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Mental Vortex - Grin
Coroner
Mental Vortex - Grin, BMG, 2018
Ron RoyceGesang & Bass
Marquis MarkySchlagzeug
Tommy T. BaronGitarre
Gastmusiker
Kent SmithKeyboards
Janelle SadlerGesang ("Mental Vortex")
Bettina KlötiGesang ("Grin")
Roger DupontProgramming ("Grin")
Paul DegalyerGesang ("Grin")
Tim ChatfieldDidgerdioo ("Grin")
Produziert von: Tom Morris ("Mental Vortex") & Coroner ("Grin") Länge: 105 Min 19 Sek Medium: CD
CD 1: Mental Vortex (47:31)
01. Divine Step (Conspectu Mortis)05. Metamorphosis
02. Son Of Lilith06. Pale Sister
03. Semtex Revolution07. About Life
04. Sirens08. I Want You (She's So Heavy)
CD 2: Grin (57:48)
01. Dream Path06. Status: Still Thinking
02. The Lethargic Age07. Theme For Silence
03. Internal Conflicts08. Paralized, Mesmerized
04. Caveat (To The Coming)09. Grin (Nails Hurt)
05. Serpent Moves10. Host

Das deutsche Kult-Label Noise hat sich in den 1980er Jahren ja wirklich als eine Art Trüffelschwein der begnadeten europäischen Metal-Szene einen geradezu legendären Ruf erworben. Releases der Firma von Chef Karl-Ulrich Walterbach konnte man als Szenefan der damaligen Zeit nahezu blind kaufen, egal ob es sich um CELTIC FROST, GRAVE DIGGER, HELLOWEEN, KREATOR, TANKARD oder VOIVOD handelte, allen war gemein, dass sie nicht nur etwas nachäfften, was es bereits zuvor – zum Beispiel aus Großbritannien oder den USA – nicht schon besser gegeben hätte. Nein, sie alle verfügten über einen jeweils eigenen Sound und eine Individualität, die sie sofort identifizierbar und jeden auf seine eigene Weise erfolgreich machte. Allerdings war nicht allen die Langlebigkeit der meisten oben genannten Bands beschieden. So existieren zum Beispiel CELTIC FROST ja schon seit Jahren leider nicht mehr. Eine Noise-Band, die irgendwo dazwischen fällt sind deren Eidgenossen CORONER, die sich Mitte der 1990er auflöste, aber seit 2011 wieder aktiv ist.

Das Trio wurde 1984 in Zürich gegründet und blieb sich – abgesehen von einer frühen Umbesetzung - in der Besetzung Peter Attinger (aka Ron Royce, Gesang & Bass), Marky Edelmann (unter dem Namen Marquis Marky, Schlagzeug) und Tommy Vetterli (als Tommy T. Baron, Gitarre) auch bis zu ihrem viel zu frühen Ende1995 treu. Eine enge Verbindung gab es zu den Label-Kollegen und Landsmännern CELTIC FROST, die CORONER zwar mit Oly Amberg zu beginn ein Ur-Mitglied abspenstig machten, der Band dann aber beim 1986er Demo “Death Cult“ tatkräftige Unterstützung zukommen ließen, so sang Thomas Gabriel Fischer (aka Tom G Warrior) das Werk ein. Über das Demo wurde auch das Berliner Label Noise auf die band aufmerksam und nahm sie unter Vertrag. Das Debüt “R.I.P.“ entstand im Berliner MusicLab-Studio mit Haus-Produzent Harris Johns an den Reglern und zeigte alleine durch die hohe Anzahl an Instrumental-Stücken (fünf) einen eigenen Weg, auch wenn das zum Teil sicher der Unsicherheit von Sänger Peter Attinger geschuldet war. Der Klang war nicht wirklich begeisternd, wohl auch weil Johns Hall verwendete, um Spielfehler zu kaschieren. Aber mit dem nachfolgenden “Punishment For Decadence“ zeigte sich die Band deutlich verbessert. Auch der Sound wurde klarer, was unter anderem an einem anderen Produktionsstandort lag. Hinzu kam eine weitere Steigerung im Songwriting, die insbesondere im technischen Bereich in neue Regionen vordrang – eine Marschrichtung, der auch das nächste Album, “No More Colors“, im Jahr 1989 grundsätzlich folgte.

