Goodbye
Chicken Shack
Goodbye, Esoteric Recordings, 2013 (1974)
Stan WebbLead Guitar & Vocals
Dave WilkinsonElectric Piano
Rob HullBass
Alan PowellDrums
Produziert von: Barry Murray Länge: 48 Min 55 Sek Medium: CD
01. Everyday I Have The Blues06. You're Mean
02. Thrill Is Gone07. Poor Boy
03. Going Down08. Webb's Guitar Shuffle
04. You Take Me Down09. Tutti Frutti
05. Webb's Boogie

Wenn man den beiden Berufs-Lästermäulern Michael Rudolf & Frank Schäfer (ihr Buch "Lexikon der Rockgitarristen" muss immer mal wieder erwähnt und empfohlen werden) glauben mag, dann ist es mit den gitarristischen Künsten von Stan Webb nicht weit her. Na ja, wenn man die gespielten Noten mit der Stoppuhr misst, dann ist man da auch gleich dabei und auch wenn man jede nicht hundertprozentig erwischte Saite auf die Goldwaage legt. Da gibt es aber noch solche Dinge wie "Feeling" und das kann man nicht messen. Da gibt es nämlich auch etliche Leute - und Gitarrenkollegen - die in dieser Kategorie Stan Webb ziemlich hoch einschätzen. In seiner Band, CHICKEN SHACK, sang ja zeitweise auch eine Christine Perfect - wer könnte ihr I'd Rather Go Blind vergessen? - , die später als Christine McVie bei FLEETWOOD MAC zu weiteren Ehren kam. Auch ein Paul Raymond war zeitweise Mitglied dieser Band. Das hatte also schon Substanz und doch blieb es mehr eine Band für die beinharten Blues-Puristen.

Das Live-Album "Goodbye" - welches durch Cherry Red Records nun remastered wieder aufgelegt wird - ist das einzige, welches aus der ersten Phase der Band, 1965 - 1973, erhältlich ist und selbst das, wollte Stan Webb eigentlich nicht veröffentlichen. Damals nicht und heute wohl auch nicht. Es waren zwar Live-Aufnahmen bei der 73er Tour geplant, aber angeblich wusste die Band nicht, dass an diesem Abend, 26.10.1973, die Bänder rollten, und war dann auch später mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Gerne hätte man noch die ein oder andere Note im Studio "nachgebessert", wie das bei fast allen Live-Alben so üblich war und ist.
Dem Fan ist es sicher lieber, wenn da nichts geschönt wird und so bekommt man mit "Goodbye" eben genau so ein "rohes" Werk, wie es die Konzertbesucher an jenem Abend geboten bekamen. Natürlich gehtís um Blues, in all seinen Formen und die bekannten Klassiker Everday I Have The Blues (hab ich erst gestern Abend bei einer lokalen Blues-Band gehört), Thrill Is Gone und Going Down eröffnen den Reigen. Dafür, dass die Bandkonstellation relativ neu war, harmoniert das, für meine Begriffe recht gut, was nicht zuletzt am Piano-Spiel von Dave Wilkinson liegt, der einen guten Background für Webbs sprödes Lead-Gitarren-Spiel liefert. Das genannte Going Down wurde von CHICKEN SHACK so oft und meist richtig geil gespielt, dass man es schon fast dieser Band zurechnen muss, auch wenn es natürlich ein Blues Klassiker aus der Feder von Don Nix ist.
Wenn man Schwächen finden mag, dann sind die am ehesten im Gesang von Webb zu entdecken. Seine Stimme ist halt eher dünn, wenn sie auch den Blues oft glaubwürdig transportiert. Es gibt aber nicht nur Blues-Standarts und -Jams zu hören, sondern es geht auch mal richtig flott zur Sache. Etwa wenn Wilkinson Webb's Boogie mit einem flotten Rock'n'Roll-Piano-Solo einleitet. Kommt gut und Rob Hulls Bass schiebt das Ding dann auch wuchtig an.

Eine weitere Parade-Nummer von Webb ist Poor Boy, welches er hier auch ausgiebig zelebriert, teilweise unter Einsatz seines Wah-Wah-Pedals. Da wird denn auch ausufernd "gejammed". Ein kleines Fest für Gitarren-Freaks.
In Webb's Guitar Shuffle dreht die Band - und vor allem Webb - nochmal richtig auf und rast in Hochgeschwindigkeit dahin. Klar, dass da nicht jeder Ton perfekt kommt, aber die Energie, die da rüberkommt, ist schon geil. Lediglich der "rote Faden" scheint manchmal etwas verloren zu gehen.
Dafür rockt es im an- und abschließenden Tutti Frutti wieder recht prächtig. Ziemlich rau gespielt und es wird teils recht ausufernd mit angestrengtem Gesang, doch ganz witzig, wie sich die Band dieser Nummer annimmt.
Letztlich ist "Goodbye" was für die Fans der Band und für die Blueser, die mehr den rauen und ungeschönten Ton bevorzugen. Ein Zeitdokument auf alle Fälle.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 17.03.2013