Fotos: Peter Tenzler
Botanica
"Manchmal ist faul sein eben am besten", Interview

Paul Wallfisch Nach dem Konzert im Berliner Maschinenhaus in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg hatte ich Gelegenheit, mit dem Kopf und Herz von BOTANICA, Paul Wallfisch ein kurzes Interview zu führen. Da er so etwas wie ein Wahlberliner ist, konnte das Gespräch sogar in deutsch geführt werden, wofür der Interviewer angesichts der fortgeschritten Stunde ganz froh war.

Hooked on Music: Das war ja heute eine Art Heimspiel für Euch..
Paul Wallfisch: Ja, eine Art "Homecoming Concert".
HoM: Was bedeutet Dir Berlin?
P.W.: Berlin ist im Moment wirklich eine kreative Hauptstadt. Und zwar nicht nur für Deutschland, nicht einmal für Europa, sondern für die ganze Welt. Auf jeden Fall, wir sind vor zwei Jahren zufälligerweise hierher gekommen und es war so eine Überraschung, dass es so eine offene und idealistische Art hier gibt. Natürlich besonders geeignet für kreative Leute, wo man viel Platz hat und wo es billig ist, das ökonomische ist wirklich ein wichtiges Argument. Daher kommen von überall Leute, aus der ganzen Welt, um hier zu wohnen.
Die Stadt ist eigentlich gebaut für viel mehr Leute als hier wohnen. Man kann Platz und Zeit finden um tolle, kreative Sachen zu machen. Es ist wirklich ein große, nicht provinzielle, eine echte Hauptstadt. Und es gibt irgendwie diese Naivität und diesen Idealismus, politischen Idealismus.
Natürlich gibt es hier auch so Dinge wie Korruption oder ähnliches, das gibt es woanders auch, aber es ist alles ein bisschen idealistischer als anderswo. Auf jeden Fall ist es schön hier, gerade im Sommer. Es regnet zwar viel, aber um sechs Uhr abends kommt die Sonne raus und es ist dann besonders schön an den Kanälen (Landwehrkanal oder Spree-Seitenarme, Anm. d. Red.) es ist einfach fantastisch.
HoM: Eure neue Platte "Berlin Hi-Fi" hat ja auch einen Bezug zu Berlin.
P.W.: Ja, ich habe eine so gute Zeit hier verbracht. Ich bin gerade wieder zurückgekommen, zusammen mit einem anderen New Yorker, von der Band BEE & FLOWER, der ist gerade umgezogen, hierher. Und John, unser Gitarrist, er hat eine Freundin aus Greifswald, ist auch hierher gekommen und wir haben fast alle Lieder für die neue Platte in Berlin geschrieben. Also wir hatten Moses (Schneider, den Produzenten, Anm. d. Red.) kennengelernt, denn unser Bassist Christian ist Deutscher. Wir wollten mit Moses Schneider arbeiten und wir dachten wir müssten die Lieder, die in Berlin geschrieben worden sind, ganz organische Lieder, auch in Berlin aufnehmen. Das ist alles sehr schnell passiert.
HoM: Im MAMASWEED-Studio.
P.W.: Ja, im MAMASWEED-Studio. Drei Tage bei MAMASWEED und dann ein paar Tage bei Transporterraum mit Moses gemixt. Und der Mix von Eleganza & Wines, dem ersten Lied auf der Platte, ist der aller erste, ursprüngliche Mix, den wir nicht mehr verändert haben. Manchmal ist faul sein eben am Besten. So ist also der Mix auf der Platte.
HoM: In Berlin Hi-Fi gibt es Teile mit dem Megaphon, das sind Textzeilen, die Du von Graffitis übernommen hast?
P.W.: Ja, ich finde es ist ein bisschen so, dass Berlin das Megaphon von Europa ist. Daher habe ich diesen Ton zum Singen verwandt und ja, die meisten Wörter sind Graffiti und Werbung von den Wänden, "Berlin Hi-Fi, Werbung macht uns frei, wir sind alle dabei", Aufgeschnappt so beim spazieren gehen, das ist die beste Gelegenheit, eine Stadt kennenzulernen, einfach spazieren gehen.
Heute haben wir diesen Song auch für einen örtlichen Fernsehsender gemacht. Wir haben zwar live gespielt, aber dazu das Video aus Amerika gekriegt, von einer französischen Firma die Videos machen, das aber nicht rechtzeitig zu Tourbeginn fertig wurde. Die haben es also heute per Express geschickt, so dass wir es selbst das erste Mal sahen, als es auch gesendet wurde. Die Weltpremiere dieses Videos war also auch für uns das erste Mal, dass wir es sahen. Es wurde gedreht in den Strassen von Berlin, aber auch New York.
HoM: Ein Brückenschlag zwischen Kreuzberg und Brooklyn.
