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The Incident
Porcupine Tree
The Incident, Roadrunner Records, 2009
Steven WilsonVocals, Guitars, Piano & Keyboards
Richard BarbieriKeyboards & Synthesizers
Colin EdwinBass
Gavin HarrisonDrums & Percussion
Produziert von: Porcupine Tree Länge: 76 Min 32 Sek Medium: Do-CD
CD 1:
01. Occam's Razor08. The Yellow Windows Of The Evening Train
02. The Blind House09. Time Flies
03. Great Expectations10. Degree Zero Of Liberty
04. Kneel And Disconnect11. Octane Twisted
05. Drawing The Line12. The Seance
06. The Incident13. Circle Of Manias
07. Your Unpleasant Family14. I Drive The Hearse
CD 2:
01. Flicker03. Black Dahlia
02. Bonnie The Cat04. Remember Me Lover

Zwei Jahre sind nun seit dem Release des letzten PORCUPINE TREE-Albums "Fear Of A Blank Planet" vergangen. Das ist, zumindest wenn man andere Bands betrachtet, eigentlich ein ganz normaler Rhythmus - ein Jahr wird ein Album produziert, das Jahr danach geht für die dazugehörige Tournee drauf.
Wenn man allerdings sieht, was PORCUPINE TREE-Kopf Steven Wilson in den letzten beiden Jahren alles an Projekten angeschoben hat, dann muss man sich schon wundern, dass wir noch im Jahr 2009 einen neuen Silberling der Engländer genießen dürfen.
So veröffentlichte Wilson in den Jahren 2007 bis 2009 neben den übriggebliebenen Stücken aus den "Fear Of A Blank Planet"-Sessions ("Nil Recurring") auch noch neue Scheiben mit BLACKFIELD und NO MAN, produzierte eine Live-DVD, die 2010 in den Handel kommen soll, remixte die KING CRIMSON-Platten neu und spielte auch noch einmal kurzerhand sein neues Solo-Alben ein. Nebenbei war man auch 1 1/2 Jahre auf Tour, um "Fear Of A Blank Planet" zu promoten.

Die Spannung und Vorfreude bei mir ist immer extrem groß, wenn ein neues PORCUPINE TREE-Album das Licht der Welt erblickt, denn wirklich schlechte Musik haben Wilson & Co bisher mit noch keinem Album abgeliefert.
Auf "The Incident", dem zehnten Longplayer der Band, haben die Stachelschweine nun ein ähnliches Konzept verfolgt wie MARILLION im letzten Jahr mit "Happiness Is The Road". Auf der ersten CD sind 14 thematische zusammenhängende Songs untergebracht, während auf CD 2 die restlichen vier Tracks davon völlig unabhängig und in sich abgeschlossen stehen.

Wer in der Vergangenheit meine Kommentare zu PORCUPINE TREE und ihre Album gelesen oder gehört hat, der weiß, dass diese meist von einer ganzen Handvoll Euphorie begleitet wurden.
Deshalb staunte ich nicht schlecht, als ich nach dem ersten Hördurchgang von "The Incident" gar nicht richtig wusste, was ich von diesem Album zu halten habe. Selbst der zweite Durchgang brachte nicht wirklich Erhellung und auch jetzt gibt es immer noch so etwas wie Verunsicherung in der Bewertung dieses Albums.
Zwar sind PORCUPINE TREE von der ersten Note an wiederzuerkennen, dennoch gibt es gewisse Unterschiede zu früheren Werken, die "The Incident" ein bisschen schwerer verdaulich machen.
Da ist zum einen die Tatsache, dass auf der ersten CD nur sechs der 14 Stücke die traditionelle Songlänge erreichen, der Rest ist 2 1/2 Minuten lang oder kürzer. Einige der kürzeren Tracks, wie z.B. Occam's Razor oder The Yellow Windows Of The Evening Train, haben auch keine traditionellen Songstrukturen sondern sind eher als Intermezzi zu werten, die in erster Linie von Samples, Geräuschen und Soundscapes leben.
Bei einigen Stücken, insbesondere den ruhigen Great Expectations, Kneel And Disconnect und Your Unpleasant Family, hätte ich gerne länger als 90 Sekunden verweilt. Da ist man schon ein bisschen enttäuscht, dass nach einer Strophe, Refrain und Kurzsolo schon wieder Schluss ist.

