DéJà Vu Live
DéJà Vu Live, Reprise Records, 2008
David CrosbyGuitar, Vocals
Stephen StillsGuitar, Keyboard, Vocals
Graham NashGuitar, Piano, Vocals
Neil YoungGuitar, Piano, Vocals
Rick RosasBass
Chad CromwellDrums
Spooner OldhamKeyboards
Ben KeithPedal Steel
Tom BrayTrumpet
Produziert von: Neil Young and L.A. Johnson Länge: 73 Min 09 Sek Medium: CD
01. What Are Their Names?09. Wooden Ships
02. Living With War-Theme10. Looking For A Leader
03. After The Garden11. For What It's Worth
04. Military Madness12. Living With War
05. Let's Impeach The President13. Roger And Out
06. DéJà Vu14. Find The Coast Of Freedom
07. Shock And Awe15. Teach Your Children
08. Families16. Living With War-Theme

Das CSNY-Banner prangt über diesem Projekt, aber spätestens beim Filmplakat wird klar gemacht, wer die Zügel in der Hand hält: "A Film by Neil Young".
Jetzt ist es zum einen so, dass der lethargische Haufen Crosby, Stills & Nash schon bald nach dem Startschuss, Ende der 60er Jahre, Neil Young dazu bat, um sich selbst etwas Feuer unter dem Hintern zu machen, zum anderen konnte (und kann) der nimmermüde Kanadier, für seinen "Let's impeach the president" Feldzug, kaum bessere, würdigere Partner finden als jene drei Musketiere. Schon vor fast 40 Jahren wurde mit Ohio ein deutlicheres Statement abgegeben, als es die musikalischen Kollegen vermocht haben.
Zusammen waren jene Vier die amerikanische Antwort auf die BEATLES. Die herausragenden Gesangsharmoniespezialisten der Rockmusik. Konkurriert allenfalls noch von den EAGLES.
Allein das Gefüge hielt nie lange zusammen. Trotzdem wurde bereits 1988 das zweite Studioalbum von Crosby, Stills, Nash & Young veröffentlicht. (Spaß muss sein)
Wenn aber Not am Mann ist, und D'Artagnan - respektive NY - zur Schlacht ruft, dann stehen die alten Recken Gitarre bei Fuß.
Vielmehr standen, denn die "Freedom Of Speech" Tour liegt ja schon gut zwei Jahre zurück und mit dem "Hinausjagen aus dem Amt" von George W. wurde es ja leider nix. Dessen (Amts-) Zeit läuft auf natürlichem Wege ab. Aber Neils Film lief dieses Jahr an - bezeichnenderweise war nur er bei der Vorstellung in Berlin anwesend - und so erscheint auch jetzt das zugehörige Live-Album, welches mit seinem Titel nicht nur auf das damalige Debütalbum der Vier verweist, sondern gleich mit dem Chant What Are Their Names (von Crosbys Soloalbum "If I Could Only Remember My Name", 1971) ein Déjà Vu Erlebnis beschert, das einen geistig in die Woodstock-Zeit beamt.