Mit ihrem vierten Album deutete sich dann ein zunächst noch schleichender Prozess des Wandels an. Das Werk “Mental Vortex“ mit dem ikonischen Anthony Perkins-Cover aus “Psycho“, verfügte noch über die Wurzeln im klassischen Thrash-Metal, zeigte stellenweise noch die Faszination der Band mit typisch progressiven Elementen wie vertrackten Gitarren-Parts und technisch anspruchsvollen Soli, aber es wies auch schon in die musikalische Gegenwart (der Szene) und Zukunft (der Band). Und diese lag im groovigeren, modernen Metal. Das klang hier allerdings stellenweise fast noch mehr nach MINISTRY als auf dem Nachfolger.

Das hatte auch mit einer Verschiebung innerhalb der Band zu tun. Denn bisher stammten nahezu alle Lieder aus der Feder von Sänger und Bassist Ron Royce, so stieg nun der der Anteil und Einfluss im Songwriting von Gitarrist Tommy T. Baron, der auch schon begonnen hatte mit Drumcomputern zu experimentieren, um seine Song-Ideen zu skizzieren und auszuarbeiten. Die Band selber erkannte in dieser – auch stilistischen - Wandlung einen Reife-Prozess. Eine Einschätzung, die wohl damals nicht alle Fans geteilt haben dürften. Denn gerade die „wilden Ritte“ mit den progressiven Elementen und komplexen Strukturen hatten CORONER ja auf den ersten Alben „groß“ gemacht, wobei sich die Absatzzahlen eher im respektablen Bereich bewegten und nicht mit den großen Noise-Bands mithalten konnten.

Aber gerade auch in der rückwärtsgewandten Betrachtung erkennt man die Qualitäten des Albums vielleicht etwas deutlicher. Mit dem Band-typisch-komplexen Song Divine Step (Conspectu Mortis) beginnt das Album: messerscharfes Riffing trifft auf ebenso ultrapräzises High-Speed-Drumming. Dabei wird das Lied aber nicht stumpf von A bis Z durchgerattert (das war ja nie das Ding von CORONER), sondern es bietet wie gewohnt diverse Breaks und Wendungen. Son Of Lillith hält das Niveau hoch und ein herrlich vertrackter Thrasher wie Semtex Revolution kann absolut mit den MEGADETH-Highlights von “Rust In Peace“ oder “Symphony Of Destruction“ mithalten. Und das folgende Sirens und Metamorphosis ziehen gleich ebenso stark und zwingend nach. Das Highlight bleibt aber aus meiner Sicht das großartige Cover des BEATLES-Klassikers I Want You (She‘s So Heavy), das sogar fast noch wunderbarer ausgefallen ist als das ebenfalls schon hervorragende Jimi Hendrix-Cover Purple Haze, das auf “Punishment For Decadence“ erschien. Man merkt auch auf diesem Album – gerade im Vergleich zu dem Debüt – wie sehr auch Sänger Peter mit seiner Aufgabe gewachsen ist und sie jetzt mit deutlich mehr Selbstvertrauen und Charisma ausfüllt. Musikalisch ist “Mental Vortex“ also ein weiteres Highlight des CORONER-Katalogs.

Zwei Jahre später hatte sich die Szenerie für den Heavy Metal grundlegend geändert. Die Musik war nicht mehr hip und auch nicht mehr alleiniger Ausdruck jugendlicher Wut und Aggression. Da hatten sich viele Fans den Bands des Grunge zugewandt und in ALICE IN CHAINS, NIRVANA, PEARL JAM und SOUNDGARDEN (gerade im Vergleich zu den extrem hedonistischen Glam Metal-Vertretern) ehrlichere Sprachrohre und Vertreter ihrer Gefühle gefunden. Aber auch der die anderen Metal-Spielarten waren in die Defensive geraten, Dabei der Thrash unter anderem auch durch Konklurrenz innerhalb der eigenen Musik-Szene, eben durch die extremeren Spielarten Death und Black Metal auf der einen, aber auch durch Groove-betontere Bands wie PANTERA und PRONG auf der anderen Seite. Und in diese Richtung bewegten sich auch CORONER, was – wie weiter oben ja bereits angerissen – auch einer Verschiebung bei der Aufteilung im Songwriting geschuldet war.