Auf der anderen Seite ist mir der ansonsten brillante Song Time Flies auf "The Incident" ein wenig zu langgezogen. Die 6 Minuten kürzere Version, die die Band für das Video zusammengeschnitten hat, gefällt mir viel besser, da sie sich auf das Wesentliche konzentriert.
Ansonsten gibt es natürlich eine Reihe guter Songs, von denen ich insbesondere The Incident hervorheben will, denn PORCUPINE TREE haben in jüngster Zeit noch nie so elektronisch geklungen wie auf diesem Track.

Auf CD 2 bieten PORCUPINE TREE schon eher gewohnte Kost, die Songstrukturen schließen sich nahtlos an das an, was man auf "Nil Recurring" zu hören bekam. Während Flicker und Black Dahlia sanft dahin schweben, wird auf Bonnie The Cat deutlich, dass die Studiokatze während der Aufnahmen wohl eher ein kratzbürstiges Verhalten an den Tag legte.

Kommen wir zum Fazit und das ist wirklich schwer für mich.
Prog Rock-Anhänger werden sicherlich frohlocken und in der zum Teil sehr vertrackten Atmosphäre der ersten CD PORCUPINE TREE für sich neu entdecken. Außerdem habe ich subjektiv den Eindruck, dass die Metal-Elemente geringfügig zurückgefahren wurden und statt Stakkato-Riffs eher vermehrt hartes Geschraddel zum Einsatz kommt. Schließlich werde ich auch den Verdacht nicht los, dass dieses Mal noch stärker auf der Gitarre statt auf dem Piano komponiert wurde, denn auch die meisten ruhigen Song basieren eher auf Akustikgitarrenakkorden als auf Tasteninstrumenten.

So sehr der neue progressive Einschlag von PORCUPINE TREE auch zu begrüßen ist, desto trauriger finde ich die Tatsache, das die Band einen ihrer großen Vorteile, nämlich progressive Elemente mit Rock- und Pop-Strukturen zu verbinden, ein wenig abgegeben hat.

Was ich sagen kann - und das ist jetzt wirklich kein platter Spruch - ist, dass "The Incident" mit jedem erneuten Anhören an Qualität gewinnt.
Zumindest finde ich die Platte von Tag zu Tag besser.
Wie das Album von der Fangemeinde in einigen Jahren rückwirkend betrachtet werden wird, bleibt für mich allerdings im Moment völlig ungewiss.
Es kann durchaus sein, dass es irgendwann mal bei der Betrachtung der besten Veröffentlichungen der Band in einem Atemzug mit "In Absentia" genannt werden wird. Vielleicht wird sie aber in einem solchen Ranking irgendwo im Mittelfeld versinken.

Derzeit ist nur klar, dass PORCUPINE TREE es auch im zehnten Anlauf nicht geschafft haben, eine schlechte Platte zu produzieren.

Kay Markschies, (Artikelliste), 31.08.2009

Erst gehörten sie zu den Größten der 90er für mich, dann zu den größten Entäuschungen des neuen Jahrtausends. Porcupine Trees so langweilige wie berechnende Hinwendung an heutzutage gut verkaufende Hart-Klänge bewirkte diese Wandlung bei mir. „In Absentia“ war noch ganz nett, „Deadwing“ fast ein Totalflop“, „Fear of a blank planet“ in Teilen wieder etwas besser, „Nil Recurring“ die EP wieder gar nix. Also ne vorsichtige Annäherung an den neuen Vorfall hier.

