Ringside
Cold Chisel
Ringside, Warner Music Australia, 2003
Jimmy Barnes Lead Vocals
Ian Moss Guitar, Vocals
Don Walker Keyboards, Vocals
Steve Prestwich Drums, Vocals, Guitar
Phil Small Bass, Vocals
Gäste:
Dave Blight Harmonica
Andy Bickers Saxophone
Aufgenommen im Hordern Pavilion, Sydney, 03.-07.06.2003 Länge: 138 Min 15 Sek Medium: Do-CD
CD 1:
1. Home And Broken Hearted9. Fallen Angel
2. The Things I Love In You10. Shipping Steel
3. Cheap Wine11. The Last Wave Of Summer
4. Rosaline12. Pretty Little Thing
5. Breakfast At Sweethearts13. Merry Go Round
6. My Baby14. Forever Now
7. Houndog15. Khe Sanh
8. Plaza
CD 2:
1. Cry Me A River10. Rising Sun
2. Four Walls11. Flame Trees
3. Lovelight12. Bow River
4. When The War Is Over13. Water Into Wine
5. All I Wanna Do14. F-111
6. Big River15. Sunshine
7. Painted Doll16. Goodbye
8. Saturday NightBonus-Track:
9. You Got Nothing I Want17. All I Wanna Do (Jimmy Vocal)

Von Zeit zu Zeit finden sie halt doch wieder mal zusammen, die Herren von COLD CHISEL.
Hierzulande (wie in den meisten Ländern) nach wie vor ein Insider-Tipp, sind sie zuhause in Australien seit Jahrzehnten längst Helden, die AC/DC, was Kult angeht, gewaltig im Nacken sitzen. Es gibt, gerade "Down Under", genügend Leute, die das auch umgekehrt sehen.
Gemein haben die beiden Bands Sänger mit schottischer Abstammung und langsam komme ich zu der Überzeugung, dass diese "abartigen" Organe nicht vom Whisky herrühren, den gibt's seit Jahr und Tag schließlich auch woanders, sondern vom Essen! Hat schon mal jemand das schottische Nationalgericht probiert? Da muss man ja bereits als Kind Schreikrämpfe entwickeln und entsprechend ausgebildet sind halt dann auch die Stimmen. So viel zur Ethnologie.

Im letzten Sommer fanden sich COLD CHISEL in Originalbesetzung für vier Nächte in Sydney ein, um "Ringside" mit jeder Menge alter Klassiker, einige davon erstmals auf einem Live-Album, aufzunehmen.
Mit Home And Broken Hearted geht's rockig los, Jimmy Barnes zeigt schon jetzt, dass er bei bester Stimme ist und auch ohne Mikrofon bis nach Melbourne gehört werden konnte. Stammt natürlich vom 78er Debut und liefert für die Fans den optimalen Einstieg.
Mit dem zweiten Song werden weitere Vorteile von COLD CHISEL gegenüber Jimmy Barnes als Solo-Act deutlich: Zum einen singen hier wirklich fünf Leute, die sich teilweise perfekt ergänzen, und zum anderen ist die musikalische Bandbreite hier um etliches größer.
Das Reggae-angehauchte Cheap Wine kennt natürlich jeder Australier über 35 und entsprechend ist der Chor aus dem Publikum. Nicht dass sie eine Chance gegen diese stimmliche Kettensäge namens Barnes hätten...
Auch Rosaline stammt vom Debut-Album und für dieses jazzige Stück, mit Gast-Saxophonist, übernimmt Ian Moss den Lead-Gesang.
Wieder ein Reggae und weiterer Klassiker folgt mit Breakfast At Sweethearts, und entsprechend steht das Publikum wieder wie ein Mann. Geschrieben wurde die Nummer, wie der Großteil der CHISEL-Songs von Keyboarder Don Walker, der hier allerdings von den gitarristischen Fähigkeiten Ian Moss' etwas "untergebuttert" wird. Jener Ian Moss zeigt auf diesem Album sowieso einmal mehr, dass er als Gitarrist viel zu unterschätzt ist. Was der in so vielen verschiedenen Stilen drauf hat, und zwar egal bei was, muss erst mal einer nachmachen!