Somit ist “Grin“, das auch das letzte vor der zwischenzeitlichen Auflösung der Band war, ein Statement über die musikalische Entwicklung der Band und eine Reflektion der musikalischen Zeitgeschichte. Hier machen sich Einflüsse etwa von SEPULTURA aus deren “Chaos A.D.“-Phase bemerkbar, aber auch eine Menge PRONG-Elemente finden sich im Sound der Scheibe wieder. Schon zum Auftakt machen CORONER mit Tribal-Drums und Didgeridoo-Sounds unterschwellig klar, dass “Grin“ ganz anders sein wird als die bisherigen Alben. Der eigentliche Opener, The Lethargic Age, gibt dann auch schon die Marschrichtung für die folgenden Minuten vor: der Song groovt wie die Hölle und hätte extrem gut zu PRONG gepasst (ebenso wie das gleichfalls fantastische Serpent Moves). Das folgende Internal Conflicts ist eine prima Mischung aus MINISTRY und SEPULTURA – oder vielleicht sogar eher dem Cavalera-Nebenprojekt NAILBOMB mit seinen Samples zu Beginn und dem extrem harten Riff und erinnert vielleicht noch am ehesten an die technische Vergangenheit der Band. Ein wahrer Hammer-Song.

Aber dass Album ist in seiner Gesamtheit ein tonnenschweres Statement, frei nach Luther: hier stehe ich, ich kann nicht anders. Oder aber à la Honecker: (musikalisch) vorwärts immer, rückwärts nimmer. Caveat (To The Coming) ist mit seinem teilweise funky Schlagzeug-Rhythmus, der immer wieder ins doomige abtaucht ein Paradebeispiel dafür, dass CORONER eine neue musikalische Bestimmung gefunden hatten. Eine, die sie eigentlich auf ein Erfolgsniveau mit einer Band wie PANTERA hätte hieven müssen, schließlich hatten die Schweizer einen ähnlich inspirierten und inspirierenden Gitarristen in ihren Reihen, der Hammer-Riffs am Fließband auflegte, wie zum Beispiel bei Paralized, Mesmerized, das ein Hit in einschlägigen Clubs hätte sein müssen.

Natürlich waren das nicht mehr die „alten“ CORONER, aber mit “Grin“ hatten sich die Schweizer auf musikalischer Ebene neu erfunden und weiterentwickelt. Dazu zählte auch die Bereitschaft, noch stärker als in der Vergangenheit andere Musiker einzubeziehen wie Roger Dupont, der zusammen mit Keyboarder Kent Smith (der auch schon auf “Mental Vortex“ zu hören war) maßgeblich für die elektronischen „Spielereien“ auf dem Album verantwortlich war, oder aber die Sängerin Bettina Klöti, die im abschließenden Host zu hören ist. Und so gut mir auch die erste Version der Band gefallen hatte, umso begeisterter war ich schon immer von der Version 2.0.

Leider löste sich die Band kurze Zeit nach “Grin“ auf. Das sollte sich zum Glück nur als temporäres Ende einer wahrlich wegweisenden Band herausstellen, aber es unterbrach die Entwicklung einer Band, die aus meiner Sicht gerade dabei war, sich zum Vorreiter einer neuen Metal-Welle zu machen. Denn kaum jemand verband so geschickt und in sich stimmig heftige Metal-Attacken mit elektronischen Spielereien, Elementen aus Weltmusik und stellenweise experimenteller Rock-Musik. Und auch 25 Jahre nach dem Erscheinen dieses vorerst letzten Meisterwerks lohnt es sich – so man sie noch nicht kennt – diese Band neu zu entdecken. Und Dank der Wiederauflagen der klassischen Noise-Alben ist dies auch aktuell wieder in bester Qualität möglich. Und es unterstreicht noch einmal, was für ein hervorragendes Gespür Walterbach damals für Bands hatte.

Marc Langels, (Artikelliste), 03.07.2018