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...And Justice For All - Expanded Edition
Metallica
...And Justice For All - Expanded Edition, Universal Music, 2018
James HeftieldGesang & Gitarre
Lars UlrichSchlagzeug
Kirk HammettGitarre
Jason NewstedtBass
Produziert von: Metallica & Flemming Rasmussen - Remastering: Greg Fidelman Länge: 203 Min 05 Sek Medium: CD
Disc 1: ...And Justice For All Remastered (65:10)
01. Blackened06. Harvester Of Sorrow
02. ...And Justice For All07. The Frayed Ends Of Sanity
03. Eye Of The Beholder08. To Live Is To Die
04. One09. Dyers Eve
05. The Shortest Straw
Disc 2: Demos & Rough Mixes (63:37)
01. Blackened (Demo)06. Harvester Of Sorrow (Rough Mix)
02. ...And Justice For All (Writing In Progress)07. The Frayed Ends Of Sanity (Demo)
03. Eye Of The Beholder (Writing In Progress)08. To Live Is To Die (Writing In Progress Rough Mix)
04. One (Writing In Progress Rough Mix)09. Dyers Eve (Demo)
05. The Shortest Straw (Writing In Progress)
Disc 3: Live From The "Damaged Justice" Tour (74:18)
01. Blackened07. Seek & Destroy
02. For Whom The Bell Tolls08. Creeping Death
03. Welcome Home (Sanitarium)09. One
04. Leper Messiah10. ...And Justice For All
05. Harvester Of Sorrow11. Whiplash
06. Eye Of The Beholder12. Breadfan

Das Jahr 1988 gilt vollkommen zu Recht als eines der besten, wenn es um Veröffentlichungen in allen Spielarten des Heavy Metal geht. Nur ein paar von zahllosen Beispielen: QUEENSRŸCHE veröffentlichten ihr Über-Album “Operation: Mindcrime“; HELLOWEEN schwangen sich mit “Keeper Of The Seven Keys Part 2“ in ungeahnte musikalische und Chart-technische Höhen auf, ebenso wie IRON MAIDEN es mit “Seventh Son Of A Seventh Son“ und der Hit-Single Can I Play With Madness? taten; DANZIG legten ihr epochales Debüt und den Metal-Evergreen Mother vor; KING DIAMOND perfektionierte mit “Them“ die Verquickung von Horror-Story und Heavy Metal; DEATH unterstrichen auf “Leprosy“ ihre Ausnahmestellung in demnach ihnen benannten Genre und Ozzy Osbourne fand auf “No Rest For The Wicked“ in Zakk Wylde seinen kongenialen Partner für die nächsten Jahrzehnte. Aber kaum ein Genre hatte einen Lauf wie der Thrash Metal: ANTHRAX veröffentlichten “State Of Euphoria“, FLOTSAM & JETSAM warfen “No Place For Disgrace“ auf den Markt, SLAYER machten einen Qualitätssprung mit “South Of Heaven“, TESTAMENT zeigten, wo “The New Order“ herrschte. Aber über allem thronte eine Band, die bald das Zepter als neue Metal-Könige übernehmen sollte (natürlich nicht MANOWAR, auch wenn ihr “Kings Of Metal“ wohl auch ihr letztes wirklich großartiges Album war): METALLICA mit ihrem „weißen Album“ - “…And Justice For All“. Pünktlich zum 30. Jubiläum veröffentlicht die Band dieses monumentale Werk (wie auch schon die Vorgänger) in einer exzellenten Neuauflage.

Auf “…And Justice For All“ setzten James Hetfield, Lars Ulrich, Kirk Hammett und Neu-Zugang Jason Newstedt konsequent den Weg fort, den sie schon mit dem Vorgänger “Master Of Puppets“ (und sogar in gewisser Weise schon mit “Ride The Lightning“) eingeschlagen hatten. Es gab die harten Nummern, die etwas entschleunigteren Songs, ein Instrumental und natürlich auch eine „Ballade“ (spätestens im letzten Drittel des Songs muss man den Begriff in Anführungszeichen setzen). Aber die Kreativität der beiden Band-Köpfe Hetfield und Ulrich kannte hier offenbar keine Grenzen. Was die Musiker hier an Riffs, Leads, Soli und rhythmische Breaks in die neun Songs und mehr als 65 Minuten Spielzeit packten, das verdiente schon fast das Adjektiv „progressiv“. Insbesondere die überlangen Songs wie der Titeltrack, One, The Frayed Ends Of Sanity oder To Live Is To Die strotzten nur so von Wechseln, die ein gewisses konzentriertes Hören erforderlich machten, wenn man der Musik wirklich folgen können wollte.

