Eingehakt
"Auf der Suche nach dem ultimativen Schwachsinn!", Editorial

Im tag-täglichen Betrieb von Webzines wie dem hooked-on-music gibt es Unannehmlichkeiten, die nur mit einer gewissen Überwindung angegangen werden können. Explizit seien hier einmal die "News" erwähnt, denn -sind wir doch mal ehrlich- wer macht sich schon gerne am Fäkal-Journalismus, der in den Mülltonnen der Web-Medien lagert, die Finger schmutzig. Ich will Euch, liebe Leser, mal etwas an unserem Leid teilhaben lassen:

"Zerschlagt die Computer" sang ein gewisser Georg Danzer, der erst kürzlich verstorben ist. Die Orwell'schen Phantasien, die Protest-Songs wie diesem die Grundlage gaben, sind schlimmer geworden, als man damals zu träumen wagte. Nun ist die Diskussion darüber so unnütz, wie eine neue Scheibe von ... sagen wir bspw. GUNS'N'ROSES. Einzig von Wichtigkeit ist die Wachsamkeit jedes Einzelnen, die Geister, die man rief, halbwegs unter Kontrolle zu halten. Für uns Rockfans sind allerdings die Möglichkeiten, unser Hobby zu vertiefen, nahezu grenzenlos geworden. Wenn man nur überlegt, wie sich noch vor 10 bis 15 Jahren Nachrichten von neuen Scheiben seiner Helden gerüchteweise per Mundpropaganda multiplizierten -was natürlich manchmal die absurdesten Konstrukte zeitigte- eröffnen sich heutzutage mithin paradiesische Zustände. Aber ist dem wirklich so?

Nun, die Schwachstelle ist der Mensch an sich!! Wir leben in einem medialen Zeitalter, in dem jeder noch so miefige Furz im entferntesten Winkel dieses Planeten wahrgenommen werden kann. Das nährt die Illusion manch traurigen Tropfes, dass die Weisheiten, die er in seinem Online-Tagebuch im wahrsten Wortsinne verewigt, wirklich von Bedeutung sind. Wenn dies bereits im Kleinen so ist, wen wundert's dann, dass unsere (Rock-)Stars heutzutage der gleichen Fata Morgana aufsitzen .... und sich die Nachrichten-Jäger weltweit zu ihren nützlichen "Idioten" machen lassen.

Nein, ich werde es mir hier verkneifen, noch einmal in diesem Zusammenhang länger auf LED ZEPPELIN einzugehen. Dieser "running-gag" beginnt sich gerade totzulaufen - bislang lächerliches wird langsam nur noch ärgerlich. Jedes noch so schwachsinnige Statement der Protagonisten wird zu einer Riesen-Nachricht aufgebauscht. Dabei ist die Motivation der Band und ihres Managements völlig durchsichtig: Es geht darum, den Boden für einen wahren Geld-Monsun aus Tour-, CD- und DVD-Erlösen vorzubereiten.

Ganz ähnlich läuft das übrigens auch bei den GUNS'N'ROSES und ihrem neuen Album "Chinese Democracy". Wer-weiß-wie-häufig ist es bereits "endgültig" fertig gestellt worden, nachdem zuvor die wildesten Gerüchte um eine Reunion der Band kursierten. Nun gibt's beinahe wöchentlich ein Statement aus "bandnahen Kreisen" [zum allgemeinen Verständnis: das ist bspw. der Student, der Axl Roses Hund spazieren führt oder der Friseur von Slashs Dauerwelle] zu den Gründen der erneuten Verzögerung. Also, für wie blöd werden wir Rockfans eigentlich gehalten?? Es ist doch sonnenklar und offensichtlich, dass hier um ein ziemlich geschmackloses Hypen von "Chinese Demoracy" geht. Ärger darüber hin oder her, letztendlich wird das Ding dennoch zünden, und mit dem Erscheinen weltweit direkt auf # 1 aller Charts einsteigen und somit heiligt offenbar der Zweck die Mittel. Eigentlich müßte man, wenn das möglich wäre, solche "Künstler" weltweit boykottieren!

Noch so ein Ding . ihr habt's alle mitbekommen: RADIOHEAD konnten ja im Dezember '07 einen echten Coup landen. Sie stellen es den Fans frei, wieviel sie für den Download ihres neuen Albums zahlen mochten. Über 70% bezahlten übrigens nicht einen Cent, aber darum ging es auch gar nicht. Das Album war wochenlang in den Schlagzeilen und die paar Milliönchen, die durch den Download verschenkt wurden, sind durch Spontankäufe älterer Scheiben längst wieder eingefahren worden. Spätestens mit dem nächsten Album wird sich diese Marketing-Kampagne wieder amortisiert haben.

Aber so richtig widerlich wird es, wenn das mediale Interesse sich schamlos am Elend von Stars erfreut und damit Quote macht. Die erbarmungswürdige, schwere Drogensucht von Amy Whinehouse oder Pete Doherty von den BABYSHAMBLES ist fast täglich für irgendeine Schlagzeile in den virtuellen Magazinen gut. Besonders schlimm hat man sich auf die nur noch Mitleid erregende Britney Spears eingeschossen. Die offene Drogenszene in Großstädten, ausnahmlos Schwerstabhängige, wird gnadenlos durch die Städte gehetzt, vom Law-And-Order-Wunsch der deutschen Öffentlichkeit genährt. Der abgewrackte Pusher, der sich ein paar Euros erbettelt, verächtlich abserviert. Doch in der Szene der Superstars gilt Drogenabhängigkeit weiterhin fast schon als chic. Nun mag zurecht eingeworfen werden, daß Drugs und Rock'n'Roll schon immer unzertrennliche Geschwister waren. Aber die Geilheit, mit der Web-Medien die Sensationsgier der Konsumenten befriedigt, hat schon eine früher kaum vorstellbare Dimension eingenommen .... und mittendrin die armen News-Scouts des hooked-on-music, die sich "wasch-mich-aber-mach-mich-nicht-naß" durch diesen ultimativen Schwachsinn kämpfen. Auf der Suche nach den wirklich wichtigen Nachrichten.

Steve Braun, (Artikelliste), 01.03.2008