Das instrumentale, überwiegend vom Piano gespielte, Living With War-Theme nimmt dann erst mal die Fahrt heraus (war im Konzert bestimmt mit Bildern illustriert). Pausen zwischen den einzelnen Songs auf Live-Aufnahmen mag ich ja eigentlich nicht so, aber das Konzert nimmt dann langsam wieder Schwung auf, wenn After The Garden den Reigen eröffnet. Das funktioniert auch richtig gut, der Gesang harmoniert und Neils bewährte Band vom "Living With War" Album ist sowieso bestens besetzt.
Graham Nashs Military Madness stammt von seinem 71er Album "Songs For Beginners" und könnte trotzdem kaum aktueller sein: "Military madness is killing my country...". Country'n'Roll galoppiert hier munter dahin, bis Neil seinen Nahbrenner einschaltet und quietschend dazwischen fährt. Arc!
Aber dann geht's zur Sache: Wie auf dem Album bläst Tom Bray zur Attacke und vier Stimmen für ein Halleluja fordern lautstark: Let's Impeach The President!
Damit haben sie bei weitem nicht nur Freunde gefunden. Ich hab' schon Ausschnitte aus dem Film gesehen und enttäuscht den Konzertsaal verlassende "Fans" waren noch die gesitteteren. Auch hier kann man manchen Zwischenruf ausmachen.
Da kommt es dem Publikum doch mehr entgegen, wenn man sich auf den weltmusikalischen Trip von Déjà Vu begeben kann. Der Song hat ebenfalls noch seine Magie und kommt, trotz geringer gesanglicher Mankos live richtig gut. Wozu das Gitarrenspiel, besonders von Stills und Young, viel beiträgt.
Letzterer ist natürlich am meisten in seinem Element, wenn er seine, damals, aktuellen Songs präsentieren kann. Shock And Awe hat eine neue Qualität, scheint noch ärgerlicher dahin zu marschieren. Getragen von den Stimmen dieser außergewöhnlichen Herren. Klasse der Kontrast zwischen Brays Trompete und Youngs verzerrt heulender Gitarre.
Auch Families scheint es irgendwie eilig zu haben. Also an Enthusiasmus hat's den Jungs nicht gemangelt. Wer gedacht hat, Crosby, Stills und Nash haben ihrem Kumpel nur ein bisschen ausgeholfen, der irrt: die waren wirklich engagiert dabei!

Die Nostalgiker blieben nicht außen vor und wurden, neben Songs, auch mit Ansagen versorgt: "Don't eat the brown acid!". Wooden Ship hakt hier und da mal, aber die Art wie dieser Klassiker präsentiert wird, reißt spätestens nach dem Solo-Break doch mit. Ich freu mich wirklich schon auf den Film!
Wie gehabt, haben die Songs von "Living With War" mehr Drive. Da steckt wirklich eine Frische und ein Schwung dahinter, den ich so wirklich nicht erwartet hätte. Klasse, wie Looking For A Leader losgeht und dann natürlich noch - angesichts der möglichen Wahl von Barack Obama - mit der prophetischen Zeile: "Maybe it's a woman, or a black man after all".
Schade, dass dann wieder so eine (Lehr-) Pause eintritt. Aber erfolgt natürlich auch ein gewaltiger Zeitsprung, hin zu Buffalo Springfields For What It's Worth. Stephen Stills macht das Beste aus seinem Gesang und beim Refrain ist man einfach etwas heftiger dabei und kann damit ganz gut leben. Beim Solopart dürfen sich Stills und Young dann wieder "bekriegen". Living With War ist vom Thema (auch dem musikalischen) geeignet, einen recht betrübt zu stimmen, und die immer wiederkehrende Zeile "try to remember peace" baut einen auch nicht sonderlich auf und trotzdem schwingt in dem Song so viel Hoffnung - gerade in dieser Version - mit, dass man noch den Blick nach vorne richten kann.
Natürlich erreichen die Stimmen nicht mehr die Sphären wie vor 40 Jahren, aber diese gewisse Magie kriegen sie immer noch beeindruckend hin. Das wird deutlich bei Find The Cost Of Freedom. Da kratzt es zum Teil in den Hälsen und fast zu vorsichtig tasten sie sich an den Gesang und trotzdem stellt sich da das ein oder andere Haar auf.
Der Rest kommt bei Teach Your Children problemlos hinterher. Schon Ben Keith' Lap Steel ist ein Genuss für sich.
Klingt das beschließende Living With War-Theme erleichterter? Hoffnungsvoller? Es scheint und doch bleibt man nachdenklich zurück. Wird auch so gedacht sein.
Das Album ist für mich jedenfalls ein unverzichtbares historisches Dokument. Und wer alle tiefgründigen Gedanken weglässt, hat immer noch ein zu 90% gut klingendes und tolles Live-Album, wie man sie nicht so oft mehr bekommt.
Äußerst schade finde ich nur, dass man da nicht mindestens ein Doppel-Album draus gemacht hat. Neben weiteren Songs von "Living With War" wurden da nämlich noch Songs wie Love The One Your With, Our House, Chicago oder Only Love Can Break Your Heart und viele mehr, gespielt. Na ja, vielleicht kommt's ja noch.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 27.07.2008