Photo-Credit: zur Verfügung gestellt von Oktober Promotion

Der Album-Titel “…And Justice For All“ ist eine Anlehnung an die Schlussphras des amerikanscghen Treueschwurs, stellt hier aber eine zynisch gemeinte Anspielung auf die eigentlich vorherrschende Ungerechtigkeiten in der Welt dar. Diese sind dann auch das fast durchgängig vorherrschende Thema der Texte auf dieser Scheibe. Und mit ihrer düsteren Aussage, die man im Falle des Titel-Songs auch derzeit - angesichts der Ereignisse um die Ernennung des Richters Kavanaugh für den US Supreme Court – wieder aufnehmen könnte („Justice is gone, pulling your strings, justice is done. Seeking no truth, winning is all. Find it so grim, so true, so real. Apathy their stepping stone, so unfeeling. Hidden deep animosity, so deceiving.“) Da kann man sich schon fragen: was hat sich in den 30 Jahren eigentlich verändert (geschweige denn verbessert)? Und man könnte zu der Antwort kommen: nicht viel.

Aber auch wenn ich die CD heute erneut auflege, dann hat insbesondere die Qualität der einzelnen Lieder keinen Deut gelitten. Blackened ist mit seiner Kritik an der Umwelt-Zerstörung so aktuell und düster aber auch begeisternd wie damals. Eye Of The Beholder, The Shortest Straw, Harvester Of Sorrow und auch The Frayed Ends Of Sanity grooven immer noch wie die viel beschriebene Hölle und krallen sich dabei in den Ohren des Hörers fest. Kein Wunder, dass diese Nummern jahrelang zu den Live-Favoriten gehörten. One ist die Nummer, die METALLICA auch Dank des Videos, das eher ein Kurzfilm ist, in der öffentlichen Wahrnehmung einer breiteren Masse etablierte. Das Instrumental To Live Is To Die gefiel mir schon immer besser als Orion (von “Master Of Puppets“) oder The Call Of Ktulu (aus dem zweiten Album “Ride The Lightning“) und Dyers Eve ist der perfekt Arschtritt-Rausschmeißer aus dem Album.

Die Kritik an “…And Justice For All“ entzündete sich an dem Sound der Scheibe, der von vielen Seiten als zu kalt und trocken bezeichnet wurde. Aber auch der Mix der Instrumente wurde bemängelt. Schließlich war der Bass von „dem Neuen“ in der Band (Newstedt hatte den zwei Jahre zuvor tödlich verunglückten Cliff Burton ersetzt und war bislang nur auf der Cover-Scheibe “The $ 5.98 EP“ zu hören gewesen) so weit in den Hintergrund gepackt worden, dass er kaum mehr wahrnehmbar war. Und um es ganz klar zu sagen: diese beiden Probleme wurden beim Remastering nicht korrigiert. Insofern klingt das Album nicht so viel besser als meine Original-CD von 1988, allerdings wurde die Lautstärke etwas angehoben und natürlich das Rauschen weiter unterdrückt. Aber viel spannender wäre natürlich ein Remix der Scheibe gewesen. Das hätte dann vielleicht auch die Bass-Spuren deutlicher hörbar werden lassen.

Bei der Neu-Anschaffung von “…And Justice For All“ sollte es also aus meiner Sicht immer eine der erweiterten Versionen des Albums sein, auch wenn mir klar ist, dass die „Deluxe“ Edition im Boxset mit einem Preis von annähernd 200 Euro für viele Fans abschreckend ist. Allerdings sollte man sich auch vor Augen halte, was man dafür bekommt: Das Limited-Edition-Deluxe-Box-Set, das in dieser Form nur ein einziges Mal gepresst und produziert wird, beinhaltet neben der Doppel-LP auf 180 Gramm schwerem Vinyl, eine „One“-Picture-Disc, 3 weitere LPs von ihrer Performance in Seattle im Jahr 1989 (neu gemischt von Greg Fidelman), 11 CDs, 4 DVDs, ein aus vier Aufnähern bestehendes Patch-Set, ein Print des Künstlers Pushead, einen laminierten Tour-Anhänger, diverse Lyric-Sheets und eine Download-Karte für alle genannten Bestandteile des Sets; schließlich gibt es noch ein 120-seitiges Deluxe-Booklet mit noch nie veröffentlichten Fotos und noch nie in dieser Form erzählten Geschichten – überliefert von denjenigen, die dabei waren. Das ist schon eine Menge Material für das Geld.