P.W.: Eigentlich auch das Gefühl, als ich das erste Mal nach New York kam. Ich bin aufgewachsen in Massachusetts, das erste Mal New York vor zwanzig Jahren. East Village, das war ein bisschen wie jetzt Berlin-Kreuzberg, oder vielleicht jetzt Friedrichshain, Kreuzberg ist schon ein bisschen so. vorbei. Es gibt viele Deutsche in New York, und viele Amerikaner in Berlin. Nicht nur Deutsche in New York, sondern insbesondere auch Berliner. Kennst Du Jim Avignon? Ein Künstler und Musiker aus Berlin, der macht jetzt "Berlin in New York Nächte".
HoM: Dann müssen wir natürlich noch zum Cover kommen. Da ist ja Hedy Lamarr drauf abgebildet. Kannst Du die Geschichte mit Hedy Lamarr noch einmal erzählen?
P.W.: Natürlich. Hedy Lamarr ist ein ganz berühmter österreichischer Filmstar. Und ich habe vor zwei Jahren in einer amerikanischen Zeitschrift, Harper's Magazine, einen offenen Brief von einem pakistanischen Schriftsteller gesehen, einen offenen Brief an Uncle Sam. Es war ein lustiger, auch etwas satirischer Brief und die letzte Zeile war "And I close with a freestyle kiss to Hedy Lamarr". Und ich dachte, das klingt so schön, aber warum Hedy Lamarr, warum nicht Rita Hayworth oder so jemand. Daher habe ich nachgeschaut und entdeckt, sie war eine besondere Frau, sie hatte die erste Nacktszene in einem Film, einem tschechisch-deutschen Film in den dreißiger Jahren, ein internationaler Skandal. Dann war sie verheiratet mit einem Deutschen, der für Hitler Waffen produzierte. Sie floh nach Amerika und wurde ein großer Filmstar. Aber sie wollte immer etwas machen und hat eine wissenschaftliche Ader gehabt und hat eine Erfindung gemacht für die Steuerung von Torpedos, damit diese nicht von der gegnerischen Seite gestört und abgeschossen werden können. Und diese Technologie ist letztlich die Basis für alle Mobiltelefone. Sie hat das Patent gemacht, das ist dann die Geschichte von Hedy und George, die in unserem Lied vorkommt.
George Antheil ist ein klassischer Avantgarde-Musiker, der für mechanische Klaviere komponierte, Filmmusiken komponierte und viele verrückte Sachen gemacht hat. Und irgendwie hatte er die Idee, die geheimen Frequenzen mittels dieser Rollen der mechanischen Instrumente zu machen. (hier versagen die Vorstellungskraft sowohl des Physikers, Kommunikationstechnikers, Musikers und erst recht des Redakteurs, Anm. d. Red.). Auf jeden Fall haben sie das Patent bekommen und dann wurde es von der amerikanischen Navy benutzt. Sein Sohn hat jetzt ein Handygeschäft in L.A. Ich bin jetzt in Verbindung mit den Nachkommen und sie lieben das Lied.
Es gibt jetzt auch einen Film über Hedy Lamarr, einen super Film, vor einer Woche war die Premiere in Österreich. Sie haben uns gefragt, dort zu spielen, aber es war für uns leider nicht möglich. Aber wir werden hoffentlich in Köln zur Deutschland-Premiere dort sein können. Es war leider auch zu spät, unseren Song auf den Soundtrack zu übernehmen.
Drei Jahre bevor Hedy Lamarr gestorben ist, wurde sie endlich von der Wissenschaft beachtet. Es gibt so viele schöne Seiten dieser Geschichte, romantische, politische, so dass ich versucht habe, so viel wie möglich in dieses Lied hineinzutun, es ist jedenfalls ein ideales Thema für ein Lied, für einen BOTANICA Song. Wir haben es also gemacht und wir hatten das Foto von Hedy Lamarr im Studio gehabt, als wir das aufgenommen haben.
HoM: Apropos Soundtrack. war das nicht öfter ein Thema? Du hast zuletzt auch bei "Dummy" mitgemacht.
P.W.: Oh ja, ich habe da den Soundtrack dazu gemacht, vor drei Jahren. Das war ein sehr gutes Erlebnis. Diese Lieder, der Klezmer (eine Art jüdischer Soulmusik, Anm. d. Red.), Milla Jovovich, Adrien Brody, Illeana Douglas. Wir hatten geplant, eine Art Musical zu machen, aber das wurde nie produziert. Dann habe ich angefangen mit Amos Kollek, dem Sohn von Teddy Kollek, etwas zu machen. Es ist wirklich schwer, einen Film zu machen, noch schwerer als ein Album, weil auch ein kleiner Film so viel Geld kostet. Aber wir planen schon, zukünftig ab und zu für kleinere Filme etwas zu machen, auch wenn jetzt nichts konkret oder beständig in Aussicht ist.

