Guitars & Feathers
Guitars & Feathers, Ruf Records, 2008
Candye KaneVocals
Deborah ColemanVocals, Guitar
Dani WildeVocals, Guitar
Govert van der KolmKeyboards
Denis PalatinDrums
Michael GriotBass
Laura ChaverzGuitar
Produziert von: Paul Shuurman Länge: ca. 80 Min 00 Sek Medium: DVD
01. Won't Leave10. Toughest Girl Alive
02. Bring Your Loving Home11. Bad Boy
03. Heal My Blues12. I Got To Know
04. Come Undone13. Fight
05. I Love You More Than I Hate Myself14. Jesus Just Left Chicago
06. You Need A Great Big Woman15. Somethings Got A Hold On Me
07. My Country Man16. Whole Lotta Love
08. I'm Lucky17. Rocking On The Blues Caravan
09. Crazy Little Thing

Zum Glück hat man im Hause Ruf ein Herz für Leute wie mich, die wieder mal eine Blues Caravan Tour verpasst haben. Dass das aber auch immer im Januar sein muss, wo die Wetterverhältnisse in meinem heimatlichen Spessart so kritisch sind. Na ja, verpasst ist nicht verloren, denn es gibt wieder - wie schon von der 2006er "The New Generation" Blues Caravan Tour - eine DVD von dieser Tour. Aufgenommen am 27. Januar 2008 in der Bonner Harmonie.
Diesmal waren wieder die Mädels an der Reihe: Candye Kane, Deborah Coleman und - als eines der jüngsten "Pferdchen" im Ruf_Stall - Dani Wilde.
"Guitars & Feathers" ist der Untertitel der Tour gewesen, womit an Candyes letztes Album, "Guitar'd And Featherd" erinnert wird. Sie ist auch, zweifellos, das Zugpferd, das Schlachtross dieser Veranstaltung. Obwohl sie als Einzige kein Instrument spielt. Sie steht immer im Mittelpunkt, sobald sie 'on stage' ist.
Die Drei beginnen den Set zusammen mit Won't Leave. Nichtsdestotrotz verlassen dann Candye und Deborah die Bühne und überlassen sie Dani Wilde. Da hat man doch ein richtiges Talent entdeckt. Wie die Engländerin vor Energie sprüht, ist beeindruckend. Und bereits bei ihrem Bring Your Loving Home, vom Debütalbum "Heal My Blues, wird teilweise ganz schon hingelangt. Hier fällt zum einen Danis Spieltechnik auf: ohne Plektrum und die Saiten mit dem Zeigefinger, in Tipp-Kick-Manier, anschlagend, zum anderen die Gitarristin der Band: Laura Chavez (ist auf der Hülle falsch geschrieben!). Die ist sonst u.a. mit der LARA PRICE BAND unterwegs und macht hier einen richtig tollen Eindruck. Wie die zwischen Lead- und Rhythmusgitarre wechselt und dabei immer für Schub sorgt, erinnert mich direkt an den früheren DR. FEELGOOD-Gitarristen Wilko Johnson. Da wünscht man sich beizeiten längere Soli von der blutjungen Dame. Aber der Abend ist ja noch lang.

Dani Wilde ist jedenfalls eine Bluesbesessene und kniet sich in jeden Song richtig rein. I Love You More Than I Hate Myself klingt stark nach I Can't Quit You, Baby und erreicht dessen Intensität. Dani bringt die Story so stark rüber, als hätte sie das erst letzte Nacht erlebt.
Erleben muss man Candye Kane eigentlich live, direkt vor Ort. Aber es hilft nix und wenn die Diva die Bühne betritt, kommt eine geballte Ladung Spaß hinterher. Wenn sie den Leuten mit dem swingenden R&B klar macht: You Need A Great Big Woman, dann spart sie, gegen Ende, auch nicht mit einem Ratschlag für die dünneren Besucher ("skinny people"): "Have some Schnitzel!"
Wieder ist es Laura Chavez, die hier mit einem Solo aufhorchen lässt, welches auch Candye ein Lächeln entlockt. Einen kindlichen Charme hat sich Candye sowieso bewahrt, aber auch ein raueres Country-Girl kann sie sein, welches - immer noch locker swingend - einen Song für My Country Man bereit hat.
Flotter geht's mit der Up-Beat Nummer Crazy Little Thing zur Sache, bei dem sich Mrs. Kane einige spitze Schreie aus der Kehle presst. Die Band agiert im Hintergrund, ist aber immer da, wenn es sein muss. Govert van der Kolm am Keyboard streut einige flinke Soli, oder füllt mit einem Orgelteppich. An der Schießbude sitzt mit Denis Palatin ein Kohlenschaufler, der schon einen Großteil der Künstler bei Ruf Records mit dem richtigen Beat in den A... getreten hat.
Hiernach hat es die eher etwas spröde Deborah Coleman doch schwierig. Hat man sich nach einem Song aber an sie gewöhnt, lässt ihre Ausstrahlung doch am Ball bleiben. Sie orientiert sich deutlicher am Blues und R&B, spielt traditioneller, kann letztlich damit auch überzeugen. Wenngleich mehr Stimmung ist, wenn sie Gesellschaft hat. Wie beim ZZ TOP-Cover Jesus Just Left Chicago. Dani Wilde ist hier führende Sängerin, aber beim Solo ist wieder Laura Chavez im Rampenlicht und bekommt auch den verdienten Szenenapplaus vom Publikum. Der Song ist insgesamt nicht ganz so fetzig wie bei den drei Texanern.
Fetzen tut es, wenn die dreifache Frauen-Power sich Candyes Song Something's Got A Hold On Me - vom 'must have' Album Whole Lotta Love - annimmt. Der Song ist so schon gut, aber wenn sie die Ladies die Gesangsparts zuschieben, jeweils die anderen beiden den Backgroundchor übernehmen, dann ist Spaß pur und ohne Ende angesagt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wünscht man sich die DVD auch als Audio (Doppel-?) Album.

An Willie Dixons Vorlage orientiert sich Whole Lotta Love und hier steigert sich vor allem Dani Wilde gesanglich dermaßen rein, dass Candye ebenso begeistert wie erfreut grinst. Deborah Coleman übernimmt den ruhigeren Gitarrenmittelpart, was ihr auch mehr liegt.
Als man sich mit der Version zufriedengeben will, legt die Band - und in dem Fall natürlich besonders Mrs. Chavez - unvermittelt noch mal mit einer bei LED ZEPPELIN angelehnten Fassung los.
Für die letzten beiden Nummern (1 Bonus-Song) grooven sich die Damen, und das Publikum, noch mal gemeinschaftlich auf der Bühne ein, blödeln etwas hin und her, ergänzen sich prächtigst und freuen sich einfach. So wie die Leute im Saal, die sicher mehr als die 80 Minuten dieser DVD geboten bekommen haben. Aber das passt so. Hier entstehen keinen Längen, man kann sich die Aufnahmen am Stück reinziehen, es klingt prima und einzig die Wehmut, nicht selbst dabei gewesen zu sein, überkommt einen hier und da.
Tja, Konzerte erlebt man nur live wirklich gut, aber wenn man sich so etwas danach noch auf DVD in Erinnerung holen kann: bestens! Ansonsten freut man sich an dem, was man hier bekommt und nimmt sich vor, nächstes Jahr dabei zu sein. Wenn er hoffentlich wieder rollt: der Blues Caravan!

Epi Schmidt, (Artikelliste), 24.07.2008