Live At The Carousel Ballroom 1968
Big Brother And The Holding Company
Live At The Carousel Ballroom 1968, Sony Music, 2012
Janis JoplinLead Vocals
Sam AndrewGuitar, Vocals
James GurleyGuitar, Vocals
Peter AlbinBass, Vocals
Dave GetzDrums, Vocals
Produziert von: Owsley Stanley Länge: 71 Min 01 Sek Medium: CD
01. Combination Of The Two09. Jam - I'm Mad (Mad Man Blues)
02. I Need A Man To Love10. Piece Of My Heart
03. Flower In The Sun11. Coo Coo
04. Light Is Faster Than Sound12. Ball & Chain
05. Summertime13. Down On Me
06. Catch Me DaddyBonus Track:
07. It's A Deal14. Call On Me (Saturday Show)
08. Call On Me

Natürlich handelt es sich hierbei im Prinzip um ein Janis Joplin-Album, denn ohne die texanische Sängerin, wären BIG BROTHER AND THE HOLDING COMPANY sicher nicht in den Olymp des kalifornischen "Summer Of Love" aufgestiegen. Es gibt auch genug Stimmen, die der Band keine allzu große Klasse im Studio unterstellen, jedoch wurden sie live von der urwüchsigen Kraft des Energiebündels Janis mitgerissen und unternahmen so manch ungeahnten Höhenflug.
Einer davon ist hier festgehalten und wird nun erstmals veröffentlicht. Anlass ist der Jahrestag des Todes von Owsley "Bear" Stanley, der für den Sound in jenem "Carousel Ballroom" zuständig war, den genannter San Francisco - "Olymp" - da wären THE GRATEFUL DEAD, JEFFERSON AIRPLANE, BIG BROTHER AND THE HOLDING COMPANY und … na, evtl. noch QUICKSILVER MESSENGER - über einen Zeitraum von wenigen Monaten 1968 betrieben. Der altehrwürdige Saal war bestens geeignet, um die Soundvorstellungen von Stanley umzusetzen und Konzerte mitzuschneiden.
Allerdings hatte der Soundmann seine eigenen Ansichten wie etwas von der Bühne kommen sollte und entsprechend gerieten auch seine Aufnahmen. Das drückt sich darin aus, dass er zum Beispiel Gesang und Schlagzeug auf einen Kanal legte und die restlichen Instrumente auf den anderen. Also nicht verzweifeln, wenn ihr hier zunächst nur den linken Kanal eurer Stereoanlage oder des Kopfhörers vernehmt - das ist so beabsichtigt und man gewöhnt sich alsbald daran.

Owsley Stanley hat viel Zeit und Arbeit darauf verwendet, um dieses Album so klingen zu lassen, wie er jenes Konzert in Erinnerung hat. Es gib hier dann durchaus auch Ratschläge zur Positionierung der Lautsprecher. Das geht vom Zusammenrücken in die Mitte über dreikanalige Ideen. Das kann und soll jeder selbst für sich entscheiden. Mir geht es um die Musik und ich komme auch so zurecht. Lediglich die Lautstärke etwas zu erhöhen bringt das "Konzertfeeling" besser rüber, aber das kennen wir ja auch.
Von Beginn begeistert mich jedenfalls wieder diese Wahnsinnsstimme! Als müsste sich die Band zunächst etwas eingrooven, klingt es zum Einstieg von Combination Of The Two nach Jam-Session, aber gleichzeitig scheint die Band schon im ersten Song auf voller Betriebstemperatur zu sein. Da gibt’s gleich mal ein erstes, psychedelisches Gitarrensolo, bevor Janis die ihre Jungs zurück in die Spur bringt und zu einem schwungvollen R&B, wie man ihn damals aus Detroit kannte.
Die Power kann natürlich auch daran liegen, dass die Band bereits am Vorabend ein Konzert an gleicher Stelle gespielt hat. Hier handelt es sich um das Konzert vom Sonntagabend.
Die äußerst rhythmische, vibrierende Musik animiert selbst heutzutage noch, sich dazu zu bewegen und natürlich ist es in erster Linie Joplin, die durch ihr Feuer Hörer wie Mitmusiker mitreißt. Die Gitarrensoli sind allesamt nicht zu technisch, aber voller Leidenschaft und Einfühlungsvermögen und die Art, wie sich die Band in Flower In The Sun reinschafft und -steigert, macht schon richtig Spaß.
Während Light Is Faster Than Sound (Donnerwetter, welch beeindruckende Erkenntnis! Bewussteinserweiternde Substanzen?) stellenweise auseinanderzufallen scheint, kommen die Musiker doch immer wieder zusammen und halten ein faszinierend psychedelisches Gebräu am köcheln.
Auch Summertime atmet das Flair jener Tage und Mancher mag diese Version als zu "abgedreht" empfinden, doch lausch man dem heiser-rauchigen Gesang von Janis, kann man nicht anders, als begeistert zu sein.

Die Stimmung im Saal war ganz offensichtlich richtig gut und spornte die Band zusätzlich an. Jedenfalls steigert sie sich des Öfteren in nahezu euphorische Momente und fast orgiastische Höhepunkte. It's A Deal ist hier sicher ein Beispiel, aber auch der Jam - I'm Mad, welcher sich permanent aufbaut und zwischen Blues und lockerem R&B pendelt. Da wird auch nicht auf jeden perfekten Ton geachtet, sondern den Emotionen einfach freien Lauf gelassen.
Piece Of My Heart gehört wie üblich zu den Höhepunkten, allein wegen seines Ohrwurmcharakters, aber es ist für mich erneut schier unglaublich, wie Janis sich aus fast geflüsterten Worten zu wahren Urschreien steigern kann. Was steckte doch in diesem kleinen Körper alles drin. War da ein ganzes Leben in wenige Jahre gepresst und deshalb alles so intensiv? Erfahren werden wir's nie, aber den Verdacht hege ich schon und der bekommt durch diese Aufnahmen neue Nahrung.
Ja, man braucht etwas Sinn und Interesses an jenen Tagen, um Ball & Chain in voller Länge zu überstehen, aber wird man nicht mit einem göttlichen Down On Me belohnt?
Und wer hören möchte, wie unterschiedlich die Songs an verschiedenen Abenden interpretiert wurden, für findet sich mit Call On Me eine Aufnahme vom Vorabend - als Bonus Track - als Abschluss dieser Scheibe.
Wie in den Legacy Ausgaben von Sony üblich, wartet diese CD mit einem ausführlichen und informativen Booklet auf und das Digi-Pack ist sehr ansprechend gestaltet. Eindeutig ein historisches Dokument und in vielfacher Hinsicht beachtlich. Dann mal viel Spaß, beim Hin und Her rücken eurer Hi-Fi-Möbel.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 17.03.2012