Photo-Credit: zur Verfügung gestellt von Oktober Promotion

Für alle, denen das zu viel ist, geht meine Empfehlung zu der Dreifach-CD-Variante – der so genannten „Expanded Version“ (die auch dieser Rezension zu Grunde lag)-, da diese zu einem fairen Preis einen echten Mehrwert für den Hörer darstellt. Auf der zweiten Scheibe findet sich zu jedem der neun Album-Tracks entweder eine Demo-Version oder ein Roh-Mix. Daran kann man als Fan gewisse Entwicklungen nachempfinden, zum Beispiel wie sehr Kirk Hammett an seinen Soli feilte und welche Teile der Melodien schon recht früh feststanden. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Gesangsmelodien und die Texte von Hetfield. Natürlich muss man als Hörer hierbei Abstriche beim Klang der Aufnahmen machen. Diese klingen, wie zum Beispiel im Fall von Blackened ganz eindeutig nach einem Mehrspur-Gerät, das die Band im Proberaum mitgeschnitten hat. Oder aber die instrumentale Version des Titeltracks, die noch mitten im Songwriting-Prozess entstand. Es ist klar, dass man sich diese Versionen selbst als Fan nicht häufig anhören wird, aber vielleicht ja doch immer mal wieder.

Viel spannender für die meisten Fans ist da natürlich die dritte Scheibe des Pakets. Hierbei bekommt man eine komplette CD randvoll mit Aufnahmen von der damaligen „Damaged Justice“-Tour. Ausgewählt wurden Aufnahmen aus Seattle (die komplette Show war als Video schon mal in der “Live Shit: Binge And Purge“-Box enthalten), Long Beach, London, Los Angels oder Dallas. Die Qualität der Aufnahmen mag zwar nicht immer den höchsten professionellen Standards entsprechen, aber ist zumindest immer auf dem klanglichen Niveau eines sehr guten Bootlegs, wie man es von anderen Mitschnitten direkt aus dem Mischpult kennt. Die CD ist auf jeden Fall ein zeithistorisches Dokument (denn die oben genannte Box entstand auf der Tour zum so genannten “Black Album“ und konzentrierte die Setlist auf dessen Stücke) und enthält wirklich einige sehr spannende Mitschnitte von Tracks, die - wie etwa Leper Messiah (von “Master Of Puppets“) - schon lange nicht mehr zum Live-Repertoire der Band gehören. Und es macht doch auch immer wieder Spaß alte Favoriten wie Creeping Death oder Welcome Home (Sanitarium) zu hören. Und bei ...And Justice For All hört man sehr deutlich die Sound-Effekte, die das Einstürzen der damals auf der Bühne aufgestellten Justitia-Statue untermalten.

“… And Justice For All“ ist natürlich ein Album, das seinen Platz in der Musik-Geschichte mittlerweile gefunden hat. Nicht nur fuhr es alleine in den USA acht Mal eine Platin-Auszeichnung für jeweils eine Million verkaufte Einheiten ein (in der Band-Historie nur noch getoppt vom nachfolgenden “Black Album“), es war auch das erste Werk, mit dem sich METALLICA in die Top Ten der Platten-Verkaufscharts vorarbeiten konnten. Es warf mit One die erste Single in den Top 40 ab, zudem gab es das erste Video (etwas, was die Band vorher immer sehr lautstark abgelehnt hatte) sowie die erste Grammy-Nominierung. Der Rolling Stone bezeichnete das Album in seiner damaligen Rezension als „Wunderwerk von punktgenau kanalisierter Aggression“, das Magazin Spin nannte es „ein Juwel von einem Doppelalbum“, womit beide natürlich vollkommen Recht hatten. Es gibt eigentlich keinen Grund, warum man “…And Justice For All“ nicht besitzt, aber es gibt sehr gute Gründe sich diese “Expanded Edition“ noch einmal daneben zu stellen.

Marc Langels, (Artikelliste), 17.10.2018