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Cantus Buranus
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Cantus Buranus
Corvus Corax
Cantus Buranus, Roadrunner Records, 2005
Wim Dudelsack, Drehleier, Schalmei, Zink
Castus Rabensang Saiteninstrumente, Flöte, Horn, Zink, Bombarde, Cister, Binjou, Drummscheid, Gesang, Dudelsack
Harmann der Drescher Trommeln, Pauke
Teufel Dudelsack, Schalmei, Drehleier, Gesang
Hatz Trommeln, Pauke
Meister Selbfried Dudelsack, Schalmei, Bombarde, Zink
Ardor vom Venushügel Dudelsack, Schalmei, Drummscheid
Patrick der Kalauer Trommeln
Jörg Iwer Dirigent
Syrah Gesang
Sven Friedrich Gesang
Wieke Garcia Harfe
Frau Schmitt Violine
B.Broiler Violine
Brandan Dudelsack
Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Cottbus Orchester
Opernchor des Staatstheaters Cottbus Chorgesang
Vocalensemble Psalteria Gesang
Chor Ivan Pl. Zajc Gesang
Produziert von: Corvus Corax Länge: 55 Min 49 Sek Medium: CD
1. Fortuna7. Venus
2. Florent Omnes8. O Langueo
3. Dulcissima9. Curritur
4. Lingua Mendax10. Hymnus Cantica
5. Nummus11. Rustica Puella
6. Sol Solo12. Ergo Bibamus

Nur wenig ist überliefert von der Musik des Mittelalters (daher rührt im Übrigen auch der Begriff des "dunklen Mittelalters", da es nur wenige aussagekräftige Quellen gibt). Allenfalls überliefert sind kirchliches Liedgut wie gregorianische Chöre, die aber CORVUS CORAX nicht interessieren. Denn die selbsternannten Könige der Spielleute haben schon immer die Musik der fahrenden Gesellen für das Volk auf der Strasse gemacht, derb, laut, direkt und vor allem tanzbar.

Zum Glück gibt es eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert, beheimatet in der Abtei zu Benediktbeuren, daher der Name "Carmina Burana", die eine Sammlung deutscher Volks- und Tanzlieder und lateinischer, meist studentischer Vagantenlieder der damaligen Zeit beinhaltet. Unterteilt in "cantiones profanae" und "cantiones clericorum", also weltliche und geistliche Gesänge. Es ist klar, welcher Teil nur für CORVUS CORAX in Frage kommen konnte.
Allerdings sind nur zu den wenigsten Texten Melodien in so genannten "Neumen", einer einfachen Frühform der heutigen Notenschrift, die im wesentlichen nur anzeigt, wie ungefähr die Melodie verläuft, aufgezeichnet. Also gab es für CORVUS CORAX nur die eine, radikale Möglichkeit: eine komplette Neuvertonung eines kleinen Teils des überlieferten Textmaterials. Dabei kommt den Berlinern ihre jahrelange Erfahrung und Feldarbeit mit mittelalterlicher Musik natürlich zugute, aber gleichzeitig betrat man hier auch neues, um nicht zu sagen ziemlich glattes Terrain.
Denn während sich z.B. Carl Orff in seiner berühmten Vertonung um die Wiederbelebung des szenischen Liederspiels bemühte und dazu geradezu simplifiziert wirkende diatonische Musik schrieb, die von formelhaften Wiederholungen in Melodien und Rhythmik und dem fast durchgängigen Beibehalten einer Tonart (D-Moll) geprägt ist, sind CORVUS CORAX bei ihrer sinfonischen Neubearbeitung im wahrsten Sinne des Wortes in die Vollen und aufs Ganze gegangen.

Ohnehin schon mit einem beachtlichen Klangvolumen ausgestattet, fügten die sieben Musiker noch ein komplettes Symphonieorchester, einen Orchesterchor sowie zwei mehrköpfige Gesangsensemble mit ein. Da war natürlich erst einmal eine ganz neue, andersartige kompositorische Leistung gefragt, als bei den bisherigen CORVUS CORAX-Werken - nämlich Partituren schreiben. Mit dem äußerst renommierten, dazu neuen Projekten stets aufgeschlossenen und im übrigen auch mit Carmina-Burana-Erfahrung versehenen Dirigenten Jörg Iwer (der nicht nur die Orffsche Fassung schon dirigiert hat, sondern auch selbst einmal eine Neuvertonung vorgenommen hat), fanden CORVUS CORAX diesbezüglich eine helfende Hand und somit die Idealbesetzung für die musikalische Leitung.

Schon bei der Generalprobe im Cottbuser Staatstheater konnte man erahnen, dass hier wahrhaft Grosses am Entstehen ist. Und nach dem jetzt vorliegenden Endprodukt kann man sagen, dass die Erwartungen noch übertroffen worden sind. CORVUS CORAX gelingt hier perfekt die Verschmelzung von Kopf und Bauch mit einer anspruchsvollen, großorchestralen Tondichtung, die gleichzeitig aufgrund der starken rhythmischen Prägung und der kraftvollen Melodik derart mitreißend ist, dass man den zu erwartenden Aufführungen schon jetzt einen triumphalen Erfolg prophezeien kann.
CORVUS CORAX gelingt dabei auch das Kunststück, getreu ihrem kulturhistorischen Anliegen, die Musik des Volkes in die oftmals in Traditionen verhaftete, leicht museale Welt der konzertanten klassischen Musik zu transponieren und ein organisch funktionierendes Gesamtkunstwerk aus Tradition und Moderne zu schaffen. Denn selbstverständlich war die mittelalterliche Musik nicht derartig opulent arrangiert und solchermaßen bombastisch orchestriert. Aber dennoch wirkt hier nichts überhöht oder künstlich, es fügt sich alles auf das Erstaunlichste zusammen.

Aus den zwölf einzelnen Stücken eines hervorzuheben, verbietet sich eigentlich, wirken sie doch, entsprechend dem sinfonischen Ansatz, erst in ihrer Gesamtheit in einzigartiger Pracht: das majestätische Fortuna, das explosive Dulcissima, bei dem im Chor afrikanische Einflüsse mitdurchschimmern, das geheimnisvolle Lingua Mendax, das beschwingte Venus oder das getragene, in der Tradition großartiger Opernschlusschöre stehende Ergo Bibiamus - sie alle fügen sich zu einem faszinierenden, schon jetzt zeitlos zu nennenden Kaleidoskop sinfonischer Tonkunst zusammen.
Irgendwo im Ansatz erinnernd an britische Komponisten wie Elgar oder Holst, mit dem Mut zur Opulenz und dem allgemein dort vorherrschenden Musikverständnis, wo keine strikte und unsinnige Trennung zwischen E-Musik und U-Musik wie sie in Deutschland stattfindet, sondern man klassische Musik populär und verständlich machen will, statt sich im Elfenbeinturm zu verkriechen. Dort spielt ein sinfonisches Orchester ganz selbstverständlich auch einmal Filmmusiken eines Morricone oder Sachen von Lloyd Webber, ohne dass ein Zacken aus der Krone bricht.

CORVUS CORAX haben mit diesem musikalischen Mammutprojekt viel gewagt und alles gewonnen. Und vielleicht sogar einen wesentlichen Beitrag zur Annäherung verschiedener musikalischer Welten in Deutschland geleistet und dabei unter Bewahrung und Neubelebung traditioneller Musik gleichzeitig einen Schritt in die Zukunft getan.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 15.07.2005