Oh Gott, ich geb's gleich auf... Mit My Baby hängt der nächste Hit (einer ihrer größten überhaupt!) schon hintendran. Vom Meisterwerk "East" (1980) und von Bassist Phil Small verfasst, ist es leider sein einziger kompletter Song geblieben. Immerhin, so einen Klasse-Popsong hätten POLICE wahrscheinlich auch gerne mal aufgenommen, wenn ihnen dazu nicht der D... im A... gefehlt hätte.
[D... im A...??? Daumen im Anzug? Druck im Aufzug? Dampf in der Autowaschanlage? Diese Redaktion steht auf T & A, aber D im A...?]
Etwas gröberer Stoff ist mit Houndog vertreten, mit Plaza so 'ne Art New York State Of Mind (Billy Joel) und für das heftige Shipping Steel (von "Breakfast At Sweethearts") verfällt die Band in einen schweren Bo-Diddley-Rhythmus, zu dem Dave Blight die Harp beisteuert. Da passt dann auch der Heavy-Blues Pretty Little Thing bestens dazu.

Außer den live bisher schwer bis gar nicht erhältlichen Songs macht auch der hervorragende Klang dieser Live-Scheibe die Kaufentscheidung leicht. So kommen Up-Tempo Rocker wie Merry Go Round hier richtig geil und allein schon Don Walkers Piano-Intro zu Khe Sanh verschafft einem eine Gänsehaut, die durch das einsetzende Publikum sowie durch die 1A-Mundharmonika von Dave Blight noch ins unermessliche gesteigert wird. Wahnsinn! Wenn heute noch mal eine australische Nationalhymne gewählt werden müsste - dieser Song wäre ganz vorne dabei.
Der erste Set ist damit beendet und Jimmy Barnes verkündet, dass sie in 10 Minuten zurück sein werden.

Ha! Von wegen! 5 Sekunden hab ich gebraucht um die zweite CD in den Player zu feuern!
Da geht's mit Cry Me A River zunächst mal jazzig-soulig zu. Four Walls, wiederum von "East", ist eine jener Gefängnis-Piano-Balladen von Don Walker, die so authentisch klingen und wahrscheinlich damals bei den "Prison-Gigs" von COLD CHISEL besonders viel Eindruck hinterlassen haben.
When The War Is Over (von "Circus Animals", 1982) ist eine weitere große Ballade, die vielleicht auch wegen des da noch aktuellen Golf-Krieges so eine überwältigende Reaktion im Zuschauerraum ausgelöst hat. Für die LITTLE RIVER BAND war es sicher kein schwerer Entschluss, diesen Song zu covern.
Drummer Steve Prestwich übernimmt die Lead-Vocals für All I Wanna Do, das er ja auch geschrieben hat, und das rein akustisch-folkig gespielt wird.

Ja, auch COLD CHISEL covern hin und wieder, und wohl als Hommage an Johnny Cash ist dessen Song Big River zu verstehen. Hat allerdings mehr von der Version von den BEAT FARMERS denn vom Original. Schadet nix.
Ab der Hälfte der zweiten Scheibe hagelt's Kult-Songs wie das herrlich swingende Saturday Night, das brutalstmögliche You Got Nothing I Want, das rasende Rising Sun (entstanden, als Jimmys, damals noch, Freundin mit ihrem nach Tokyo versetzten Vater Australien verlies. Jimms Ärger darüber meint man immer noch zu spüren...) und über Flame Trees und dem mitreißenden Bow River (wieder mit einer genialen Mundharmonika) landet man schließlich und unausweichlich bei Astrid, zu der ausgiebig Goodbye gesagt (geplärrt?) wird und das in einem ekstatischen Tempo, dass man um die doch nicht mehr ganz jugendlichen Herren Angst kriegen könnte - wenn es keine Australier wären.

Da muss man, nach überstehen dieses Finales, selbst als Zuhörer mal tief durchatmen. Abschließend kann man sich noch den Bonus-Track All I Wanna Do, diesmal mit Herrn Barnes als Sänger, anhören und sich weiter über dieses Album freuen und sich weiter darüber ärgern, dass wir Europäer die wohl nicht mehr live zu sehen bekommen.
(Tja, '83 war's, im Mai, als sie Roger Chapman auf einer ausgiebigen Deutschlandtour als Vorgruppe dienten...)

Epi Schmidt, (Artikelliste), 29.01.2004