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Mary And The Fairy
Cheap Wine
Mary And The Fairy, Cheap Wine Records, 2015
Marco DiamantiniVocals, Electric and Acoustic Guitar
Michelle DiamantiniElectric and Acoustic Guitar
Alan GianniniDrums, Percussion
Andrea GiaroBass
Alessio RaffaelliPiano, Keyboards, Accordion
Produziert von: Alessandro Castriota Länge: 60 Min 28 Sek Medium: CD
01. Based On Lies05. La Buveuse
02. Dried Leaves06. Mary
03. Behind The Bars07. Waiting On The Door
04. I Like Your Smell08. The Fairy Has Your Wings (For Valeria)

Kaum ein Jahr nach ihrem letzten Studioalbum, ”Beggar Town”, legen die Italiener von CHEAP WINE ihr nächstes Album vor und zu meiner Freude, muss ich gestehen, ist es ein Live-Album. Nach ihrem 2010er Live-Doppel-Album, und besonders nach dem Gig in der ”Studio Lounge” in Obertrubach, bin ich von den Live-Qualitäten der Band absolut überzeugt.
Diesmal zwar nur eine einzelne CD und keine Doppel, aber keiner der Songs war auf dem Vorläufer enthalten und mancher (I Like Your Smell, z.B.) ist auch als Studiowerk nicht mehr zu bekommen. Die Idee hinter dieser Aufnahme war, wichtige, ja, nahezu essenzielle Stücke aus dem Repertoire von CHEAP WINE in ihrer Bühnenfassung mitzuschneiden und tatsächlich kann man wohl von der Essenz dieser Roots- und Folk-Rock-Band mit der besonderen Note sprechen.

Mit dem Titelstück des für mich immer noch heraus- wie hervorragenden Albums “Based On Lies“ schleicht man sich gewissermaßen langsam in den Set. Da fällt zunächst – wieder einmal, muss man sagen – das wundervoll lockere, dahinsprudelnde Piano-Spiel von Alessio Raffaelli auf. Im eigenen Land gilt der Prophet selten was und in Bella Italia ist so ein Name vielleicht auch nichts Außergewöhnliches, aber aus der Ferne kann man deutlich sagen: Nur ein Künstler oberen Ranges kann so heißen und das stellt er auf dieser Scheibe mehrfach unter Beweis.
Sänger Marco Diamantini tritt so langsam aber sicher in die Fußstapfen eines Geschichtenerzählers wie Elliott Murphy. Seine Texte wohl mit die besten südlich der Alpen, wen auch manchmal leicht kryptisch, aber Songwriter wie Bruce Springsteen wurden für sowas nahezu heiliggesprochen. Von ihren Fans, nicht vom Vatikan, wohlgemerkt.
Ja, da steckt so viel in einem Song von CHEAP WINE, dass man bereits über den ersten stundenlang reden könnte. Mich erinnert die Nummer immer ein bisschen an D-A-D und besagten Herrn Murphy.
Wenn es in den Songs heftiger wird, ist das meist Michele Diamantini geschuldet, der von eingeworfenen, bluesigen Licks, auf die Überholspur wechselt und den jeweiligen Song in eine Stampede verwandelt.

Vom Album “Spirits“ stammt Dried Leaves, welches eine ganz wundervolle, schwermütige und doch hoffnungsvolle Stimmung zaubert. Slide-Gitarre von Michele und Raffaellis herrliches Piano sind die Stützen, auf denen Marco Diamantini seinen Spannungsbogen balanciert.
Behind The Bars vom nicht mehr erhältlichen Album “Crime Stories“ und ist schon deswegen ein Anreiz. Hier geht man von Beginn an etwas derber zu Werke, es wird lauter, rockiger, und ein kaum zu zügelndes Feuer lodert immer höher. Die (Live-) Philosophie von CHEAP WINE drückt sich hier besonders aus: Lange Instrumental-Parts, die sich nicht nach Zeit oder Richtung orientieren, sondern denen man ihren Lauf lässt. So kommt man leicht auf über zehn Minuten, die sich äußerst dynamisch gestalten und zwischen nahezu Klassik und bretthartem Rock kreuzen.
Bereits erwähntes I Like Your Smell ist vielleicht die Nummer, die am schnellsten ins Ohr geht. Liegt an der eingängigen Melodie, getragen von Alessio Raffaelli, diesmal am Akkordeon, die eine gewisse Fernweh in sich trägt. Überhaupt ein Lied, bei dem man sich “wegträumen“ mag. Erinnert mich ein bisschen an Stefan Saffers letzte Alben.

La Buveuse stammt wieder vom “Spirits”-Album, gibt sich sehr subtil, bluesig und mit leichtem Desert-Rock-Touch. Diesmal hält man die eingeschlagene Richtung und lässt den “Film“ vor dem inneren Auge ohne große Veränderungen vorbeiziehen. Die (An-) Spannung bleibt erhalten, was mit dem entsprechenden Applaus belohnt wird.
Das Album “Ruby Shade“ ist nicht mehr erhältlich, was angesichts von Mary wohl nicht nur ich bedauere. Erneut reichen 10 Minuten kaum aus, um diesen nahezu epischen Song zu zelebrieren. Man spürt förmlich, wie sich die Musiker (und Publikum) auf diesen Trip begeben, dessen Verlauf sie nur vage vorhersehen. Sehnsüchtig heult die Slide-Gitarre, fast sphärisch kommen die Piano-Sprenkel und Marco Diamantini lockt mit seiner Story immer neue Fahrgäste auf diese Reise. Fast erlösend, durchbricht irgendwann Michele Diamantini den Nebel. Gewittergleich zerfetzt er die Schwaden, die sich am Ende ganz leise verziehen. Puh, das hat Kraft schon beim Zuhören gekostet.
Da kommt Waiting On The Door (wieder von “Based On Lies”) gerade recht, um den Hörer auf eine etwas lockerere Reise mitzunehmen.
The Fairy Has Your Wings (For Valeria) hat schon das letzte Studioalbum ”Beggar Town” so perfekt beendet wie bereichert und live entwickelt sich das Stück – erwartungsgemäß – noch mehr und offenbart noch ein paar zusätzliche Facetten. Wie gesagt, bei Nick Cave wäre der Song ein sicherer Hit und hier, bei CHEAP WINE im Konzert ist eine 11 ½ Minuten-Oper, so bittersüß, so betörend, wie es nur “billiger Wein“ sein kann, der aber, ebenso wie diese Band, absolut gehaltvoll ist. Eine erneute Weiterentwicklung, mit teils virtuosen Leistungen.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 17.11.2015