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The Visitor
Neil Young
The Visitor, Reprise Records, 2017
Neil YoungGuitar, Piano, Harmonica & Vocals
Lucas NelsonGuitar, Vocals
Micah NelsonGuitar, Vocals
Corey McCormickBass, Vocals
Anthony LoGerfoDrums
Tato MelgarPercussion
Produziert von: Neil Young and John Hanlon Länge: 51 Min 14 Sek Medium: CD
01. Already Great06. Carnival
02. Fly By Night Deal07. Diggin' A Hole
03. Almost Always08. Children Of Destiny
04. Stand Tall09. When Bad Get Good
05. Change Of Heart10. Forever

“Ich bin Kanadier, nebenbei bemerkt“, so beginnt Neil Young sein neues Album “The Visitor“. Das erinnert mich an den Film “Ewige Jugend“, mit Michael Kane und Harvey Keitel, als ein (vermeintlicher) Maradonna im Schwimmbecken mit der “Neuigkeit“ herausplatzt, “Ich bin auch Linkshänder“. Als ob es nicht die ganze Welt wüsste.
Nun, wie weit es um den Bildungsstandard mancher amerikanischen Bürger bestellt ist, sieht man an dem Präsidenten, den sie vor gut einem Jahr gewählt haben. Da muss man sich schon Sorgen machen und auch Neil macht sich Sorgen und engagiert sich, wie eh und je und in den letzten Jahren besonders. Und mit Sprüchen, wie “Make America great again“, braucht man ihm nicht zu kommen, denn dem hält er in diesem ersten Titel ein Already Great entgegen. Und bevor da jemand eine Lobeshymne daraus macht, verkündet er in der Bridge mehrfach “No wall, no hate, no fascist USA“. Nur damit das mal klar ist. Seine Gehilfen dabei sind die Söhne Willie Nelsons, mit ihrer Band PROMISE OF THE REAL; auf die er in den letzten Jahren bevorzugt zurückgreift.
Ich nehme an, weil er mit diesen sowohl lärmen kann, wie mit CRAZY HORSE, und gleichzeitig auch seiner Country-Leidenschaft frönen. Zu Beginn jedenfalls wird die härtere Schiene gefahren, die mehr an die “Ragged Glory“-Zeiten erinnern.

Und im fast hypnotischen Mantra Fly By Night Deal lässt er eine regelrechte Sturzflut an anklagenden Worten auf einen nieder. Da muss er schon in eine Art Rap verfallen, um alles unterzubringen. Von der rostig lärmenden Gitarre hätte ich gern noch mehr gehört.
Almost Always kommt mit ähnlich vielen Worten daher, aber jetzt ist der ruhigere, Country-mäßige Neil angesagt. Da denkt sofort an die “Unplugged“-Scheibe und an “Harvest Moon“. Hier fehlt nur der eingängige Refrain, um die Nummer fest im Gehörgang zu verankern. Aber allein seine typische, wundervolle Mundharmonika ist wieder ein Genuss!
In Stand Tall ruft er mit “Stand tall for earth, long may our planet live, together we can win, as long you and I stand tall“ dazu auf, zusammenzustehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Da geht’s wieder in die heftigere Richtung und Neil, sowie Lucas und Micah Nelson schrammeln herrlich schräg auf ihre Gitarren. Da hat Neil sie wieder, seine geliebte Garagenband.
Auch Change Of Heart fordert zum Zuhören auf. Hier allerdings wieder mehr, wegen des Textes, der zu einem lockeren Trab über die Prairie erzählt wird. Hat ein bisschen was von Elliott Murphy.

Carnival bringt ein bisschen mexikanisches Flair mit rein. Auch ein bisschen Verrücktheit. Macht mir vorerst mit am meisten Spaß auf diesem Album. Wegen des ansteckenden Refrains und wohl auch wegen der karnevalistischen Zwischenteile.
Gerade mal 2 ½ Minuten braucht Young um ein Loch zu graben. Diggin' A Hole erinnert in seiner Eintönigkeit an die Songs auf “Re-ac-tor“ und kommt insgesamt sehr bluesig rüber. Auch das gefällt mir gut.
Wenn die Children Of Destiny losmarschieren, dann hat das schon eine gewisse Wucht. Da wird ordentlich auf Pauken und Gitarren eingeschlagen und dem möchte man sich lieber nicht in den Weg stellen. Neil hält immer mal inne und richtet ein paar Worte an die Gemeinde, aber dann geht es wieder mit neuer Energie weiter und ein ganzes Orchester stimmt letztlich mit ein: “Stand up for what you believe, resist the powers that be“.
When Bad Got Good, nun, der Adressat von “Lock him up, he lies, you lie“ dürfte klar sein. Musikalisch ist man wieder beim rappenden “Re-ac-tor“-Stil, nur etwas moderner gehalten.
Das Album wird vom mehr als 10-minütigen Forever beschlossen. Wir sind wieder beim Country-Folk des akustischen Neil Young angekommen. Neil ist es scheißegal, wenn seine Stimme manchmal etwas brüchig rüberkommt. Hier geht’s um was anderes, hier geht es um Mother Earth und da wird ein Kanadier nicht müde, sich einzusetzen, sich zu engagieren und gegen Alle anzukämpfen, die ihr Schlechtes wollen.
Lieber Neil, deine Musik begleitet mich seit gut 40 Jahren, und alle Phasen und Alben habe ich geliebt (okay, über “Landing On Water“ können wir gelegentlich noch einmal reden...). Auch wenn “The Visitor“ nicht zu den besten deiner Alben gezählt werden wird, bringt dennoch keiner deiner Alterskollegen ähnlich spannende, überraschende und wichtige Alben heraus. Ich freue mich auf viele weitere musikalische Taten von dir. Ach ja: Ein weiteres Buch wäre durchaus auch nicht schlecht. Long may you run!

Epi Schmidt, (Artikelliste), 20.12.2017