HoM: Hast Du noch Kontakt zu FIREWATER?
Paul Wallfisch P.W.: Ja, aber FIREWATER existiert nicht mehr. Letzte Woche habe ich die meisten von Ihnen getroffen. Tod (Tod Ashley, der Kopf von FIREWATER, Anm. d. Red.) fährt jetzt in den Mittleren Osten, nach Afghanistan, Iran, Irak, schreibt viele Lieder, wird vielleicht einmal wieder kommen, eventuell ein Tod A. Soloalbum machen oder so.
Wir haben noch Kontakt, ich und der Rest von FIREWATER, wie es ohnehin natürlich noch Kontakt zu der ganzen New Yorker Szene gibt, wie BIG LAZY, FIREWATER, BOTANICA, BEE & FLOWER, THE DRESDEN DOLLS und so weiter. Vor vier Jahren haben die DRESDEN DOLLS noch als Support von BOTANICA gespielt und ich habe gewusst, dass die groß rauskommen werden, weil sie so großartig sind.

HoM: Was liest Du ,wenn du jetzt hier unterwegs bist?
P.W.: Ich lese schon Zeitungen, aber nicht mehr so viel, weil es mich ärgert. Vor allem die amerikanischen Zeitungen betreiben so eine Art Selbstzensur durch den Verlag, den Herausgeber oder das dahinterstehende Kapital und die dahinterstehenden Interessen.
Sehr gerne lese ich gerade Nick Tosches, ein ganz toller Schriftsteller. Ich lese gerade eine Biographie von Jerry Lee Lewis, "Hellfire", und ich habe davor zwei Bücher gelesen, "King Of The Jews" und "In The Hand Of Dante". Ich finde, Nick Tosches muss man unbedingt kennenlernen, das ist ein schon etwas älterer Schriftsteller und Musikjournalist, ein New Yorker und ein echtes Genie. Er dient mir als Inspiration, indem ich versuche ganz persönliche, oft auch romantische Elemente mit einer universellen, politischen Aussage zu kombinieren. So wie das eben Schriftsteller wie Tosches oder auch Paul Auster tun.

HoM: Was hörst Du momentan für Musik?
P.W.: Oh, ich höre im wesentlichen die Platten, die ich auch schon vor fünf Jahren gehört habe, ich bin nicht ständig und überall auf der Suche nach Neuem. Ich bewundere BEE & FLOWER, die sind fantastisch, dann die DRESDEN DOLLS, die KINGS OF LEON, der Sänger hat eine unglaubliche Stimme. Dann ARCHITECTURE IN HELSINKI, aber ich höre auch noch Nick Cave, Tom Waits, Aretha Franklin, Willie Dixon, Bob Dylan, Lou Reed, alle diese Sachen, die ich eigentlich schon immer gehört habe.

HoM: Hast Du ein abschließendes Statement für unsere Leser?
P.W.: Ihr sollt alle ins Konzert kommen, mit schönen Möbelstücken für uns für den "BOTANICA Großmutter-Wohnzimmer-Wettbewerb". Gestern in Greifswald haben wir sehr schöne Sachen bekommen, Porzellan, eine Schachtel mit Keksen, eine Vase und wir haben diese Lampe gekriegt. Unsere Website findet man unter www.botanicaisaband.com. Bitte sorgt dafür, dass unser Wohnzimmer vergrößert und verschönert wird.

Vielen Dank an dieser Stelle auch an Tourmanager Tim und Mike von Encore Booking, die das Interview ermöglicht haben.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 23.05.2006