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Zenith
Atmosfear
Zenith, SPV, 2010
Oliver WulffGesang
Boris StrepanowGitarre
Burkhart HeberleBass
Stephan KruseKeyboards
Tim SchnabelSchlagzeug
Produziert von: Atmosfear Länge: 65 Min 10 Sek Medium: CD
01. Beginning04. Reawakening
02. Loss Of Hope05. Scum Of Society
03. Generations06. Spiral Of Pain

Es ist stellenweise eine schwere Aufgabe, den Überblick zu behalten bei all den Bands, die jeden Monat ihre Alben auf den Markt werfen und hoffen, dass das, woran sie so lange und mit viel Herzblut und Leidenschaft gearbeitet haben auf wohlwollende Ohren trifft. Und es kann dabei leicht passieren, dass einem trotz intensiver Beschäftigung mit einem Sujet, die eine oder andere Band entgeht.

Aber nur in wenigen Fällen wäre das so ein herber Verlust wie bei ATMOSFEAR, ganz speziell im Bezug auf ihr aktuelles Werk “Zenith“. Denn damit stellen die Hamburger mal ganz locker so gut wie alle deutschen (mit Ausnahme vielleicht von VANDEN PLAS) und die meisten europäischen Prog-Metal-Bands locker in den Schatten. Selten habe ich ein Album gehört, das so viele Einflüsse zu einem stimmigen und stets eigenständigen Ganzen zusammenfügt.

ATMOSFEAR sind immerhin schon seit 1996 aktiv und hatten zuvor zwei Alben (die EP “AtmOsfear“ (1997) und “Inside The Atmosphere“ (2003)) veröffentlicht. Zudem haben sie schon die Bühnen mit Bands wie VANDEN PLAS, PAIN OF SALVATION, EVERGREY oder POVERTY’S NO CRIME geteilt. Und all diese Bands haben auch teilweise hörbaren Einfluss auf die Musik von ATMOSFEAR gehabt.

Einen starken Trumpf haben ATMOSFEAR mit Sänger Oliver Wulff an Bord, der von den gefühlvollen Passagen über die „verrückten“ Spoken-Word-Parts eines Mike Patton (FAITH NO MORE, FANTOMAS) Parts bis hin zu Death-Metal-artigen Growls eine immense Bandbreite abdeckt und der Band so zahlreiche musikalische Möglichkeiten eröffnet. Und auf diese Möglichkeit lassen sich die anderen Musiker mit hörbarer Freude ein. Die Band legt vom eher Riff-betonten Prog-Songs à la PAIN OF SALVATION über interessante Aufbauten im Stile von FATES WARNING, Abgedrehtes wie sonst nur von FAITH NO MORE gewohnt bis hin zu ausufernden Instrumental-Teilen der Marke DREAM THEATER eine erstaunliche Vielfalt an den Tag und überzeugt dabei in jeder Hinsicht.

Dabei mag das Erstaunlichste das hochqualitative Songwriting sein, denn wie oft kann man Prog-Metal wirklich gut mitsingen? Das ist doch eher eine erstrebenswerte Ausnahme, dass zwischen Riff-Kanonaden, verspielten Bass-Läufen, sphärischen Keyboards und treibenden Rhythmen auch noch immer ein roter Faden erkennbar ist, dem sicherlich auch Nicht-Proggies folgen können. Dabei wirken manche Vokalmelodien schon fast popig, aber das sei ausnahmsweise aus meinem Mund mal als Kompliment zu verstehen. Und auch die Musik macht es dem Hörer leicht, ihr zu folgen. Denn wo andere Bands die Rhythmen, Akkorde, Riffs und Stimmungen fast im Sekundentakt wechseln, bis dem Hörer schwindlig wird, dort lassen ATMOSFEAR Zeit, um sich auf die Stimmungen der Songs „einzugrooven“. Erst wenn der Hörer wirklich „im Stück drin ist“ bekommt er etwas Neues serviert.

Denn man kann sich im Prog-Metal schon manchmal blenden lassen, von individuellen Fähigkeiten, die aber gerade in diesem Bereich ganz häufig zu reinem Selbstzweck verkommen und nur der Selbstdarstellung des einzelnen Musikers dienen. Dies ist bei ATMOSFEAR zum Glück nie der Fall. Sicher, es gibt auch hier Soli, die herausstechen, wie zum Beispiel das Gitarren-Solo bei Generations, aber das liegt mehr daran, dass es nach den düsteren Klängen zuvor, auftaucht wie ein Lichtstrahl in dunkelster Nacht. Dabei erinnert Boris Strepanow mit seiner melodiösen Art eher an Steve Rothery (MARILLION) als an einen Flitzefinger wie John Petrucci (DREAM THEATER).

Aber auch die anderen Musiker tragen selbstverständlich dazu bei, dass “Zenith“ ein rundum gelungenes Prog-Werk geworden ist. Der stellenweise fast schon tänzelnde und immer aktive Bass von Burkhart Heberle harmonisiert sehr gut mit dem abwechslungsreichen und nie zu dick aufgetragenen Drumming von Tim Schnabel. Er erliegt nicht der Versuchung wie Mike Portnoy von DREAM THEATER immer nur Metal-Drummer zu sein, sondern eben auch mal etwas sanfter zu Werke zu gehen. Keyboarder Stephan Kruse hält sich zwar überwiegend im Hintergrund, aber das bedeutet nicht, dass er untätig wäre. Mit vielen verschiedenen Sounds sorgt er für zusätzliche Atmosphären in den Stücken.

Nach den 65 Minuten puren Hörvergnügens werden natürlich die Longtracks das Erinnerungsvermögen dominieren. Und das auch zu Recht, denn Generations, Scum Of Society und das knapp 30-minütige Spiral Of Pain sind Monolithen musikalischer Kunstfertigkeiten – fein zurechtgeschliffen in allen Ecken und Winkeln, aber erhaben wie ein Fels in der Brandung, an dem der kleingeistige Zeitgeist des Musikgeschmacks abperlt. Aber man sollte nicht den Fehler machen, die beiden kürzeren Stücke Loss Of Hope und Reawakening zu übersehen. Denn gerade in diesen eher etwas einfacher gehaltenen Stücken schöpft der Hörer wieder die Kraft und Konzentration für den nächsten anstehenden Berg – fast wie bei der Tour de France.

ATMOSFEAR ist mit “Zenith“ ein Meisterwerk gelungen – häufig pflegt man noch das Wörtchen klein einzufügen, aber das wäre hier vollkommen unangebracht. Mit ihrer Musik schlagen sie einen weiten Bogen und laden somit viele verschiedene Interessenten dazu ein, sich am “Zenith“ zu ergötze. Anschließend können aber wohl die meisten Prog-Fans nicht mehr genug von der zu bekommen, die ihnen der Blick vom Zenith bietet. Viel besser kann Prog-Metal kaum mehr sein. Bleibt nur zu hoffen, dass wir nicht wieder sechs Jahre auf das nächste ATMOSFEAR-Werk warten müssen.

Marc Langels, (Artikelliste), 25.07.2010