Das Titelstück The Incident ist eine 55minütige Suite und nach ein paarmal hören atme ich ganz tief durch. Steven Wilson hat endlich wieder Lust Musik zu machen. Fein auskomponiert in den meisten Teilen, harte Gitarren hier (fast) nur als sinnvolle Ergänzung und nicht als Totschlagsargument weil einem eh nix eingefallen ist. Viele ruhige schwebende Momente, richtig eingängige Ohrwurmteilchen im einen oder anderen Song. Die Magie der Vor-In-Absentia Porcupine Tree ist zwar noch nicht wieder da, aber das hier geht endlich wieder in Richtung Art-Rock und weg vom Heavy Metal mit Art-Anstrich. Geht doch. Das Stück macht Spaß beim ersten Hören und wird Spaß machen beim zwanzigsten Hören, weils einfach ne Menge zu entdecken gibt. Da interessiert mich sogar wieder der Text (den ich bei meiner Rezi nicht zur Verfügung hatte), denn das Stück will man Hören und auch inhaltlich Begreifen. Fein gemacht. Jetzt hie und da nochmal ein kleiner Feinschliff im einen oder anderen Song und Übergang und ihr seid wieder richtig gut. Was mir noch ein wenig fehlt sind ein paar echte Neuerungen in PT’s Musik und ein wenig mehr Raum zum atmen für die meist doch recht kurzen Teile des Titelstücks. So ists kein Wunder, dass mir Part 9 der Suite - die Pink Floyd Hommage Time Flies - mit seinen knapp 12 Minuten das längste Stück auf dem Album, am besten gefällt.

Die vier „Bonus-Stücke“ auf der zweiten CD sind qualitativ in derselben Schiene. Bonnie The Cat z.B. geht gar so zur Hälfte in Richtung RADIOHEAD. Eine nette Ergänzung die sich harmonisch an den Mammut-Track auf CD 1 anpasst.

Also so rundum ein feines Porcupine Tree Werk. Und schon irgendwie witzig, dass ihre Epigonen grade die Brutal-Gitarren auspacken, wo Wilson sie nun so langsam anscheinend am Wegräumen ist. So ist er nun doch den anderen wieder ne Nasenlänge voraus.

Jürgen Gallitz-Duckar, (Artikelliste), 31.08.2009

Eigentlich ist diese Aufgabe schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt: Ein Nachgehakt zur neuen Scheibe von PORCUPINE TREE. Denn die Absicht, hier im Kurzabriss erste, noch nicht so richtig verfestigte Eindrücke zu schildern, wird durch das Konzept von “The Incident“ geradezu unterlaufen. Denn im Mittelpunkt dieser Doppel-CD steht natürlich der in vierzehn Abschnitte unterteilte, 55 Minuten dauernde Titeltrack und dieser setzt eindeutig auf Langzeitwirkung. Denn nur schwer lässt sich auf Anhieb ein roter Faden ausmachen, dient eine abstrakte Reflexion Wilsons über das Thema des Albumtitels, also Ereignisse, die in ein Menschenleben eindringen und es nachhaltig beeinflussen und verändern können, als Aufhänger für ganz unterschiedliche Geschichten, die ebenso unterschiedlich musikalisch umgesetzt worden sind. Mal klingt es nach “Lightbulb Sun“, mal nach “Stupid Dream“ (The Seance), mal schimmern PINK FLOYD (wie im autobiographischen Kernstück Time Flies), ein anderes Mal KING CRIMSON durch (Great Expectations). Es gibt zartbittere, melancholische Momente (Kneel And Disconnect) und dräuende Riffs (The Incident, Octane Twisted). Zwischen britpop-artigem Schönklang (Drawing The Line) und progmetallischem Fauchen (Circle Of Manias) offenbart sich die ganze Klangwelt der Band. Und trotz der nur losen Verknüpfungen wird The Incident erst im Gesamten seine ganze Faszination und Vielschichtigkeit entfalten können und mit jedem Hören in anderen Farben schillern. Zusammengesetzt aus vielen einzelnen Facetten, bei denen glücklicherweise wieder das Songwriting im Mittelpunkt steht, die aber für sich genommen nur kleine, bunte und eher nutzlose Perlen wären, ergibt The Incident als Ganzes ein auf den ersten Blick schwer ergründliches, aber um so faszinierenderes Mosaik. Demgegenüber fällt die zweite CD eigentlich etwas ab und ich hätte es diesmal durchaus verstanden, wären dies darauf enthaltenen vier Songs gesondert als EP erschienen. Man möge mich nicht falsch verstehen: Flicker, Bonnie The Cat, Black Dahlia und Remember Me Love sind gute, zum teil atmosphärische, eingängige, griffige Songs, nach denen sich andere Bands die Finger lecken würden. Im Gesamtkontext von “The Incident“ wirken sie allerdings wie ein Zugabe im gewohnten Format, während The Incident ein in vielen Facetten schillerndes Klangmonument darstellt, an dem man lange seine Freude hat, da man es immer wieder neu erkunden kann.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 31.08.2009

