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CoraZong Records
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CMM
Havana
Jocco Abendroth
Havana, CoraZong Records, 2004
Jocco Abendroth Vocals & Guitar
Muli MüllerGuitar & Backing Vocals
Joe VölkerKeyboards
Toby FührmannKeyboards & Samples
Urban BayerPiano & Trombone
Anselm Wild & Mark NgankonaDrums
Marc Collazo, Gerd Radecke & Heiko HimmighofenPercussion
Ivan Sant IvesTrumpet & Cornet
Christian FelkeSaxophone
Viola EngelbrechtTrombone
Victoria RaschkovaCello
Smiling Shark, Chantal Hartmann, Annete Markwart, Geraldine Becker, Ingrid Welser, Linda Rocco & Ralf HammBacking Vocals
Produziert von: Sebastian Leitner & Jocco Abendroth Länge: 56 Min 42 Sek Medium: CD
1. Aggayu8. Baillarina
2. China9. Panama
3. Zeitpiraten10. Dich nur für mich
4. Spring11. 1000 Tage
5. Es wird Nacht12. Mach dein Licht an
6. Havana13. Staub
7. Was ist passiert

Wim Wenders ist schuld. Oder Ry Cooder. Oder beide. Seit Buena Vista Social Club im Jahre 1996 zum absoluten Verkaufsschlager wurde und sich sowohl der Börsenmakler als auch die Grundschullehrerin, der Schadenssachbearbeiter der Kfz-Versicherung und die Fleischfachverkäuferin die CDs und DVDs über die Musik der Fidel-Castro-Insel in die Regale stellten, muss jeder seinen eigenen Beitrag zur kulturellen Ausbeutung des Zigarrenparadieses leisten. Früher hat man wenigstens nur Urlaubsdias geschossen, das war zwar genauso grausam, blieb aber eine Quälerei der Freunde und Verwandten im privaten Bereich.
Bei Jocco Abendroth liegt das anders. Schon seit 1991 bereist er das Eiland und irgendwann, vermutlich nach dem achten Cuba Libre, reifte die Idee, seiner eigentlich schon seit den achtziger Jahren relativ brachliegenden Musikerkarriere einen neuen Kick zu geben und seine Impressionen von Land und Leuten oder so ähnlich zu vertonen.
Was dabei herausgekommen ist und nun beim niederländischen Label Cora Zong veröffentlicht wurde, ist jedoch so seicht wie das Nichtschwimmerbecken in einem Ferienclub auf der Touristenverklappungsinsel Varadero und so rein wie ein verwässerter Batida. Rockfans brauchen hier sowieso nicht mehr weiterlesen, denn wer das hier für (Deutsch-)Rock hält, für den ist Klaus Lage wahrscheinlich Heavy Metal. Zu triefigen Poparrangements wird ab und zu ein bißchen Salsa in Form von Bläsersätzen gekippt, die man wohl für hochkubanisch und rhythmisch aufregend hält. Tatsächlich würde zu dieser Musik vielleicht gerade noch ein rheumakranker 90 jähriger Kubaner mit künstlicher Hüfte tanzen (obwohl man mit 90 jährigen Kubanern auch vorsichtig sein muss, wenn man sieht was Compay Segundo musikalisch auf die Bretter gelegt hat).

Aber der Reihe nach: Aggayu fängt in der Strophe eigentlich noch ganz brauchbar an, der Refrain ist aber traniger Ethno-Mief, wie sich Lieschen Müller beim Blättern im Neckermann-Katalog Kuba und dessen Musik wohl vorstellt.
China fällt unter die Rubrik schmutzige Fantasien alternder Männer ("wie ein schwarzer Schmetterling kommst Du in der Nacht"), Zeitpiraten ist textlich ziemlich kryptisch: "dann sind wir Zeitpiraten auf dem großen Meer der Zeit, und keine Zinnsoldaten, nicht für jeden Fall bereit". Ah ja, doch ganz schön stark das Kraut auf Kuba.
Spring ist dann schmutzige Fantasien alternder Männer, Teil 2 ("Mach dich endlich frei, mach dich endlich für mich auf").
Es Wird Nacht ist musikalisch als zahmer Ethno-Pop noch ganz erträglich, aber textlich irgendwie überholt: "Ich sitze hier und warte auf Dich und das neue Jahrtausend". Jocco, da bin ich wirklich skeptisch, ob Du das noch erleben wirst. Das Titelstück Havana ("ich liebe dich, deine schwarzen Augen sind so schön") ist leider wirklich ziemlich kitschig.

Was ist passiert ist einfach nur Schlager für das ARD-Nachtprogramm im Radio. Das nachfolgende Baillarina ist Teil 3 der schmutzigen Fantasien alternder Männer, während mit Panama wohl die Generation Janosch angesprochen werden soll. Ich hasse Tigerenten!!
Das relativ lahme Dich nur für mich will wenigstens nichts mit Kuba zu tun haben, 1000 Tage ist belangloser midtempo Pop. Wer auf Deutschrockpop der Marke Matthias Reim steht, kann mit Mach dein Licht an vielleicht was anfangen, mit Staub plätschert dieses Album aus.
[Musste dieser Seitenhieb auf mich und meinen alten Kumpel Matze wirklich sein, Herr S.? Fred, betroffen]

Musikalisch hüftsteif und voller Klischees, textlich oft über der Schmerzgrenze (einzig richtige Entscheidung beim Layout, die teilweisen Peinlichkeiten nicht abzudrucken). Auf dem Cover sieht Jocco Abendroth wie ein nachdenklicher Mitdreißiger-Aussteiger aus, das Bild auf der Rückseite wirkt authentischer: ein angegrauter, in jeder Hinsicht gesättigter Kettchenträger mit goldumrandeter Sonnenbrille, wie ein Pauschaltourist mit etwas zweifelhafter Vita.
Eine Scheibe, die die Welt nicht braucht.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 01.11.2004