Victims Of Circumstance
Barclay James Harvest
Victims Of Circumstance, Esoteric Records, 2012 (1984)
John LeesVocals, Guitars
Les HolroydVocals, Bass, Guitar, Additional Keyboards
Mel PritchardDrums, Percussion
Special Guest:
Blas BoshellKeyboards
Kevin McAleaKeyboards and Saxophones on "Live At Wembley Arena"
Jan Ince & Sam BrownBacking Vocals on "Live At Wembley Arena"
Produziert von: Pip Williams Länge: 130 Min 48 Sek Medium: CD
Disc One - The Original Album
01. Sideshow08. Watching You
02. Hold On09. I've Got A Feeling
03. Rebel WomanBonus Tracks:
04. Say You'll Stay10. Victims Of Circumstance (12" Instrumental Version)
05. For Your Love11. I've Got A Feeling (12" Single Version)
06. Victims Of Circumstance12. Victims Of Circumstance (Single Version)
07. Inside My Nightmare
Disc Two - Live At Wembley Arena
01. Rebel Woman07. Life Is For Living
02. Waiting For The Right Time08. For Your Love
03. I've Got A Feeling09. Poor Man's Moody Blues
04. Rock'n'Roll Lady10. Child Of The Universe
05. Paraiso Dos Cavalos11. Hymn
06. Victims Of Circumstance

Ja, es gibt - vielmehr gab - durchaus Leute, für die ging es mit Barclay - so sagte man damals: "Barclay" - erst ab Anfang der 80er los. Der Grenzübertritt geschah mit dem Album "Eyes Of The Universe". Ich kann mich noch gut erinnern, wie der Plattenhändler meines Vertrauens sagte: "Früher hat mir Barclay ja nicht so gefallen, aber die Platte ist richtig gut".
Nun, ganz so sah ich es nicht, denn mir hatten "XII", "Gone To Earth" (mit Ausnahme von Hymn weil zu lahm und zu beliebt bei "Pop-Hörern") und vor allem "Octoberon" (mit dem herrlichen Polk Street Rag und Rock'n'Roll Star) durchaus gefallen. Trotzdem muss ich gestehen, dass "Eyes Of The Universe" sich sehr häufig auf meinem Plattenteller drehte. Von diesem sich drehenden Teller waren sicher schon die Fans abgesprungen, die BJH noch als dem Prog-Rock - wenngleich nicht zu extrem - zugehörig kannten und mochten. Mit dem Keyboarder Wolly Wolstenholme verließ aber womöglich der Hauptverantwortliche die Band Ende der 70er. "And then there were three", das lies ja schon im Umfeld von anderen Bands bei manchen Anhängern die Alarmglocken läuten...

Leider - und ich kann's nicht anders sagen - brachen die 80er Jahre herein und der große Hit von "Turn Of The Tide" (welch prophetischer Titel) war Life Is For Living. Rauf und runter dudelte der Plastik-Hit in Charts und Radios und war allgegenwärtig. Und brachte Horden von neuen Fans. Was für die DIRE STRAITS Walk Of Life war, das war für BARCLEY JAMES HARVEST eben Life Is For Living.
So sehr ihnen der Erfolg gegönnt war, war es dennoch fast klar, dass sie diesen Weg der emporschnellenden Tantiemen weiter folgen würden, was zum nächsten Studioalbum "Ring Of Changes" (man kann's auch übertreiben mit den programmatischen Titeln, oder?) führte und damit zum letzten Album, welches ich von der Band kaufte. Ein paar Sprenkel alter Klasse waren noch zu finden, aber letztlich war schon das zu beliebig und glatt.
Das ging ja damals Schlag auf Schlag und fast jedes Jahr erschien ein Album. 1984 dann "Victims Of Circumstance" (jetzt reicht's aber!) und ich fühle mich beim Reinhören in dieses Re-Issue bestätigt. Dem inzwischen vorherrschenden Drang zum chartsgefälligen Pop kam auch noch der Sound der frühen 80er in die Quere. Keyboards waren das beherrschende Instrument und die Gitarristen versuchten meist auch noch wie ihrer Tastenkollegen zu klingen. BJH klingt hier des Öfteren, als wollten sie den BEE GEES Konkurrenz machen - da braucht man sich nur die Einstiegsnummer anzuhören - oder sie versuchten mit Say You'll Stay eine Fortsetzung von Life Is For Living zu erschaffen.
Wenn man Fan der damals vorherrschenden Musik und ihrer Sound ist, dann kommt man mit diesem Album wohl ziemlich gut zurecht, aber ich muss mich da schon durchquälen.

Nichtsdestotrotz ist diese Auflage sehr schön gemacht, hat ein wunderbar gemachtes Digi-Pack-Cover, ein umfangreiches und informatives Booklet und nicht zuletzt eine Bonus-CD mit einem Konzertmitschnitt aus der Londoner Wembley Arena von 1985.
Da bekommt man einen ganz guten Eindruck von der Atmosphäre bei den Konzerten von BJH und kann sich gut vorstellen, dass ein Mainstream-Publikum da richtig Spaß hatte.
Wenn man die verlängerten Keyboard- und Gitarren-Soli als "progressiv" einstufen mag, hat vielleicht auch der Anhänger der 70er Ausgabe von BJH noch ein paar erfreuliche Momente. Bei mir beschränken sich die auf Rock'n'Roll Lady vom "Eyes Of The Universe" Album, da kann ich halt auch nicht aus meiner Haut (leider etwas zu hektisch gespielt), sowie Poor Man's Moody Blues und Child Of The Universe.
Life Is For Living verkommt hier endgültig zur platten Mitklatschnummer und natürlich liegt sich am Schluss alles bei Hymn in den Armen.
Mit einem guten Schuss Nostalgie und/oder als Komplettist kann man mit dieser - ich wiederhol' es gern - wirklich schön gemachten Neuausgabe in den Klängen der Mittachtziger selig schwelgen. Anhänger progressiverer Töne wählen nach wie vor ein früheres Album von "Barclay" aus.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 13.07.2012