Für Steven Wilsons neuesten Geniestreich braucht man wirklich starke Nerven. "The Incident" gleicht einer Achterbahnfahrt, mit doppeltem Looping versteht sich, immer rasant und aufregend, kaum einmal längere Verschnaufpausen. Die Gesangspassagen, die sich gerne ruhig und besonnen, mitunter sogar zuckersüß geben (immer auch mit Grußadresse Richtung PINK FLOYD und CAMEL) und in der Regel so etwas wie einen Silberstreif am Horizont darstellen, werden, kaum das man es sich gemütlich gemacht hat, von der vehementen Wucht der Instrumentalpassagen auseinander getrümmert. Die Gitarrenriffs kommen tief aus dem verkrusteten Untergrund, sinister und brandgefährlich, und schmettern dich, einer Abrissbirne gleich, zu Boden.
Dieses brutale Wechselspiel birgt seine Reize, kann dich aber auf der Gesamtstrecke von 77 Minuten durchaus ziemlich fertig machen. Man muss sich wappnen, durchhalten bis zum Schluss, dann erlebt man mit "The Incident" eine aufregende Reise durch menschliche Schicksale, die schließlich in Steven Wilsons Kopf zu Musik wurden und von ihm und seiner brillanten und mutigen Band in einem hin und her wogenden Szenario zum Leben erweckt werden.

Frank Ipach, (Artikelliste), 31.08.2009

Was konnte kommen nach dem etwas sperrigen "Fear Of A Blank Planet"? Eine Rückbesinnung auf die sehr sphärischen Anfangstage der Band ist "The Incident" - Gott sei Dank - nicht geworden, aber etwas ruhiger als der teils recht ruppige Vorgänger ist das Werk dennoch. Zudem hat Steve Wilson aber den Band-Sound erneut erweitert. Dieses Mal hat er sich in den Bereich Industrial vorgewagt und Anleihen bei NINE INCH NAILS gezogen. Ähnliches hatte sich ja schon auf Wilsons Solo-Werk “Insurgentes“ angedeutet Und überraschenderweise passt das auch bei seiner Hauptband sehr gut zusammen. "The Incident" ist eine konsequente Fortentwicklung von PORCUPINE TREE. Dabei wird der Zuhörer erneut auf eine spannende musikalische Reise mitgenommen, bei der man nie weiß, was hinter der nächsten Wendung oder an der nächsten Gabelung auf einen wartet. Und gerade deshalb gehört Steven Wilson zu den am höchsten geschätztesten Musikern des modernen Progressive Rock - wie "The Incident" erneut beweist zu Recht.

Marc Langels, (Artikelliste), 31.08.2009